Ich wurde eines weiteren Kusses für würdig befunden, der jedoch nicht leidenschaftlich, sondern dankbar war.
»Komm vorbei«, wiederholte ich verlegen. »Ich gehe jetzt, ja? Ich bin heute Abend nach Kimgim eingeladen.«
»Du bist wirklich ein Glückspilz!« Wassilissa geriet ins Grübeln. »Ist es von deiner Funktion weit zu dem Ort, wo du hinmusst?«
»Fünf Kilometer.«
»Dann kommt das für mich nicht infrage. Von mir zu dir sind es sieben Kilometer Luftlinie. Von der Schmiede darf ich mich neun Kilometer entfernen. Aber bei dir schaue ich mal vorbei.«
»Tu das!«
Es trat jene peinliche Pause ein, die sich unweigerlich zwischen einem Mann und einer Frau bemerkbar macht, die miteinander Sex haben wollten - und es sich dann doch überlegt haben. Mir war dergleichen bisher erst einmal passiert, aber ich verstand ganz hervorragend, dass man in einem solchen Fall besser nichts auf die lange Bank schob. Ein schneller Abschied war das Einzige, das dir die Chance ließ, auch weiterhin gut miteinander auszukommen.
»Ich habe noch was zu tun«, sagte Wassilissa heuchlerisch. »Und du musst dich vermutlich auch beeilen. Gehst du durchs Dorf zurück?«
Ich zuckte mit den Achseln.
»Wenn es dir nichts ausmacht ... Könntest du mir einen Gefallen tun? Ich habe schon lange vor, den armen Schluckern ein paar Kleidungsstücke zukommen zu lassen.«
»Was für eine Frage? Natürlich nehm ich die mit.«
Sechzehn
Ich weiß nicht, wie es anderen ergeht, aber ich erlebe bei jeder mildtätigen Geste einen Moment, in dem ich mich nicht wohlfühle. Man wirft eine Handvoll Kleingeld in das Futteral der Gitarre, auf der ein junger Mann in einer Straßenunterführung unbekannte Melodien spielt; man drückt eine kleinere Banknote in die zitternde Hand einer armen Alten oder gibt seine alten Klamotten in der Kirche ab, »für die Armen« - immer beschleicht einen ein leichtes Schuldgefühl.
Weil ich reicher bin? Nicht immer verdient ein Bettler, der gramerfüllt vor einem Geschäft steht, weniger als unsereins. Weil ich erfolgreicher bin? Erfolg ist eine flatterhafte Dame, und diese Mildtätigkeit garantiert dir keinesfalls dieselbe Reaktion von anderen, falls eines Tages das Unglück an deine Tür klopft.
Vermutlich kommt der Bettelei als solcher - und ihrer Billigung - ausschlaggebende Bedeutung zu. Nicht umsonst hat Kissa Worobjaninow, einer der Protagonisten aus den Zwölf Stühlen, bis zum letzten Moment das Betteln abgelehnt, geschrien, er würde die Hand nicht ausstrecken, und am Ende seinen Kumpan Ostap Bender, der diesbezüglich unablässig Druck auf ihn ausübte, getötet. Zur Bettelei gezwungen zu sein ist nicht weniger widerwärtig als zur Prostitution gezwungen zu sein. Und jede in die Schale geworfene Münze ermuntert letzten Endes zur Bettelei.
Insofern hielt die alte Volksweisheit nicht zufällig dazu an, einem Menschen keinen Fisch, sondern das Netz zu geben, mit dem er diese Fische fangen kann.
Während ich am Flussufer zum Dorf zurückwanderte, merkte ich, dass ich mich für diese seltsame Siedlung verantwortlich fühlte. Selbst wenn nicht ich es gewesen war, der diesen extravaganten Verbannungsort und die Pläne zur Besiedlung Nirwanas ersonnen hatte. Aber schließlich war ich ein Funktional. Einer von denjenigen, die die Menschen hier einpferchten. Sie an die Nadel brachten. Aus ihnen hilfloses Menschenmaterial machten, dessen einzige Funktion darin bestand, sich fortzupflanzen und zu vermehren.
Gewiss, im Großen und Ganzen ist das die natürliche Funktion eines jeden Menschen. Wir nähren jedoch immerhin die Illusion, wir würden nicht nur geboren, um zu einem Glied in der Kette von Generationen zu werden und uns dann begraben zu lassen. Der eine hegt die Illusion des Geldes, der andere die der Macht, der dritte die der Kreativität.
Genau daher rührt wahrscheinlich auch die Verlegenheit, wenn man Menschen trifft, die ihre Illusionen bereits eingebüßt haben, deren Leben sich auf die simpelsten Funktionen beschränkt: essen und trinken, schlafen und sich paaren, den Verstand mit Alkohol und Narkotika betäuben.
Der Spaziergang entlang dem Flussufer mit dem schweren Bündel auf der Schulter lud förmlich zu solchen philosophischen Überlegungen ein. Das ist nun einmal die augenfälligste Eigenschaft des russischen Charakters: zur Nächstenliebe gegenüber den Gestrauchelten anzuhalten, mit Krüppeln und Schwachsinnigen mitzuleiden und die Unzulänglichkeit der Welt als persönliche Schuld zu empfinden. Vermutlich ist es auch ebendiese Eigenschaft, die das Land daran hindert, seine »nationale Idee« zu finden und aufzublühen. Aber aus irgendeinem Grund wollte ich Dima als nationale Idee nicht das Motto »Jeder ist sich selbst der Nächste« auftischen. Möglicherweise würde das Land davon tatsächlich profitieren - nur wäre es dann ein anderes Land.
Im Dorf fand ich alles wie gehabt vor. Allerdings hatte sich die Gruppe der Angler etwas gelichtet, nur noch zu fünft saßen sie zusammen und quittierten mein Erscheinen mit dem treuherzigen Lächeln von Menschen mit einem Down-Syndrom. Meine Augen suchten nach meinem Bekannten, aber Onkel Saschko hatte sich nach dem Borschtsch mit Huhn anscheinend schlafen gelegt. Wassilissa hatte mir geraten, die Sachen entweder ihm, einem mir unbekannten Marek oder einer Frau namens Anna auszuhändigen. Soweit ich es verstanden hatte, waren das die ältesten und am besten angepassten Bewohner Nirwanas.
»Marek!«, rief ich. »Anna!«
Niemand antwortete mir. Immerhin schauten ein paar der Junkies freundlich zu mir herüber. Seufzend watete ich ins Wasser. Ich hätte durch die Schmiede ans andere Ufer gehen sollen. Dass ich daran nicht gleich gedacht hatte! Na ja, jetzt ließ sich das nicht mehr ändern. Wassilissas Sachen würden schon wieder trocknen.
Nass und infolgedessen verdrossen, die Turnschuhe voller Schlamm, kam ich am anderen Ufer an. Das Bündel mit den Kleidungsstücken war völlig durchweicht, weshalb es katastrophal an Gewicht gewonnen hatte. Wäre ich kein Funktional gewesen, hätte ich es vermutlich nicht zu tragen vermocht. Der Dolch, den Wassilissa mir geschenkt hatte, klatschte in seiner Lederscheide sanft gegen meinen Oberschenkel. Kein sonderlich praktisches Geschenk - aber es abzuweisen oder jetzt wegzuwerfen wäre unhöflich gewesen.
»Wo finde ich Anna?«, fragte ich den erstbesten Fischer, einen jungen ausgemergelten Mann mit ungesunder gelber Gesichtsfarbe, in scharfem Ton. Als ich näher hinschaute, bemerkte ich, dass der Mann eine höchst eigenwillige Art hatte, seine Fische zu fangen. Seine Angelschnur hing ohne Haken im Wasser.
»Anna«, meinte der Mann. »Anna ...«
Sein Blick war leer und stumpf. Er würde mir wohl kaum weiterhelfen können.
»Anna ist da«, erklärte mir ein neben ihm sitzender Mann, der älter war und etwas gesünder aussah. »Da.«
Ich folgte der vagen Handbewegung, wobei ich beim Anblick der langen schmutzigen Fingernägel angewidert das Gesicht verzog: »Danke«, sagte ich.
Anna traf ich tatsächlich in besagtem Häuschen an. Die Tür stand sperrangelweit offen; im einzigen Zimmer, das recht sauber war und dessen Boden nach einer kürzlich erfolgten Reinigungsaktion noch feucht schimmerte, befanden sich zwei Frauen. Eine lag reglos mit dem Rücken zu mir auf einem groben, aus Brettern gezimmerten Bett. Offensichtlich hinderte sie das blanke Holz nicht am Schlaf, obwohl sie nur mit einem BH und einem Slip bekleidet war. Die andere trug ein gepunktetes Kattunkleid, aber keine Schuhe und wusch Wäsche in einer roten Plastikwanne, die in der Mitte des Zimmers auf einem wackeligen Stuhl von gleicher Farbe und gleichem Material stand. Die Frau sah zerzaust und verbraucht aus, schien aber hartnäckig und ausdauernd zu sein. Auf das in der Wanne eingeweichte Hemd blickte sie so zärtlich hinab, als handle es sich um einen jungen Hund oder ein Kätzchen, das sie ins Haus geholt hatte und nun vom Dreck der Straße reinigen musste.
»Anna?«