Auf all diese Abenteuer, die für den gebannten Leser so unterhaltsam sind, könnte der Losgeschickte selbst allerdings gut und gern verzichten! Iwan Zarewitsch könnte seine Zeit auf dem Heuboden mit einer rotwangigen Bauernmagd verbringen, Bilbo eine Pfeife mit dem aromatischem Kraut der Halblinge schmauchen, Harry Potter in Sublimierung seiner Teenagerkomplexe auf seinem Besen fliegen und Atréju sich auf die Jagd nach purpurroten Bisons machen. Aber der Befehl ist nun einmal gegeben. Väterchen Zar scheucht seinen Jungen vom Hof, die strengen Zwerge zwingen Bilbo, sich auf die behaarten Füße zu machen, der schreckliche Basilisk huscht in seine Höhle, das Nichts zerstört methodisch Phantásien. Dem Helden bleibt keine andere Wahl als loszuziehen.
Freilich ist anzumerken, dass die genannten Suchen auf etwas Materielles gerichtet sind. Die Äpfel der ewigen Jugend, einen Sack voll Gold, ein finsteres Verlies unter der Schule (wobei natürlich jedes Kind weiß, dass es unter jeder Schule finstere Verliese gibt), eine Grenzsäule mit der Aufschrift: »Hier enden des Autors Phantasien«.
Nur in sehr, sehr seltenen Ausnahmen muss der Held nach etwas Immateriellem suchen. Nein, nicht nach etwas, »das es auf der schönen weiten Welt nicht geben kann«. Hinter dieser Phrase steckt ganz bestimmt das unsichtbare Monster aus der Feuerroten Blume, dieser russischen Variante von der Schönen und dem Biest. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass die Gefährten der kleinen Elli aus Wolkows Der Zauberer in der Smaragdenstadt dort nach Verstand, Beherztheit und Liebe suchten, am Ende jedoch nichts anderes erhielten als Holzklötze, Sägemehl und Rizinusöl.
Deshalb hatte ich denn auch erwartet, der Politiker Dima würde mir jetzt etwas davon erzählen, wie dringend unser Vaterland Gold und Brillanten bedürfe. Oder wenigstens uralter Geheimnisse und neuer Technologien.
Doch da sollte ich mich geirrt haben. Unrecht hatte ich ihm damit getan.
Ohne das Gesicht zu verziehen, nippte Dima an seinem inzwischen kalten sauren Kaffee. »Ich möchte dich bitten, für unsere Heimat eine nationale Idee zu finden«, sagte er schließlich. »Eine neue nationale Idee.«
Einen ausgedehnten Moment lang sahen wir einander an.
»Und was soll ich sonst noch finden?«, fragte ich. »Altruismus? Verstand, Ehre und Gewissen? Mehrwert?«
»An Altruismus glaube ich nicht. Verstand, Ehre und Gewissen hatten wir bereits. Auf Mehrwert können wir getrost verzichten, denn wir wollen ohne Revolutionen auskommen. Wir brauchen eine Weltanschauung.«
»Dima«, sagte ich in unnachgiebigem Ton, »reden Sie mit mir bitte in einfachen Worten. Ich will ja gern helfen. Soll es allen gut gehen, Russland, unserer Hauptstadt Moskau und der ganzen fortschrittlichen Menschheit. Allerdings bin ich ein geborener Dummkopf. Man muss mir die Dinge erklären, damit ich sie verstehe.«
»Es existiert eine Welt mit dem Namen Arkan. Die Zugänge zu ihr öffnen sich nur selten. Das letzte Mal gab es eine Tür im Ural, im Gebiet Orenburg ... Sie wurde 1954 auf Anordnung des Zentralkomitees der KPdSU zerstört. Der Befehl geht noch auf Stalin zurück, konnte zu seinen Lebzeiten jedoch nicht ausgeführt werden ...« Dima verstummte. »Nein, damit sollte ich nicht anfangen«, urteilte er dann kopfschüttelnd. »Die Funktionale reden nicht gern über Arkan. Das Wichtigste habe ich aber dennoch in Erfahrung gebracht. Arkan entspricht der Erde. Es ist die einzige Welt, die mit unserer hundertprozentig übereinstimmt. Mit einem Unterschied: Arkan ist der Erde um etwa fünfunddreißig Jahre voraus.«
»Aha«, sagte ich. »Dann ist es also unsere Zukunft?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete der Politiker. »Doch selbst wenn es unsere Zukunft ist, dann ist sie nicht vorherbestimmt. Sollten wir in diese Welt gelangen können ... ihre Zeitungen lesen, ihre Geschichtsbücher und Enzyklopädien auswerten ... dann wüssten wir, welche Gefahren unserem Land drohen könnten. Und was echte Patrioten unternehmen müssten, um ihrer Heimat zu helfen.«
»Haben Sie schon jemanden darum gebeten, die Tür dorthin zu öffnen?«, fragte ich. »Natalja vielleicht?«
Der Politiker verzog das Gesicht. »Dir ist nicht klar, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen ... Ja, ich habe sie gebeten. Sie hat mir geantwortet, die Türen ließen sich nicht auf Befehl öffnen. Danach ist sie nie wieder auf dieses Thema zurückgekommen. Ich habe nichts, womit ich sie unter Druck setzen könnte. Was könnte ich einem Funktional schon entgegensetzen?«
»Macht.«
»Das ist sehr schwer. Weißt du, wie vor einem halben Jahrhundert dein Kollege ums Leben gekommen ist? Jener Zöllner, der den Zugang nach Arkan kontrolliert hat?«
»Nein.«
»Egal, das braucht uns hier auch nicht weiter zu interessieren.« Der Politiker lächelte. »Jedenfalls hatte er sich geweigert, den Zugang nach Arkan zu schließen. Er hätte das auch gar nicht gekonnt. Im Grunde hätte er dafür seine Funktion aufgeben müssen ... und das wollte er nicht. Über ein Jahr lang hat die Regierung mit den Funktionalen verhandelt. Das Ganze wurde noch dadurch erschwert, dass ihr keine klare übergeordnete Macht habt, sondern nur ein lockeres System von Ältesten und starken Anführern. Schließlich billigten die Funktionale der Regierung der UdSSR das Recht zu, ihr Verhältnis mit dem unbotmäßigen Zöllner unter sich zu klären. Das riesige Land gegen ein einzelnes Funktional ... Ich glaube, deine Leute wollten einfach sehen, was dabei herauskommt. Wer wen in die Knie zwingt ...«
»Und?«
»Bis heute gibt es keinen Zugang nach Arkan mehr«, antwortete Dima ausweichend. »Soweit mir bekannt ist, auch in anderen Ländern nicht. Dabei brauchen wir ihn ... so dringend!«
»Gut«, kapitulierte ich. »Das ist interessant. Vermutlich auch nützlich. Ich bin einverstanden.«
Der Politiker schlug mir kräftig auf die Schulter. »Prima. Stell dir das doch bloß einmal vor ... wir wüssten, welche Gefahren dem Land von außen drohen, welche Maßnahmen der Regierung beim Volk Anklang finden und welche nicht, wie eine anständige Regierung auszusehen hat ... das wäre ein ungeheurer Vorteil!«
»Dann noch die Erdbeben, Brände, Terroranschläge, Katastrophen, Epidemien ...«, ergänzte ich.
»Tsunamis, Vulkanausbrüche«, pflichtete mir der Politiker bei.
Misstrauisch blickte ich ihm in die Augen. Machte er sich über mich lustig?
»Man muss global denken, Kirill«, sagte der Politiker vorwurfsvoll. »Stell dir vor, am Vorabend des Tsunamis im Pazifik hätte Russland die Völker dieser Region vor der Gefahr gewarnt! Wir hätten ja behaupten können, unsere neuesten Sputniks hätten das beobachtet ... Was hätte Russland da an Autorität auf der internationalen Bühne gewonnen!«
»Äh ... ja, klar«, räumte ich ein. »Das habe ich nicht bedacht. Also, was soll ich tun? Wie kann ich die Tür dorthin öffnen?«
Dmitri erhob sich und fing an, durch die Küche zu tigern. Dann schaute er durch das Fenster nach Kimgim. »Diese Welt ist sehr beliebt«, sagte er. »Jeder dritte Zöllner öffnet einen Zugang zu ihr. Sogar noch mehr ... Und weißt du auch, warum? Das ist ein Jules-Verne-Land. Eine Welt, in der die Technik an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert stehen geblieben ist. In der riesige Dampfmaschinen gebaut worden sind und man ein Schienennetz, keine Autobahnen anlegt hat. Wo in den Ozeanen Ungeheuer leben und der Erdball noch nicht vollständig erforscht ist ... Australien zum Beispiel ist noch nahezu unbesiedelt. Hier ist das Leben einfach, Kirill. Gemütlich. Viele verbringen gern ihren Urlaub hier.«
»Wer sind viele?«
»Politiker. Dort kommen sie nämlich auch auf ihre Kosten. Sie können auch da ihre Intrigen spinnen. Diese Welt ist ein Flickenteppich. Es gibt Stadtstaaten, Konföderationen unabhängiger Fürstentümer und freier Gebiete. Hier finden Spielzeugkriege statt, fünfhundert Mann gegen siebenhundert zum Beispiel. Mit klaren Regeln der Kriegführung. Sogar die Schurken sind ausnahmslos wie aus der Operette ... Viele von uns kaufen sich ein kleines Häuschen in einer Stadt, geben sich als Reisende aus ... und verbringen dort jedes Mal ihren Urlaub. Dem Volk sagen sie dann, sie flögen auf die Kanaren, dabei stehlen sie sich hierher, nach Erde-3.«