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In mir festigte sich der Eindruck, in eine Welt geraten zu sein, die absolut niemand brauchte. Kein schönes Gefühl, wenn ich ehrlich sein sollte. Für Kimgim und Erde-17 hatte ich aufrichtiges Lob eingeheimst ... Mit einem Mal begriff ich, dass meine Zukunft, sobald sich die fünfte und letzte Tür öffnete, besiegelt sein würde. Vier Welten (unsere Erde eingeschlossen) standen mir bereits zur Verfügung, in denen ich mich mit einem Radius von zehn Kilometern bewegen konnte. Was ergab das für eine Fläche? Pi mal r zum Quadrat ... Etwas in der Art. Mit der Geometrie hatte ich immer meine Schwierigkeiten gehabt. Aber runde dreihundert Quadratkilometer dürften mir in jeder Welt offen stehen. Insgesamt anderthalb Tausend Quadratkilometer.

Verglichen mit einer Gefängniszelle bedeutete das ein riesiges Gelände.

Verglichen mit Moskau sah die Sache schon anders aus. Die Stadt, das hatte sich mir in der Schule unauslöschlich eingeprägt, nahm eine Fläche von tausend Quadratkilometern ein.

Na schön, auf alle Fälle musste ich dieses Apfelreich gründlich erforschen ...

Zwanzig Minuten lang entfernte ich mich munteren Schrittes vom Turm, wobei ich mich immer mal wieder umdrehte. Verirren würde ich mich schwerlich. Mir war inzwischen klar geworden, dass ich den Turm sehr deutlich spürte, gleichsam als sei er ein Teil meines eigenen Körpers.

Der Garten behielt ungebrochen sein verwildertes und ungepflegtes Flair bei. Trotzdem ähnelte das Ganze einem Garten. Der Abstand zwischen den Bäumen war stets mehr oder weniger der gleiche. Die einzelnen Apfelsorten ließen sich klar voneinander unterscheiden, sie hatten sogar andere Farben. Außerdem standen die Bäume nicht in Gruppen zusammen, wie es ja die alte Weisheit, der Apfel fiele nicht weit vom Stamm, nahelegen würde. Nein, die einzelnen Sorten waren in Reihen angepflanzt, in sehr achtlosen, zugegeben, aber dennoch ... Insofern keimte in mir die schwache Hoffnung auf, in dieser Welt könnten doch Menschen leben.

Tatsächlich durfte ich mich ein paar Minuten später davon überzeugen. In der Luft hing plötzlich Essensgeruch. Ich rannte los, allerdings nicht in dieser ausgelassenen, sorglosen Weise, mit der ich in diese Welt gestürmt war, sondern eher in der entschlossen Art von Zei. Durch die Bäume hindurch schimmerte eine Wasserfläche, ein ruhiger, nicht sehr breiter Fluss. Ich lief zu ihm und blieb stehen.

Am anderen Ufer lag ein Dorf.

Selbst wenn man mir ein Bein ausriss: Das war eines von uns, eines von der Erde, das war ein russisches Dorf. In seiner schlechtesten Variante, eines, das die Patrioten ihr Geschrei von den Machenschaften des Feindes anstimmen ließ, während etwas vernünftiger denkende Menschen Projekte wie etwa die Suche nach einer nationalen Idee initiierten.

Kleine Holzhütten, schmutzige Fensterscheiben, schiefe graue Lattenzäune - all das strahlte jene jämmerliche Tristesse aus, die im Frühling in russischen Dörfern herrscht. In kargen Gemüsegärten wuchsen nur braune oder fahle Mohrrüben, die auf Leinen hängende Wäsche zeigte denselben staubfarbenen Ton. Zwischen den Häusern huschten magere bunte Hühner herum, die etwas im Staubboden suchten.

Ich selbst bin ein Städter. Solche Dörfer sehe ich normalerweise aus dem Fenster eines Zuges heraus, der einen gut situierten Moskauer nach Piter oder Jekaterinburg bringt. Immer tröste ich mich dabei mit dem Gedanken, solche Dörfer existierten nur entlang der Eisenbahnstrecken, in der Nähe der großen Städte, in die die Jugend, kaum hält sie einen Pass in Händen, flieht. Ansonsten gäbe es natürlich richtige Dörfer, wie sie aus dem Heimatkundelehrbuch bekannt sind. Mit ordentlichen Häusern, erbaut aus Ziegelstein oder Holz, gepflegten Vorgärten und geschnitzten Fensterrahmen ... Irgendwo musste es sie geben. Im Kubangebiet. Oder in Sibirien.

Hier hingegen drückte das triste Grau allem seinen Stempel auf, zumal vor dem grellen Hintergrund und der blühenden Natur.

Auch Menschen lebten hier. Am anderen Ufer des kleinen Flusses saß eine Gruppe von Männern und kleinen Jungen mit Angeln. Die Kinder waren sehr jung, hatten das Schulalter noch nicht erreicht. Aus irgendeinem Grund fiel mir das sofort auf, dieser Altersunterschied, denn beim Angeln erwartet man doch eigentlich Erwachsene und Jugendliche, aber keine Kleinkinder, die noch nicht mal in der Lage sind, eine Angel richtig in den Händen zu halten.

Außerdem lächelten sie durch die Bank. Sie unterhielten sich leise über etwas, indem sie sich Einwortsätze zuwarfen. »Fang!«, drang es zu mir herüber, »Aha!«, »Deiner!« und »Ja!« Als wollten diese Menschen sich nicht mit komplizierten Wörtern abmühen. Oder als könnten sie es nicht.

Ich setzte mich ihnen gegenüber ans Ufer. Mein Erscheinen nahmen die Angler gleichmütig hin, ja, sie interessierten sich kaum dafür. Hier und da lächelte jemand, mancher winkte mir munter zu. Aber das war’s auch schon.

Abermals holte ich meine Zigaretten heraus, zündete mir eine an und stierte aufmerksam zu den Anglern hinüber. Das waren Menschen von uns. Sie alle waren durchweg von der Erde. Nicht von hier und auch nicht aus Kimgim.

»Nein, Dima«, murmelte ich. »Ich glaube, diese Welt taugt nicht als neue nationale Idee. Und ich hoffe inständig, dass es nicht Arkan ist. Dass es nicht Russland im Jahre 2040 ist ...«

Einer der Angler erhob sich, sah mich an und legte seine Angel weg. Dann watete er ins Wasser - ohne sich auszuziehen oder die Schuhe abzulegen, ja, selbst die Hose krempelte er nicht hoch. Bis zur Mitte des Flusses lief er, dann schwamm er fünf Meter, um schließlich, abermals durch das flache Wasser stakend, auf mich zuzuhalten.

Das war doch immerhin eine Reaktion!

Ohne auf das an ihm heruntertriefende Wasser zu achten, trat der Mann an mich heran und ließ sich ins Gras plumpsen. Er lächelte mich gutmütig an. Obwohl er bereits einiges über vierzig gewesen sein dürfte, sah er muskulös, gesund und völlig zufrieden aus.

»Guten Tag, Jungchen!«

»Guten Tag, Onkelchen«, erwiderte ich.

Was sollte dieses Onkelchen? Wie kam ich darauf? Nur wegen des ›Jungchens‹? Der Mann nahm mir die Anrede jedoch nicht übel. »Hast wohl nichts zu rauchen?«, fragte er.

»Wieso nicht? Natürlich hab ich«, ging ich auf seinen Ton ein. Ich hielt ihm die Zigaretten hin. Der Mann zündete sich eine an, zwei weitere steckte er sich, mit einem Blick meine Zustimmung einholend, in die Tasche seines Hemds. Die immer noch feucht war. Ich zuckte bloß mit den Achseln.

»Mmh ...«, sagte der Mann, indem er den Rauch glückstrahlend ausstieß. »Ich heiße Sascha. Onkel Saschko.«

»Und ich bin Kirill.« Ich verkniff mir jeden ironischen Ton. Ein ganz gewöhnlicher Onkel.

»Kommst du von weit her, Kirill?«

»Nein.« Vage deutete ich mit der Hand in Richtung Turm. »Nicht von sehr weit.«

»Ist etwa ein neuer Durchgang da?«, freute sich der Mann. »Herrlich! Woher bist du?«

»Aus Moskau.«

»Und ich aus Poltawa.«

Mit dieser Mitteilung schienen alle Gesprächsthemen erschöpft, denn Onkel Saschko streckte sich nun im Gras aus, die Zigarette immer noch zwischen die Zähne geklemmt.

»Und lebst du schon lange hier, Onkel Saschko?«, wollte ich wissen.

»Tja ...« Er antwortete nicht gleich, sondern ließ die Zigarette von einem Mundwinkel zum anderen wandern. »Zwei Jährchen. Oder drei. Wann hat man den Gorbatsch abgesägt?«

»Meinst du Gorbatschow?«, fragte ich erstaunt. »Den Präsidenten der UdSSR?«

»Genau den!«

»Aber das ist doch schon zehn ... nein, was rede ich denn da, das ist schon fünfzehn Jahre her. Ich erinnere mich nicht mal mehr richtig an ihn«, gestand ich aus irgendeinem Grund.

»Fünfzehn? Oho!«, entzückte sich Saschko. Doch damit erlahmte sein Interesse an der Zeit, die er außerhalb der Erde zugebracht hatte, auch schon wieder. Er schob die Hände unter den Kopf und zog voller Vergnügen an seiner Zigarette, bevor er die Kippe mit meisterhafter Vollendung Richtung Fluss ausspuckte.