»Erde-3?«
»Gewiss. Glaubst du etwa, die ganze Welt würde nach einer einzigen Stadt benannt? Kimgim ist populär, aber mehr auch nicht ... Deine zweite Tür führt zu Erde-17. Dort gibt es keine Menschen. Anfangs hat man angenommen, durch diese Tür gelange man weit zurück in die Vergangenheit, aber dort wachsen ganz normale Pflanzen und leben die üblichen Tiere. Genau wie auf der Erde. Nur eben ohne Menschen. Ein sehr beliebter Ort zum Entspannen ... Sobald die ersten Touristen kommen, jag sie ein Stück weiter, damit sie ihre Schaschliks nicht direkt am Turm grillen. Sonst wird hier bald alles verpestet sein!«
»Wie soll ich das denn machen? Da werden doch vermutlich durch die Bank Politiker und Oligarchen antanzen. Oder etwa nicht? Und ein paar Kulturschaffende.«
»Wach auf, Kirill.« Dima warf mir einen ironischen Blick zu. »Was können Politiker und Oligarchen dir schon anhaben? Du gehst auf sie zu, ziehst die Augenbraue in aller Strenge hoch, drohst ihnen mit dem Finger - und schon herrscht Ordnung. Du kontrollierst einen sehr günstig in Moskau gelegenen Durchgang zwischen den Welten. Das fällt stärker ins Gewicht als hundert Ölfördertürme, glaub mir ...«
»Trotzdem verstehe ich nicht, warum sich die Türen eigentlich öffnen.«
»Die Türen führen in die Welten, in die du gelangen möchtest. Deshalb glaube ich ja auch, dass es dir gelingen könnte. Normalerweise ziehen Erde-3 und Erde-17 ganz unterschiedliche Menschen an. Du bist anscheinend vielseitig genug veranlagt, um beide Türen zu öffnen. Vielleicht gelingt es dir also auch mit Arkan?«
»Welche Nummer trägt diese Welt denn?«, wollte ich aus irgendeinem Grund wissen.
»Das ist eine episodisch geöffnete Welt. Solche Welten werden nicht nummeriert. Sie heißt einfach Arkan.« Der Politiker ging zur Treppe und sah mich nachdenklich an. »Ich muss jetzt los. Versuch es, Kirill. Ich glaube an dich. Ein, zwei Wochen bist du noch imstande, deinem Land zu helfen.«
»Und danach?«
»Danach wird es dir allmählich gleichgültig.« Dima breitete betrübt die Arme aus. »Deshalb war mir auch so daran gelegen, frühzeitig mit dir zu reden. Dir bleiben noch zwei Türen, Kirill. Zwei Welten. Ich bitte dich, alles daranzusetzen, diese Chance zu nutzen.«
Dann ging er die Treppe hinunter. Ich folgte ihm. Als ich den Politiker zur Tür brachte, konnte ich mich davon überzeugen, dass ihn in der Tat niemand hergefahren hatte. Oder aber die Leibwächter warteten in einiger Entfernung vom Turm auf ihn. Dima stellte den Kragen seiner Jacke hoch und stapfte davon, ganz wie ein Detektiv in einem klassischen Krimi vornübergebeugt.
»Eine nationale Idee«, sagte ich leicht verzückt, als ich die Tür schloss. »Klar! Nichts einfacher als das!«
Natürlich hatte das Anliegen des Politikers etwas für sich. Falls es wirklich eine Welt gab, in der der Kalender uns weit voraus war, warum sollten wir uns das dann nicht zunutze machen? Um Stroh an den Stellen auszulegen, an denen wir eventuell strauchelten?
Andererseits: War das denn überhaupt noch möglich? Schließlich ließen sich die Worte des Politikers auch dahingehend interpretieren, dass Stalin befohlen hatte, den Zugang nach Arkan zu zerstören, sobald er vom Zusammenbruch der Sowjetunion Kenntnis bekommen hatte. Gehen wir einmal von dieser Prämisse aus. Warum hatte er dann Chruschtschow und Gorbatschow in Ruhe gelassen?
Der gute Dima hielt doch mit etwas hinterm Berg! Wie viel einfacher ist es da doch, wenn dich jemand um etwas Konkretes bittet. »Und batz ... Hier, mein König, der Kopf des Drachen! Ich habe mein Versprechen gehalten!« Worauf die Antwort folgt: »Und ich halte das meine, Prinz! Ich gebe dir die Prinzessin zur Frau! Schmatz ... «
Dennoch nahm ich mir vor, mein Versprechen ehrlich einzuhalten.
Teilweise, um meinem Land zu helfen. Teilweise aus Neugier. Monsterkraken am Ufer und ein umschmeichelndes Tropenmeer in der Sonne sind zweifellos reizvoll. Aber werden die Menschen zum Mars fliegen oder Städte auf dem Mond bauen? Wird es zu einem Weltkrieg kommen? Kann man Krebs, Aids und Schnupfen heilen? Verfilmt Peter Jackson den Hobbit?
Unversehens malte ich mir ganz egoistisch all die Freuden aus, die mir dieses Türchen in die Zukunft bereiten würde. Freilich, ich konnte sämtliche Krankheiten von Funktionalen behandeln lassen und die kulinarischen Meriten in Felix’ Restaurant genießen. Doch keiner von ihnen würde einen Roman wie Umberto Eco schreiben, einen Film wie Spielberg drehen, ein Lied anstelle von Arbenin singen, nicht Fallout 3 veröffentlichen.
Ich würde es versuchen. Ich würde mich schlafen legen und von der Zukunft träumen.
So schnell sollte ich allerdings nicht ins Bett kommen.
Zunächst musste ich noch den Fußboden im Erdgeschoss zu Ende wischen. Anschließend sammelte ich den Müll vom Strand ein. Die vollen Bierflaschen brachte ich in die Küche, wo ich das Fehlen eines Kühlschranks bedauerte, weshalb ich ein paar Flaschen ins kalte Wasser legte. Ich kehrte noch einmal an den Strand zurück, setzte mich hin und schaute aufs Meer. Hinter mir ging die Sonne unter, und mein Schatten erstreckte sich bis hin zum Wasser. Der Schatten des Turms schien sich sogar bis zum Horizont zu dehnen.
Mich lange am Anblick des Sonnenuntergangs zu weiden war mir nicht vergönnt. An der Tür nach Kimgim klopfte es. Warum auch immer, doch ich nahm an, Zei sei zurückgekommen.
Vor mir standen dann allerdings zwei gut gekleidete Gentlemen (die Zunge weigerte sich, sie anders zu bezeichnen), die wie Vater und Sohn oder Onkel und Neffe wirkten und sich dafür interessierten, wohin man durch meinen Turm käme.
Moskau reizte sie nicht. Meinem Gefühl nach lockte sie überhaupt kein Ort unserer Erde, was ich ihnen sogar ein wenig verübelte. Die Tropenwelt sahen sie sich dagegen höchst interessiert an, am Ende passte jedoch auch sie ihnen nicht.
Wir verabschiedeten uns mit ausgesuchter Höflichkeit voneinander. Bei dieser Gelegenheit bot mir der ältere der beiden Männer, den ich insgeheim »Onkelchen« getauft hatte, eine Zigarre an. Ich ließ mir die Sache kurz durch den Kopf gehen, bevor ich das Geschenk annahm. In meinem Inneren schrillten keine Alarmglocken los. Offenbar durfte ein Zöllner kleinere Aufmerksamkeiten akzeptieren.
Kurz darauf klopfte es an der Moskauer Tür.
Diese Gruppe setzte sich aus den Stammgästen angesagter Partys und Nachtclubs zusammen. Obwohl ich mich nicht an seinen Namen erinnerte, erkannte selbst ich einen populären Rapper (in Wirklichkeit sah er noch wie ein Junge aus, wie ein selbstsicherer, großspuriger Junge) und eine siebzehnjährige Blondine aus einer dieser Girl-Groups à la Lollies, Poppies oder Lolliepoppies. Nie vermochte ich mir die Namen dieser seltsamen Formationen einzuprägen, bei denen es weder auf Stimme noch Text, sondern auf ein paar langbeinige flotte Sängerinnen ankommt, die sich voneinander einzig und allein durch die Farbe ihrer Haare unterscheiden.
Der Rapper und die Sängerin hatten ihre Entourage dabei, bestehend aus zwei Jungs und zwei Mädels. Offenbar Fans. Sie alle waren nicht älter als zwanzig. Die frechen Blicke, die teure Kleidung und die am Straßenrand geparkten Autos wiesen sie ebenfalls als Vertreter der Goldenen Jugend aus. Im Unterschied zum Rapper und zur Sängerin amüsierten sie sich freilich mit fremdem Geld. Ihre Mamas und Papas hatten sich irgendwann mal höchst erfolgreich ein Stückchen unseres Landes unter den Nagel gerissen. Und da das Land groß, das Stück üppig war, vermochten die Sprösslinge jetzt ihre Zeit damit zu verbringen, zwischen Pariser Boutiquen (extravagante Individuen bevorzugen die Londoner) und angesagten europäischen Discos (die avantgardistische Jugend wählt die japanischen) hin und her zu pendeln.
Von den sechs wusste nur einer über Funktionale Bescheid, nämlich der Rapper. Die Sängerin schien von einer Welt in die nächste zu reisen, ohne sich darüber auch nur im Geringsten zu wundern. Die Goldene Jugend - mein Vater nannte solche wie sie aus irgendeinem Grund Majore - hatte eine Heidenangst, was sie nur noch dreister und unangenehmer machte. Der Rapper wählte ohne viel Federlesens Erde-17. Kaum wurde die Jugend des Meers ansichtig, das golden in den Strahlen der untergehenden Sonne schimmerte, stimmte sie ein begeistertes und ausgefeiltes Gefluche an. Nur ein kupferrot gefärbtes Mädchen, das ihrem Galan an der schmalen Schulter hing, piepste etwas in der Art, dass die färöischen Inseln cooler seien. Warum ihr ausgerechnet die kalten Färöer einfielen, entzog sich meiner Kenntnis. Vielleicht war das der einzige Ort, an dem ihre Bekannten noch nicht gewesen waren und gegen den sie folglich nichts einzuwenden vermochten.