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Ich aber hatte Lust, zu hopsen und zu rennen. Außerdem wollte ich lachen, springen, mich im grünen Gras wälzen, mein Gesicht in die Sonne halten, mich mit ausgestreckten Armen hinlegen und in den blauen Himmel schauen, bis die Welt sich einmal gedreht hatte und man sich wie Atlas vorkommt, der auf seinem Rücken die weiche, elastische Erdkugel trägt - sie trägt und mit ihr ins unendliche reine Blau fällt. Mehr als alles andere wollte ich jedoch rennen.

Das tat ich dann auch. Mit dem Sport verband mich ein herzliches, aber kein enges Verhältnis. Früher wäre es mir nie in den Sinn gekommen, so zu rennen - nämlich nicht einem abfahrenden Autobus nach, nicht in ein Geschäft kurz vor Ladenschluss hinein, nicht hinter jemandem her oder vor jemandem weg, sondern einfach so. Und ich hätte es auch nicht geschafft. Jetzt lief ich einen Kilometer oder zwei, bevor ich begriff, dass mein Organismus überhaupt nicht auf diese körperliche Ertüchtigung reagierte. Selbst mein Atem ging nicht schneller. Wenn mir jemand den Puls gemessen hätte, wäre vermutlich keine Veränderung festzustellen gewesen. Meine Bewegungen waren geschmeidig und koordiniert, ich spürte, wie sich jeder einzelne Muskel beugte, das Blut durch meine Adern rauschte, die Nerven Impulse aussandten, die meine Beine zu ihren Bewegungen veranlassten. Mein ganzer Körper hatte sich in eine großartige, faszinierende Maschine verwandelt.

Voller Bedauern zwang ich mich dazu, mein Tempo zu verlangsamen. Ich hielt auf einen Baum zu, der mich bereits vom Turm aus mit seinen knalligen Farben frappiert hatte.

Ein ganz normaler Baum. Ein Apfelbaum. Mit durchaus gewöhnlichen Blüten. Aber wie viel Schönheit verbarg sich in dieser Profanität, wie zart schimmerten die weißen und rosafarbenen Blütenblätter, wie erstaunlich flaumig war ihr Rand! Und was für ein liebliches, betörendes Aroma jede einzelne Blüte verströmte!

Als ich über einen Zweig fuhr, schluchzte ich vor Rührung sogar auf. »Es blüht der Apfelbaum - was für ein Wunder ...«, intonierte ich mit einer Stimme, die innerer Aufruhr zittern ließ.

An die nächsten Zeilen erinnerte ich mich nicht mehr. Schade. Denn ich wollte singen. Lachen. Rennen. Mit Blumen werfen. Beobachten, wie eine Raupe über ein Blatt kriecht. So ein flaumiges Ding, das an den Kopf eines Neugeborenen erinnert, so ein grünliches Etwas mit weißen Punkten, ganz wie eine frische Gurke, das bei jeder Bewegung den Rücken wölbt, dass es lustig anzusehen ist. Eine wunderbare Raupe! Zulächeln wollte ich ihr - worauf sie mit einer weiteren komisch anmutenden Verbiegung reagieren würde, mit der sie sich in einen Smiley verwandelte, dieses Computerzeichen des Lächelns. Vermutlich könnte ich mit ihr sogar kommunizieren!

Da tat ich etwas Seltsames! Aus unerfindlichen Gründen hob ich die Hand, um mir eine Ohrfeige zu verpassen. Als sei ich eine junge Frau, die einen hysterischen Anfall erlitt. Einmal hatte ich dergleichen gesehen. Die heilende Kraft einer schlichten Schelle war ganz erstaunlich gewesen.

Nun durfte ich mich davon überzeugen, dass dieses therapeutische Mittel keinem Geschlecht den Vorzug gab. Die Ohrfeige wirkte bei mir nicht weniger ernüchternd als bei der aufgelösten Frau, die sich mit ihrem Freund gestritten hatte. Ich atmete tief durch, stieß einen Fluch aus und blickte mich noch einmal um.

Das, was mir eben passiert war, irritierte mich. Es war unnormal. Gewiss, vor mir lag eine phantastische Landschaft. Gewiss, über mir hing ein klarer Himmel. Gewiss, die Bäume, Blumen, das Gras ...

Dennoch war das kein Grund, von jedem Krabbeltierchen gerührt zu sein!

Doch die Euphorie wich von einer Sekunde zur nächsten. Ich wusste nicht einmal, womit ich das vergleichen sollte. Mit der Ausnüchterung eines Betrunkenen, der seinen Kopf unter kaltes Wasser hält? Nun ja, falls kaltes Wasser diesen Effekt haben sollte ... In phantastischen Romanen begegnet dir dergleichen mitunter: Der Held feiert und trinkt die ganze Nacht, dann schluckt er eine Tablette und fühlt sich einfach wunderbar. Anscheinend träumen alle Schriftsteller genau davon: von einem Rausch ohne Kater. Aber ich hatte ja gar keine Tabletten geschluckt ...

Wozu auch? Wenn meine Wunden im Nu verheilen? Schließlich war ich ein Funktional, dem ein schönes Repertoire an wunderbaren Fähigkeiten zur Verfügung stand. Die entscheidende dürfte dabei wohl die sein, dass ich nur in eine bestimmte Situation geraten musste - und schon wurden die notwendigen Fertigkeiten aktiviert!

Eben musste etwas in der Art passiert sein.

Nun sah ich mich mit anderen Augen um. Die idyllische Landschaft entzückte mich nicht länger. Später Frühling oder früher Sommer, dazu ein normaler Apfelgarten, nur sehr verwildert.

Was war mit mir los gewesen?

Wolkows Märchen vom Zauberer aus der Smaragdenstadt fiel mir wieder ein, die Stelle, als die kleine Elli mit ihrer bunt zusammengewürfelten Gefolgschaft zu einem Mohnfeld gelangt und die Düfte inhaliert, dieser minderjährige Junkie. Nebenbei bemerkt hegte ich bereits an der Wirkung von Mohndüften ernstliche Zweifel, und unschuldige Apfelbäume hätte ich nie und nimmer verdächtigt, eine berauschende Wirkung zu haben. Sicher, die Japaner geraten beim Anblick blühender Zierkirschen in Verzückung, doch sind die Gründe dafür nicht pharmakologischer, sondern ästhetischer Art. Von diesem Garten hier wäre nicht einmal unser russischer Botaniker Mitschurin enthusiasmiert gewesen. Er hätte einfach sein Gartenmesser herausgeholt und sich darangemacht, die Bäume zurechtzustutzen ...

Gut, ließ ich es mit den Äpfeln vorerst ihr Bewenden haben. Was gab es sonst noch? Die Luft. Damit kam ich der Sache schon näher ... Konnte eine überhöhte Sauerstoffkonzentration eine solche Wirkung haben? Eventuell schon. Das Stickoxidul sollte ich ebenfalls nicht außen vor lassen, schließlich wird es auch Lachgas genannt. Allerdings entsteht Stickoxidul nicht auf natürlichem Wege. Ganz im Gegensatz zu einer erhöhten Sauerstoffkonzentration in der Luft. In der Welt Kimgim gibt es kein Öl - auch das ein entscheidender Unterschied zur Erde, ein Unterschied von planetarischem Maßstab gar.

Abermals bedauerte ich, Kotja nicht bei mir zu haben. Er hätte sofort ein paar Hypothesen zur Hand gehabt, Experimente durchgeführt ... Selbst wenn er nichts herausgekriegt hätte, allein sein brodelnder Eifer hätte mich optimistisch gestimmt. Es gibt ja diesen Typ Mensch, der in angespannten Situationen beginnt, eine Unzahl kleiner Handlungen auszuführen. Den Puls eines Opfers zu messen, intensiv in die vorbeiziehenden Wolken zu starren, aufmerksam die Ausweise der Milizionäre zu studieren, verschiedene Telefonate zu führen und seltsame Fragen zu stellen ... In der Regel haben diese Aktionen nicht den geringsten praktischen Nutzen. Dafür beruhigen sich alle Übrigen ein wenig, sie fangen an sich zu konzentrieren und andere Maßnahmen einzuleiten, die - geringer in der Zahl und nicht derart auf den Effekt angelegt - entschieden wirkungsvoller sind.

Ein Experiment konnte ich freilich auch selbst durchführen.

Ich holte meine Zigaretten und das Feuerzeug aus der Tasche und drückte es, wobei ich das Ding vorsichtshalber mit ausgestrecktem Arm weit von mir hielt.

Von einer Feuergarbe zu sprechen ginge zu weit. Allerdings sah das Feuer anders aus. Es brannte heller, die Flamme erhob sich gleichmäßig und rein.

Lag es also doch am Sauerstoff?

Möglicherweise kam er zumindest als einer der Gründe in Frage ...

Seufzend und ohne mir eine anzuzünden steckte ich die Zigaretten wieder weg. Natürlich könnte ich mit einem hermetischen Gefäß zurückkommen und eine Probe der Luft entnehmen ... Die könnte ich dann in Moskau analysieren lassen. Da würde man mir alles haarklein erklären, mir Tabellen, Grafiken und Diagramme vorlegen ...

Brauchte ich das?

Letzten Endes lief doch alles immer wieder auf ein und denselben Schluss hinaus. Diese Welt war entweder für Funktionale oder für Menschen geschaffen, die dem Konsum von Drogen zuneigten. Möglicherweise wären der Rapper und seine Leute nur zu gern hierhergekommen. Oder solide Onkels mit Abgeordnetenzeichen am Revers. Lieder würden sie dann singen und nackt im Mondschein tanzen.