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Die Idee, Nirwana zu kolonisieren (immerhin die Welt Nr. 22), war den Funktionalen fast auf Anhieb gekommen. Wassilissa sollte die Verantwortung für dieses Projekt übernehmen. Neben den Menschen, die auf die eine oder andere Art mit den Funktionalen in Konflikt geraten waren, schickte man Alkoholiker und Drogensüchtige hierher, die in der Regel begeistert den kostenlosen Dauerkick akzeptierten, der obendrein weder durch Turkey noch durch einen Kater getrübt wurde. In der Tat, das hier war ein Junkieparadies. Und niemand machte Anstalten, Nirwana zu verlassen.

Der Apfelgarten war Wassilissas Idee gewesen. Soweit ich es verstand, hatte sie ihn in den ersten Jahren allein angelegt. Möglicherweise hatte sie dabei ein bestimmter Sinn für Ironie geleitet, der sie Nirwana als Parodie auf den Garten Eden gestalten ließ; vielleicht lag dem Ganzen auch nur die nüchterne Kalkulation zugrunde, dass der Apfel der anspruchsloseste Obstbaum ist. Nach einigen Wochen der vollständigen Desadaption zeigten sich die Bewohner Nirwanas sogar in der Lage, in bescheidenem Umfang selbst für ihr Überleben zu sorgen: Sie fingen Fische, bauten Gemüse im Garten an und hielten sich Hühner.

»Wir setzen große Hoffnungen auf die Kinder«, erklärte Wassilissa. »Die Erwachsenen passen sich mit der Zeit an, werden den Rauschzustand jedoch wohl nie ganz überwinden. Aber die Kinder, die hier geboren wurden, sind fast vollständig assimiliert. Sie sind zärtlich und ausgelassen. Ein wenig fahrig, aber in der Lage zu lernen.«

»Unterrichtest du sie?«, fragte ich.

»Ja.« Aus irgendeinem Grund errötete sie, als habe ich sie eines ungehörigen Verhaltens überführt. »Lesen, Schreiben, Rechnen. Die älteren können schon allein lesen und bitten mich, ihnen Bücher zu besorgen. Fantasy und Science Fiction lieben sie sehr, vor allem unsere Bücher über Kinder, die eine Zauberschule besuchen. Puh, Unmengen davon habe ich schon angeschleppt! Nur gut, dass viele Bücher dieser Art erscheinen, jeden Monat kommt ein neues heraus. Harry Potter lesen sie allerdings nicht gern, das ist schon zu anspruchsvoll, und da sie sich nicht konzentrieren können, bocken sie dann. Ich besuche sie oft, um zu sehen, wie es bei ihnen steht. Hab ja sonst nicht viel zu tun. Man muss ihnen einfach helfen, und zwar sowohl den Kindern als auch den Erwachsenen ...«

»Und wenn wir sie in unsere Welt brächten?«, wollte ich wissen. »Zumindest die Kinder? Warum sollen sie hier leiden?«

»Was heißt ›hier leiden‹?«, empörte sich Wassilissa. »Hier leben ihre Eltern, die sie lieben. Hier gibt es keinen Krieg, keine Verbrecher, hier wird niemand umgebracht. Alle sind satt und haben etwas zum Anziehen. Außerdem dürften sie sowieso nicht zu uns.«

»Warum nicht?«

»Dann würden sie unter Entzug leiden«, klärte Wassilissa mich auf.

»Sag mal, Nachbarin«, meinte ich nach kurzem Schweigen. »Warum bringst du diese Pilze nicht zu uns?«

»Vergiss es, die gehen in unserer Welt ein«, antwortete Wassilissa, ohne mir die Frage krumm zu nehmen. »Das ist bereits erwiesen.«

»Und wenn man sie kultivieren würde?«

Sie sah mich begriffsstutzig an. Dann brach sie plötzlich in schallendes Gelächter aus, das jäh abriss. »Nein, Nachbar. Das wäre fatal. Hast du schon mal erlebt, wie ein Mensch Holz hackt, sich die Hand abhaut, einen Lachanfall kriegt, sich hinsetzt und glotzt, wie das Blut aus ihm herausfließt?«

»Nein.«

»Ich schon.«

»Entschuldige.« Leichte Scham überkam mich. »Ich mache öfter so blöde Witze.«

»Ist mir schon aufgefallen. Willst du Marmelade?«

Die lehnte ich jedoch ab. Stattdessen stand ich auf, ging durchs Zimmer und schaute zu den Fenstern hinaus. Auf der Charkower Seite handelte es sich hier um den ersten Stock eines Gebäudes, das in einer ruhigen und ungeachtet des späten Herbstes grünen und sonnigen kleinen Straße stand. Leicht gekleidete Menschen gingen vorbei. In einer Entfernung von einem Kilometer ragten aus dem Dach eines hohen Stalinbaus Antennen heraus, beinahe wie bei einer Relaisstation vom Fernsehen. Eine freundliche Stadt ... Ich merkte mir vor, sie einmal zu besuchen, Pelmeni zu essen und Wodka zu trinken. Natürlich nur, falls sich ein Restaurant oder Café in der Nähe fand, schließlich spannte meine Verbindung zum Turm schon jetzt. Einen Kilometer weiter könnte ich wohl noch gehen. Oder zwei, vielleicht sogar drei. Aber mehr nicht.

Vor dem zweiten Fenster bot sich ein weit weniger idyllisches Bild. Niedrig hängende graue Wolken, durch die die Sonne kaum zu dringen vermochte, eine schneebedeckte Ebene, über die der Wind winzige pikende Eiskörner trieb.

»Vor dieser Tür lagern zwei Zentner gefrorenes Obst. Ich benutze diese Welt als Kühlhaus«, informierte mich Wassilissa. »Natürlich nur im Winter. Allerdings ist da neun Monate lang Winter.«

»Ist das der hohe Norden?«

»Nein. Angeblich ist das der Äquator. Es muss eine sehr entlegene Welt des Multiversums sein. Ich glaube, es ist nicht mal die Erde. Selbst die Sonne scheint da nur schwach.« Sie verstummte kurz, um dann noch hinzuzufügen: »Außerdem gibt es da keinen Mond.«

»Wie bist du denn da hingelangt?«, platzte ich unüberlegt heraus.

»Ich wollte nicht mehr leben, Kirill«, sagte Wassilissa und trat an mich heran. Sie wollte nicht jammern, sondern teilte mir nur Fakten mit. »Ich habe meinen Mann geliebt. Und als mich dann auch noch meine Kinder vergessen hatten ...«

Sie verstummte.

»Verzeih mir.« Verlegen zuckte ich mit den Schultern. »Ich habe einfach drauflos geredet. Es tut mir sehr leid. Ich bin nicht verheiratet, und von meiner Freundin habe ich mich auch vor Kurzem getrennt ... Für mich war es leichter. Ich habe nur meine Eltern ... aber sie wissen genug mit sich selbst anzufangen. Für dich war es sehr schwer, oder?«

»Anfangs ja«, gab sie unumwunden zu. »Aber die Zeit heilt alle Wunden. Außerdem sind meine Kinder gesund, inzwischen sind sie erwachsen ...«

Ich drehte mich um, sah sie an - und fand mich prompt in einer kräftigen Umarmung wieder. Der Kuss der Schmiedin (in diesem Fall zog ich es vor, ein falsches Wort zu gebrauchen, als vom Kuss des Schmieds zu sprechen!) stellte sich als erstaunlich sanft, leidenschaftlich und angenehm heraus.

Schon im nächsten Moment riss sich Wassilissa jedoch von mir los. »Entschuldige, Kirill«, bat sie seufzend. »Du bist noch jung ... Wir sollten von so etwas lieber die Finger lassen. Aber wir bleiben doch Freunde, oder, Nachbar?«

Ehrlich gesagt, empfand ich die Situation als idiotisch. Allzu gut hatte ich vorausgesehen, dass Wassilissa in ihrer Langeweile ganz banal auf Sex erpicht war. Und zwar nicht mit einem dieser grinsenden Schwachköpfe aus dem Dorf in Nirwana, sondern mit einem Funktional.

Und ehrlich gesagt, war ich ebenfalls scharf darauf. Auf Sex. Ohne jede Verpflichtung. Mit einer schönen, wenn auch ungewöhnlichen Frau. Früher wäre es mir nie in den Sinn gekommen, mit einer Frau, die größer und stärker ist als ich, ins Bett zu gehen. Jetzt stachelte das meine Erregung nur noch an.

Gleichzeitig spürte ich jedoch: In gewisser Weise hatte sie recht. Es würde nicht klappen. Jetzt, da ich mich gerade in meiner neuen Rolle zurechtfand, würde es nicht klappen. Unsere Affäre ließe jede Leichtigkeit vermissen, denn wir würden versuchen, sie in eine dauerhafte Beziehung zu verwandeln. Wassilissa würde unweigerlich die Führungsrolle übernehmen. Das würde mir nicht passen. Daraufhin würden wir uns trennen, und das weiß Gott nicht als Freunde.

Wenn wir allerdings jetzt auf diese zufällige und überflüssige Liaison verzichteten ...

»Du hast recht«, sagte ich. »Bleiben wir Freunde. Sag mal, magst du das Meer?«

Wassilissa grinste nur.

»Ich habe einen Durchgang zu Erde-17«, teilte ich ihr mit. »Komm einfach mal vorbei, wenn du baden und dich sonnen willst.«

»Dafür danke ich dir schon jetzt, Kirill«, antwortete sie ernsthaft. »Das hört sich gut an. Du bist ein feiner Kerl.«