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»Leben hier viele Menschen?«, erkundigte ich mich.

»Jetzt schon«, gab Saschko bereitwillig Auskunft. »Aber am Anfang war ich ganz allein ... Na ja, nicht allein, mit ein paar Kumpeln ... Nach und nach kamen mehr Leutchen her.«

»Und wie seid ihr hierhergelangt?«

»Na ja, wie’s so kommt ...« Saschko stieß einen Seufzer aus, der jedoch nicht verzweifelt klang, sondern einfach dazuzugehören schien. »Hab mich mit einem Burschen beharkt ... so einem Neunmalklugen! Ich hau ihm eins aufs Auge, kassiere von ihm die entsprechende Antwort. Hätte dann Ruhe geben sollen ... aber nein, ich bin ihm nach ... Na ja, hab ihn auch gekriegt ... Der hatte ein komisches kleines Haus. Hundert Mal war ich schon dran vorbeigegangen, ohne es zu bemerken. Bin dann nachts mit zwei Kumpeln wieder hin. Komm jetzt ja nicht auf falsche Gedanken! Wir wollten ihm bloß’ne ordentliche Abreibung verpassen! Gut, wir hatten Eisenstangen dabei ... haben ja gesehen, dass der was aufm Kasten hatte ...«

Saschko verstummte. Ich nickte, auf jede weitere Präzisierung verzichtend. Selbstverständlich vermochten die drei Schwachöpfe nicht einmal bewaffnet etwas gegen ein Funktional auszurichten, zu dessen Fähigkeiten auch der Faustkampf gehörte. Das ist etwas anderes, als eine halb verrückte Alte zu fesseln.

Und dann hatte man sie hierher verfrachtet ...

»Wie heißt diese Welt?«, fragte ich.

»Nirwana«, antwortete Saschko bereitwillig.

Ich erhob mich und schaute noch einmal zu dem armseligen Dorf samt seinen zufriedenen Einwohnern hinüber. Aus einem der Häuser trat eine dicke rotblonde Bauersfrau heraus, die mit kehliger Stimme etwas für meine Ohren nicht allzu Verständliches rief. Erst nach einer Weile begriff ich, dass sie gar kein Russisch sprach, sondern Norwegisch oder Schwedisch. Schließlich stand einer der Angler auf, schnappte sich das neben ihm sitzende Kind von drei oder vier Jahren, setzte es sich auf die Schultern und marschierte zum Haus.

Zu meinem Erstaunen scherte er sich in keiner Weise um das Schicksal seiner Angel. Er ließ sie einfach am Ufer liegen, wobei die Schnur im Wasser schlingerte.

Dergleichen musste sehr bequem sein, keine Frage! Nicht ganz mit einem Gefängnis zu vergleichen. Und auch nicht mit einer Irrenanstalt. Eine knallbunte, gemütliche, gefahrlose Welt, in der aus einer Laune der Natur heraus ein Mensch in den Zustand leichter Euphorie gerät. Kam jemand einem Funktional in die Quere, brauchte man ihn nicht umzubringen oder einzuschüchtern. Man kassierte ihn einfach ein und lieferte ihn in Nirwana ab - von wo er aus freien Stücken nie wieder fort wollte. Um der Menschlichkeit Genüge zu tun, stellte man sogar kleine Fertighäuschen bereit (ich war mir sicher, dass Onkel Saschko und seine Kameraden sich darum nicht selbst gekümmert hatten), pflanzte Apfelbäume ... Am anderen Ufer des Flusses schienen Kartoffeläcker zu liegen. Im Fluss gab es Fische. Die Hühner legten Eier. Was brauchte man sonst noch zum Leben?

Sollte etwas fehlen, würde man es ihnen zur Verfügung stellen, daran hegte ich keinen Zweifel. Seien es nun Aspirin und Antibiotika oder Kleidung. Vermutlich versorgte man sie sogar mit Milchpulver für die Kinder ...

Nun begriff ich auch, warum im Dorf ausschließlich Erwachsene oder kleine Kinder lebten. Die Besiedlung Nirwanas im großen Maßstab musste vor sieben oder acht Jahren begonnen haben. Danach kamen die Kinder zur Welt (die Euphorie erstickt offensichtlich nicht jedes Verlangen), die aber noch nicht herangewachsen waren.

Tadel würde ich mir für diese Welt vermutlich keine einfangen. Sie dürfte maßgeschneidert für die Bedürfnisse der Funktionale sein.

Aber warum? Warum hatte ich einen Durchgang ausgerechnet in diese Welt geöffnet?

Und plötzlich wusste ich ganz genau, warum. Hatte ich denn nicht die Zukunft Russlands sehen wollen? Und war es etwa meine Schuld, dass in meinem Bewusstsein nun mal folgendes Bild abgespeichert war: apathische Drogenabhängige, die lustlos in der Erde herumstochern, sich nicht weniger lustlos fortpflanzten und ein absolutes Desinteresse an den Tag legen?

Der Politiker hatte mich überzeugt, die Tür nach Arkan zu öffnen. Dabei hatte er jedoch so viel über die Zukunft Russlands gesprochen, dass ich im Traum genau die Welt ›gefunden‹ hatte, die meinen Vorstellungen von dieser Zukunft am nächsten kam. Hätte ich an kristallene Städte und Marmorpaläste geglaubt, wäre ich möglicherweise in die entsprechende Welt geraten.

Worte sind tückisch. Wenn du dein Gegenüber nicht richtig verstehst, dann kannst du dich drehen und wenden, wie du willst, der erste - der falsche - Gedanke hakt sich in deinem Unterbewusstsein fest.

»Wo kommen denn die Leute her, Onkel Saschko?«, fragte ich.

»Vom Oberlauf des Flusses«, teilte mir der ehemalige Poltawer mit. »Da gibt’s’nen Durchgang. Ganz in der Nähe, ein halbes Stündchen von hier.«

»Aha.« Ich dachte kurz nach, holte dann das Päckchen Zigaretten heraus und gab ihm noch ein paar. »Vielen Dank. Sag, Onkel Saschko, willst du denn nicht nach Poltawa zurückkehren?«

»Was hab ich da verloren?« Die Verwunderung des Mannes war unverfälscht. »Soll ich wieder nur Wurst auf Lebensmittelkarten kriegen? Oder ein Hühnchen zu den Feiertagen?«

Die Erklärung, dass Karten für Wurst ebenso lange der Vergangenheit angehörten wie der ehemalige Generalsekretär Gorbatschow, sparte ich mir. Was wusste ich denn, wie man heutzutage in Poltawa lebte? Geschweige denn, wie Onkel Saschko dort zurechtkommen würde, nachdem er fünfzehn Jahre in diesem Paradies für Kiffer zugebracht hatte?

»Bleib doch«, forderte Saschko mich auf. »Iss mit uns, meine Frau hat heute Morgen Borschtsch mit Huhn aufgesetzt.«

Klar, natürlich. Wo es hier Männer und Frauen gibt, wäre es absurd, von ihnen ein Mönchsdasein zu erwarten. Familien entstanden, Kinder kamen zur Welt. Vielleicht auch in umgekehrter Reihenfolge. Das spielte keine Rolle.

»Vielen Dank. Aber ich brech jetzt auf.«

»Wie du willst.« Onkel Saschko erhob sich und klopfte den an seinem Hemd klebenden Sand ab. »Besuch uns mal. Ist doch schön hier, oder? So schön - da willst du nicht mal einen heben!«

Doch auch dieses Argument stimmte mich nicht um. Denn ich wollte zu gern mit meinem hiesigen Nachbarn, dem Funktional, sprechen.

Angesichts der zeitlichen Desorientierung, die im Kopf von Onkel Saschko herrschte, vermutete ich, mich erwarte ein mehrstündiger Fußweg. Aber die Entfernung betrug nicht mehr als drei Kilometer, also tatsächlich nur eine halbe Stunde im gemächlichen Schritt eines Touristen. Das linke Ufer säumten saftige grüne Wiesen, am rechten, an dem ich entlangging, zog sich nach wie vor der verwilderte Apfelgarten hin.

Mein Kollege, der Zöllner, lebte auf dem Fluss. Und zwar wirklich auf dem Fluss. Diesen teilte nämlich ein kleines Wehr, in dessen Mitte ein Wasserrad aufragte, das vielleicht doppelt so groß war wie ein Mensch. Und über dem Wehr und dem Rad erhob sich, auf dicken Holzbalken ruhend, etwas, bei dem es sich vermutlich um eine Mühle handelte. Auf jeden Fall verband ein Keilriemengetriebe das Wasserrad und diese Konstruktion, in deren Innerm sich etwas drehte und krachte. Schmale Holzbrücken, zwischen deren Brettern deutliche Spalten klafften, führten zu beiden Uferseiten. Die Tür, zumindest die zum rechten Ufer, stand offen. Dahinter tanzten rote Lichtreflexe, gleichsam als brenne ein Feuer.

Übrigens brannte dort in der Tat ein Feuer, denn leichter Rauch stieg zum Himmel auf.

»He, Nachbar!«, schrie ich, während ich vor der Brücke haltmachte. Aus irgendeinem Grund spürte ich, dass ich sie besser nicht ohne Erlaubnis betrat. Das wäre unhöflich. »Was macht die Mühle? Klappert sie?«

Ein freundliches Gelächter erklang. Schließlich erschien mein Kollege vom Zoll in der Tür. Eine hochgewachsene, breitschultrige Frau in Lederhosen und einer derben Lederschürze um den nackten Körper. Unwillkürlich wandte ich den Blick ab und konzentrierte mich ausschließlich auf ihr Gesicht. Die hellbraunen Haare waren zu einem strammen Knoten hochgesteckt und mit einem, hm, ich würde sagen, mit einem Band, aber nicht aus Stoff, sondern aus winzigen silbernen Kettengliedern umwickelt. Die Frau hielt eine massive Metallzange in der Hand, zwischen der ein rotglühend erhitztes Stück Metall steckte.