Zu gern hätte ich den Alkohol und die in Hemd- und Hosentaschen gestopften Psychedelika dieser Touristen konfisziert. Doch in das Reservat von Erde-17 durfte man jeden Mist mitnehmen.
Daher begnügte ich mich damit, ihnen eine gepfefferte Zollgebühr abzuknöpfen. Sogar für die Präservative, die Jungs wie Mädels mit sich führten.
Sie ließen es sich gefallen. Und die knapp zweitausend Rubel Gebühren zahlten sie, ohne mit der Wimper zu zucken. In meinem früheren Leben hätte ich mich in der gleichen unbekümmerten Weise von zwanzig Rubeln getrennt.
Nachdem ich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, ging ich hinauf in die Küche. Das Bier war inzwischen kalt geworden. Ich öffnete eine Flasche und riss ein Tütchen Pistazien auf. Ich trank ein Glas aus und goss mir ein zweites ein. Dann trat ich ans Fenster, das zum Reservat hinausging.
Die Jugend badete im Meer. Laut und ausgelassen. Ganz wie normale Menschen. Der Rapper und ein anderer junger Mann schwammen weit raus, die anderen planschten im flacheren Wasser. Ich blickte in Richtung Wald. Niemand. Irgendwo da befand sich die flüchtige Terroristin. Ihrer Spur folgte hartnäckig Kotja, der sich die verschwitzten Füße wund lief, das eine oder andere Mal stolperte, sich die Brille zerschlug ... Ohne Verletzungen, dessen war ich mir sicher, würde er sich durch diese hügelige Gegend nicht durchschlagen können!
Seufzend trat ich ans Fenster nach Kimgim. Dort war es inzwischen ganz dunkel, es schneite, leicht und weihnachtlich. Einzig die fensterlosen Ziegelbauten ringsum passten nicht ins Bild.
Schlecht hatte ich es getroffen! Ausgerechnet in der Nachbarschaft von Fabriken hatte mein Turm entstehen müssen! Wenn er doch bloß auf einem kleinen Hügel stünde, nicht weit von Felix’ Restaurant. Dann würde ich jetzt auf schmucke Häuschen mit Ziegeldach blicken, aus deren Schornsteinen ein wohlriechender Rauchfaden in den Himmel aufstieg, während Schlitten durch den Schnee fuhren, Kinder in den Höfen Schneeballschlachten veranstalteten, höfliche Gentlemen sich voreinander verbeugten, Damen in prachtvollen Kleidern ihre winzigen Hündchen Gassi führten ... Später würde ich ins Restaurant schlendern, eines dieser salzigen Schalentiere mit einer Beilage aus eingelegten Artischocken zu mir nehmen, Wein trinken und mich mit einem intelligenten Menschen unterhalten.
Oder wenn der Turm wenigstens am Ufer neben der Weißen Rose entstanden wäre! Dann stünde ich jetzt am Fenster und sähe auf das graue, trübe Meer hinab, auf die heimtückischen Tentakel der Kraken, die auf den Turm zukrochen. Ein kalter Wind würde mir die Haare zerzausen, während ich mit dem wissenden Lächeln eines vom Leben enttäuschten Mannes in die Ferne blickte. Möglicherweise würde ich mir sogar die geschenkte Zigarre anzünden.
Während ich langsam mein Bier austrank, fiel ich immer stärker in Melancholie. In Kotjas Anwesenheit durfte ich mich immerhin noch in der Illusion wiegen, ich hätte mich nicht ganz und gar von meinem bisherigen Leben verabschiedet. Jetzt hingegen, da ich die gesellige Jugend beobachtete, fühlte ich mich mit einem Mal sehr, sehr allein. Und alt obendrein. Dabei jedoch nicht durch Erfahrung weise, sondern lediglich müde und verbraucht.
Am Strand wanderten Champagnerflaschen von Hand zu Hand. Die Mädels stimmten einen hirnlosen Song an. Vermutlich einen aus dem Repertoire ihrer Idole.
»Wenn ihr rumgrölen wollt, macht das woanders!«, schrie ich aus dem Fenster.
»Halt doch die ...«, setzte einer der Fans vom Ufer an. Der Rapper stürzte jedoch wie von der Tarantel gestochen zu ihm, hielt ihm den Mund mit der Hand zu und erklärte ihm etwas mit gedämpfter Stimme. Der Junge begriff schnell. Mit dem gleichen inneren Engagement wie zuvor legte er los: »Verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir bitte, es kommt nicht wieder vor, wir werden keinen Lärm mehr machen!«
Ich schloss das Fenster und verzog das Gesicht. Ein toller Sieg! Ich hatte einem betrunkenen Halbstarken eine Abfuhr erteilt! Wahrlich ein unvorstellbarer Triumph für ein Funktional!
Es wurde Zeit, ins Bett zu gehen.
Aber einschlafen ließen sie mich denn doch nicht gleich. Der Rapper stellte sich als gar nicht so dummer Junge heraus und wusch seinem Kumpel tüchtig den Kopf. Eine halbe Stunde später klopfte die leise gewordene Gesellschaft an der Tür, verabschiedete sich ausgesprochen höflich von mir und kehrte nach Moskau zurück. »Solche«, riet ich dem Rapper beim Abschied, »bring nicht mehr mit!«
Der Junge nickte energisch. Mir war unklar, ob er schon lange in die Welt der Funktionale eingeweiht war, aber fraglos wusste er bereits, dass es sich nicht empfahl, sich mit uns anzulegen.
Nachdem ich hinter ihnen abgeschlossen hatte, wollte ich mich schlafen legen, fest entschlossen, die Tür kein weiteres Mal zu öffnen, wer auch immer klopfen mochte. Sollten doch ruhig Abgeordnete und Musiker an die Moskauer Tür wummern, sollten doch ruhig auf der Kimgimer Seite Felix und Zei hämmern und vom Strand her Kotja an mein Gewissen appellieren! Pech gehabt, sie alle müssten sich bis morgen früh gedulden.
Ich würde schlafen und mir die Tür in die Zukunft vorstellen. In die Welt mit dem Namen Arkan, wo wir aus fremden Fehlern lernen konnten ...
Beim Einschlafen dachte ich rechtschaffen nur an Arkan. Gegen Morgen jedoch, im Halbschlaf vor dem Aufwachen, träumte ich, die neue Tür würde sich erneut nach Kimgim öffnen, direkt ins Restaurant von Felix. Vorm Turm würde sich eine Gruppe von Funktionalen stauen, Männer wie Frauen, alt und jung, die mich in jeder nur denkbaren Weise beschuldigten, leichtfertig mit den Durchgängen zwischen den Welten umzugehen, ihren Wert nicht zu verstehen und weitere asoziale Verhaltensweisen an den Tag zu legen. All das schaukelte sich hoch, bis es schließlich zu einer Art Gewerkschaftsversammlung kam, bei der es Rügen, versteckte Gemeinheiten und eine allgemeine Aburteilung hagelte. Dann betrat Natalja die Bühne, schlug vor, mir, da ich ihr Vertrauen nicht gerechtfertigt hätte, den Turm zu entziehen und mich in die Reihen der einfachen Menschen zurückzuschicken. Aus der Menge trat sofort der Politiker Dima hervor, um diesen Vorschlag zu beklatschen. Seinem Beispiel folgten der Komiker Shenja und der junge Rapper, den ich nicht einmal namentlich kannte. Schon wogte die ganze Menge von Funktionalen auf mich zu, fuchtelte mit den Händen, warf mir Beleidigungen an den Kopf...
Daher schreckte ich alarmiert aus dem Schlaf. Ich blieb kurz liegen, um zu lauschen, wie mein Herz hämmerte. Im Traum hatte ich mich gefürchtet. Eine Heidenangst hatte ich davor gehabt, wieder zum normalen Menschen zu werden.
Wie aufgelöst ich gewesen war! Welche Panik ich gehabt hatte! Meine Eltern, meinen Hund, meine Freunde, meine Freundinnen - alles hatte man mir genommen. Doch man hatte mir nur ein geräumiges Gefängnis als Ersatz anbieten, anständig für meinen Lebensunterhalt sorgen und mir Amüsement in Aussicht stellen müssen - und prompt verlor ich kein Wort mehr darüber. Denn reden wir nicht um den heißen Brei herum: Der Turm war mein Gefängnis. Ein Pfosten, in den Boden gerammt und mit einer zehn Kilometer langen Kette daran. Und alles, was mir blieb, war ein runder Hof für einen Spaziergang an der Kette. Gut, fünf Höfe. Und vielleicht nicht zehn, sondern fünfzehn Kilometer.