Trotzdem reichte mir das nicht.
Jetzt werde ich nie nach Kuba gelangen. Obwohl ich es mir so gewünscht hatte! Und nach Neuseeland ebenfalls nicht. Wollte ich nämlich Felix glauben, würde meine Funktion dabei zerstört werden. Aber wieso diese exotischen Länder bemühen? Niemals würde ich mit meinen Freunden im Frühling nach Prag fahren, obwohl wir das immer geplant hatten ... Selbst auf die Datscha zu fahren durfte ich nicht riskieren, denn sie lag fast hundert Kilometer entfernt!
»Na und?«, fragte ich, während ich an die Decke starrte. »Alles kann man eben nicht haben! Ich bin jetzt quasi unverletzlich. Unglaublich stark. Vor meiner Haustür habe ich meinen eigenen Strand, eine anheimelnde kleine Stadt und ein großes Stück von Moskau. Manche Leute verbringen ihr ganzes Leben in einer Stadt ... Da wird mir doch wohl Kapotnja nicht fehlen, oder?«
Der Gedanke an Kapotnja beruhigte mich. Immerhin hatte ich es besser getroffen als mein Kollege aus dem Südosten.
Außerdem interessierte mich wahnsinnig, wohin sich über Nacht eine vierte Tür geöffnet hatte. Ob der ehrgeizige Politiker Glück gehabt hatte (und mit ihm die potenziellen Opfer von Tsunamis und Erdbeben).
Rasch zog ich mich an. Ich sah auf die drei offenen Fenster.
Unvermittelt fiel mir ein Lied ein, das mein Vater sehr gern gehört hatte. Darin ging es um einen Mann, der in einem alten Haus lebt, in dem er aus einem Fenster auf ein Feld, aus einem anderen auf einen Wald und aus dem dritten aufs Meer blickte. Vermutlich wurde da ein Zöllnerfunktional, wie ich es bin, besungen. Allerdings erinnerte ich mich nicht mehr, von wem es war. Irgendein Amateur, vielleicht ein bekannter Reisender oder Meisterkoch. Jedenfalls sang er erstaunlich gut, voller Inbrunst. Offenbar pflegte er sein Hobby schon seit geraumer Zeit. Ich musste mir das Lied besorgen und es mir wieder anhören.
In meinen drei Fenstern machte ich a) den schmutzigen grauen Himmel über Moskau, b) das saubere Winterblau über Kimgim und c) den absolut prächtigen rosaroten Sonnenaufgang über dem Meer aus. Ein Märchen!
Flüchtig orientierte ich mich über die Lage in den drei Welten. Ich vergewisserte mich, dass es vor keiner Tür eine Schlange gab und alles ruhig war, sogar in Moskau (wobei es in puncto Ruhe nichts mit dem morgendlichen tropischen Meer bei fabelhaften Wetter aufzunehmen vermochte).
Danach legte ich ein wahrlich heroisches Verhalten an den Tag. Zuerst ging ich nämlich nach oben, um zu duschen und einen präsentablen Menschen aus mir zu machen. Anschließend setzte ich den Kessel auf. Erst danach nahm ich mir die beiden verschlossenen Fenster vor.
Hinter den Läden des einen herrschte Stille. Für dieses Fenster war die Zeit noch nicht reif.
Hinter den Läden des anderen vernahm ich ein gleichmäßiges Rauschen. Nicht so laut wie die Meeresbrandung, aber dennoch unverkennbar.
Ich löste die Muttern, die sich ausgesprochen leicht herausdrehen ließen, fast, als hätten sie ihre Funktion eingebüßt und als könnten sie es gar nicht mehr erwarten, sich von den Gewinden zu lösen.
Schließlich klappten die Läden auf. Ich schaute aus dem Fenster und stieß einen Pfiff aus.
Alle Achtung!
Im Fernsehen wird in solchen Momenten eine Werbepause eingeschoben. »Gerade an der spannendsten Stelle«, wie es so schön heißt. Wenn ich meine Abenteuer einmal verfilmte, würde ich genau hier unterbrechen.
Übrigens erinnerte auch der Ausblick aus dem Fenster an einen Reklamespot, an einen dieser überzuckerten schnulzigen Clips, in denen Joghurt oder Obst- und Gemüsesäfte angepriesen werden. Einer von denen, wo die Vögelchen kleine Beeren sammeln, die Häslein Rübchen, die Würmchen winzige Äpfelchen und die Bärchen Honig, um sogleich die gesamte Pracht in einen Eimer voller Milch einer blitzblanksauberen kleinen Kuh zu geben, auf dass sie sich in einen appetitlichen bunten Brei verwandelt. Und wer jemals angesichts der Wohlanständigkeit der lieben Reklamekinderchen und des Enthusiasmus, mit dem der Großpapa in seinem Garten den ureigenen Saft aus einem Tetrapack trinkt, das große Kotzen gekriegt hat, muss gesehen haben, worauf mein Blick beim Hinausschauen aus dem Fenster fiel.
Grünes Gras! Damit man mich richtig versteht: knallgrünes, wie in den Werbespots, wo es manchmal gefärbt wird. Im wirklichen Leben bringt ein solches Grün nur ein chinesischer Filzstift zustande.
Und auf dieser grünen, sich bis zum Horizont erstreckenden Wiesen wuchsen in malerischer Unordnung ebenso knallige, entweder in voller Blüte stehende oder überreich Früchte tragende Bäume.
Muss ich wirklich noch erwähnen, dass der Himmel blau, die Sonne gelb, die Luft rein und wohlduftend war?
Am liebsten hätte ich am Knopf zur Farbregulierung gedreht und die Pracht ein wenig geschmälert - indem ich die grellen Farben gedämpft hätte.
Verglichen mit dieser Welt wirkte das Tropenidyll des Reservats fahl und verwaschen. Als ob man einen Gauguin erst nach Tahiti gebracht und ihn gezwungen hätte, ein Pastell zu malen, um ihm erst danach die kräftigen Acrylfarben auszuhändigen und ihn, unter Ausnutzung seiner Verwirrung, überzeugt hätte, eine mittelrussische Landschaft darzustellen - allerdings in schreienden Tönen.
Wie die Zukunft sah das in keiner Weise aus. Beim Anblick einer versengten Ebene, das gebe ich offen zu, hätte ich gestutzt und vermutet, ins Schwarze getroffen zu haben. Aber der Anblick, der sich mir aus dem Fenster bot, wollte nicht einmal zu meinen mehr oder weniger optimistischen Zukunftsphantasien passen.
Leider war ich auch kein wahnsinniger Sektierer. Denn in dem Falle hätte ich angenommen, das Tor zum Paradies geöffnet zu haben. Ich hätte mir die Kleidung vom Leibe gerissen und wäre frohen Herzens durchs Gras gerannt.
Natürlich zog ich mich nicht nackt aus. Aber ich ging nach unten und öffnete die Tür. Ich riss einen Grashalm aus und schnupperte argwöhnisch daran, damit ganz der russischen Manier folgend, in jedem Geschenk des Schicksals einen doppelten Boden zu vermuten.
Der Halm roch angenehm und schnitt mich nicht.
»Du musst schon entschuldigen, guter Mann«, sagte ich zu dem abwesenden Politiker im Tonfall des Pferdes aus dem Witz. »Ich hab mir alle Mühe gegeben ...«
Der Turm sah in dieser Welt auch komisch aus. Viel schmaler, als er sein müsste, und mit weißen Steinen verkleidet. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um polierten und gemaserten Marmor. Woraus sollte in dieser Märchenwelt denn sonst ein Turm erbaut sein? Wenn nicht aus Marmor, Jaspis, Malachit und anderen Edelsteinen?
Ich steckte mir den Grashalm zwischen die Zähne und marschierte vom Turm weg. Ich wollte versuchen, mich allein in dieser Welt zurechtzufinden, ohne die Erklärungen von anderen.
Und natürlich würde ich den Turm nicht mehr als zehn Kilometer hinter mir lassen.
Fünfzehn
Kinder verfügen über zwei Möglichkeiten der Fortbewegung, deren eine die meisten Erwachsenen eingebüßt haben. Die erste besteht im Trödeln und Bummeln. Die zweite in einem rennenden Gehopse. In der Regel wählt ein normales Kind die erste Form auf dem Weg zur Schule, die zweite auf dem Rückweg.
Bei Erwachsenen, wie nicht schwer zu erraten ist, verliert sich die zweite Möglichkeit.
Man kann darüber spekulieren, warum das so ist. Man kann ein paar kluge und geistreiche Bemerkungen über die Beweglichkeit der Gelenke und das Verhältnis von Körpergewicht und Muskelkraft fallen lassen. Man kann beim Gedanken an die Last der verlebten Jahre seufzen. Man kann etwas Hochtrabendes über die Reinheit der Seele, die zum Himmel strebt, und die begangenen Sünden, die uns an die Erde fesseln, vorbringen. All das wird zutreffen.
Nur ändert der Umstand, ob du Romantiker oder Pragmatiker bist, nichts am Resultat. Niemals wirst du rennend über eine grüne Wiese hopsen, wenn du dem Kindesalter entwachsen, aber dem Altersschwachsinn noch nicht anheimgefallen bist.