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»Hallo, Nachbar!«, begrüßte sie mich. »Schon seit heute Morgen habe ich gespürt, dass eine neue Tür aufgegangen ist. Die ganze Zeit über habe ich auf dich gewartet. Allerdings klappert hier keine Mühle, so leid es mir tut. Das ist eine Schmiede.«

»Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung ...« Ich wusste nicht einmal, was mich stärker in Verlegenheit brachte, mein Irrtum oder der Anblick dieser ... wie nannte man eine wie sie? Schmiedin?

»Ich bin Schmied«, sagte die Frau lächelnd. »Zerbrich dir nicht den Kopf, es gibt kein Wort für einen weiblichen Schmied. Ich bin der Schmied Wassilissa.«

»Und ich bin der brave Junge Iwanuschka und suche meine Braut, die der böse Zauberer Kaschtschej entführt hat«, konnte ich mir eine Anspielung auf eines unserer Märchen um die schöne Wassilissa nicht verkneifen.

Wie oft hatte Anka mir meine Neigung zu dummen Witzen vorgehalten. Nie hatte ich ihr widersprochen. Aber manchmal glückte mir eben doch einer.

So wie jetzt, da der Schmied Wassilissa die Zange weglegte. »Wirklich?«, fragte sie mit aufrichtiger, unverfälschter Neugier.

»Nein, natürlich nicht. Da ist nur meine romantische Ader mit mir durchgegangen.« Ich breitete die Arme aus. »Schmiedin ... Wassilissa ...«

»Das ist, nebenbei bemerkt, ein sehr schöner, ein uralter russischer Name«, sagte die Frau leicht verärgert. »Nenn mich bloß einmal Wassja, und ich verpass dir eine. Ich habe eine kräftige Hand, das ist dir ja wohl klar ... Komm rein, Kirill, sei mein Gast.«

Hatte ich anfangs den Eindruck, sie sei älter als ich, so meinte ich jetzt, wir seien mehr oder weniger gleichaltrig. Sie strahlte eine gutmütige Schlichtheit aus, wie man sie tatsächlich von den Figuren aus Volksmärchen kennt.

Das Erdgeschoss nahm die Schmiede ein. Ich weiß nicht, wie diese Werkstätten normalerweise aussehen. Hier jedenfalls standen fünf oder sechs Ambosse, in einer Reihe, ganz außen ein großer, der an einen Tisch erinnerte, am anderen Ende ein winziger, der größte Geschicklichkeit voraussetzen dürfte. Außerdem gab es drei Feuer, ebenfalls von unterschiedlicher Größe. Entfacht war das mittlere. Auch riesige Blasebälge fehlten nicht, die direkt von einer Skizze da Vincis zu stammen schienen. Sie waren es, die das Wasserrad bewegte. Die Bälge saßen auf einer Drehscheibe und konnten an jedes Feuer angeschlossen werden. Auf dem Boden türmten sich Berge von Eisen, ein erstaunliches Sortiment aus verrosteten Federn und funkelnden Schwertern.

»Gefällt’s dir?«, fragte Wassilissa neugierig. »Natürlich gefällt’s dir, das merke ich doch. Komm, ich schenk dir was ...«

Den Schrott durchwühlte sie allerdings nicht. Stattdessen öffnete sie einen Schrank an der Wand, einen ganz normalen Schrank, nur dass er keine Hemden und Laken enthielt, sondern Waffen.

»Nimm das!«

Sie reichte mir einen langen Dolch in einer Lederscheide. Der Griff war solide und sorgfältig gearbeitet, ein Meisterwerk, mit weißgegerbtem Leder umwickelt. Die Waffe sah prachtvoll und - im Unterschied zu den Souvenirs, die in Geschäften verkauft werden - gefährlich aus.

»Vielen Dank.« Mir war klar, dass ich das Geschenk nicht zurückweisen durfte. »Aber weißt du, Klingen darf man nicht verschenken ...«

»Ich bin nicht abergläubisch.«

»Aber ich.« In meiner Tasche fand ich einen Rubel, den ich Wassilissa gab. »Also ... vielen Dank, Nachbarin. Eine Meist... ein echter Meister bist du!«

O ja, das Wort »Meisterin«, mochte es auch noch so gut auf Stick- und Häkelarbeiten passen, verbot sich von selbst, wenn es um das Schmieden eines Dolchs ging.

»Eine Närrin bin ich«, seufzte Wassilissa. »Wer braucht denn all den Kram schon?« Sie winkte ab. »Gehen wir nach oben, dann mache ich dir einen Tee ... Woher kommst du, Kirill?«

»Aus Moskau.«

»Ich bin aus Charkow.«

Sie war zweiundfünfzig Jahre alt. Sie sah aus wie knapp über dreißig, aber dergleichen verwunderte bei Funktionalen ja nicht. Früher hatte sie in einer Traktorenfabrik gearbeitet, und zwar nicht in der Buchhaltung oder Gewerkschaftsleitung, sondern in der Schmiede. Natürlich schwang sie nicht den Hammer, sondern bediente die Schmiedepresse.

Irgendwann nahm die übliche Geschichte ihren Lauf. Auf der Arbeit wusste man nicht mehr, wer sie war. Da sie sich jedoch stur stellte, schaffte sie zweimal eine Neueinstellung, aber am nächsten Tag hatte man sie jedes Mal wieder vergessen. Ihr Mann schlug ihr die Tür vor der Nase zu, ohne etwas auf das Gejammer ihrer Kinder zu geben. »Seid ihr denn verrückt geworden? Eure Mamka ist vor drei Jahren gestorben!« Anscheinend suchte das Unterbewusstsein der nächsten Angehörigen stets nach einer Erklärung. Am übernächsten Tag wussten dann auch ihre Kinder nicht mehr, wer sie war. Dafür händigte ihr ein Postbote auf offener Straße ein Telegramm aus, das sie zum Stadtrand beorderte. Dort fand sie keinen Turm vor - sondern ein kleines, leer stehendes Häuschen, erbaut aus Ziegelsteinen.

Ihr standen nur drei Türen zur Verfügung. Eine führte selbstverständlich nach Charkow. Die zweite in eine öde Steinwelt mit eisigen Wintern und stickig heißen Sommern. Laut der Funktionale handelte es sich dabei um die Welt Nummer vierzehn, mit der niemand etwas Gescheites anzufangen wusste. Die dritte Tür brachte sie hierher, nach Nirwana. Und an dieser Welt hatten die Funktionale durchaus ein Interesse.

»Als Ort der Verbannung«, sagte ich, während ich am Tee nippte. Wassilissa hatte den Tisch im ersten Stock gedeckt, das typische Werk einer Frau, mit Tee, verschiedenen Sorten Marmelade, Früchten und Waffelkeksen. Auch Kognak hatte sie mir angeboten, den ich jedoch abgelehnt hatte. Wassilissa hatte sich ein helles Kleid angezogen und trug das Haar jetzt offen, sodass sie nicht mehr ganz so extravagant aussah, sondern wie eine starke Frau wirkte, die Hammerwerfen oder Kugelstoßen betreibt. Zudem hatte sie jede Ähnlichkeit mit einem Mann verloren und gab nun eine durchaus attraktive Frau ab - selbstverständlich nur, falls man etwas für ausgesprochen starke Frauen übrig hatte.

»O nein, es geht nicht nur um die Verbannung«, protestierte Wassilissa. »Das kommt natürlich auch vor. Wenn jemand plötzlich ... Aber im Grunde ist das hier eine Welt, die Perspektiven hat.«

Ohne Frage machte es ihr zu schaffen, ausgerechnet eine Tür zu einem Verbannungsort geöffnet zu haben.

»Perspektiven?«

»Gewiss doch. Das Leben hier ist sehr bequem. Aber normale Menschen fallen in ihr in einen Rauschzustand.«

»Mir ging’s zunächst genauso. Alles ist so knallig ... aber auch schön ...«

Wassilissa nickte verständnisvoll.

»Liegt das am Sauerstoff?«, wagte ich einen Erklärungsversuch.

»Was?« Wassilissa zeigte sich höchst erstaunt. »Was hat der Sauerstoff damit zu tun? Das sind Psychedelika.«

Mir gegen die Stirn zu schlagen - das war die einzige Reaktion, zu der ich mich imstande sah. Ich Idiot! Selbst wenn ich nie Drogen eingenommen hatte, die Symptome waren doch einfach klassisch!

»Das Klima hier ist sehr mild«, fuhr Wassilissa fort. »Selbst im Winter fällt kein Schnee. Es wachsen winzige Pilze, deren Sporen zu den Psychotomimetika mit LSDähnlicher Wirkung gezählt werden können. Obwohl sie vom Effekt her weniger mit LSD als vielmehr mit Meskalin zu vergleichen sind ... Wie du siehst, habe ich mich eingehend mit dieser Frage beschäftigt. Schließlich kriege ich sonst kaum etwas zu tun, zu mir kommen nicht viele Kunden ...«