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»Ja?« Mein Erscheinen rief keinerlei Neugier ihrerseits hervor. Vermutlich liegt darin ihr größtes Unglück: in diesem Fehlen von Neugier.

»Wassilissa hat mir das mitgegeben ...« Ich ließ das feuchte Bündel auf den Boden plumpsen. Die Schmiedin schien die Sachen, die offenbar aus zweiter Hand waren, in eine Gardine oder eine Decke gewickelt zu haben. Durch den feuchten Stoff zeichnete sich deutlich die Sohle eines kleinen Kinderstiefels ab.

»Gut«, sagte die Frau. »Danke.«

Fraglos hatte sie nicht die Absicht, ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen gefiel ihr die Arbeit sogar. Kaum hörbar flüsterte sie dem Hemd, das sie gerade wusch, etwas zu. Von ihren Lippen meinte ich: »Ach du mein gutes Stück ...« abzulesen.

Welch ein Horror. Ich stellte mir Hausfrauen vor, die ihren Staubsauger liebkosten, mit den Töpfen spielten und die Waschmaschine anbeteten. Die häusliche Pflicht war nicht länger Sklavenarbeit, sondern wurde zum Vergnügen - wofür nicht mehr als ein paar Psychedelika in der Luft vonnöten waren.

»Was ist mit ihr?«, fragte ich schon im Aufbruch.

Anna schielte zu der Frau auf der Liege hinüber. Diese bewegte sich, als hätte sie den Blick aufgefangen.

»Sie ist neu hier«, teilte Anna mir mit. »Sie schläft. Am Anfang schlafen sie alle viel. Und denken viel nach.«

Etwas an dieser Frau, die da auf dem Bett döste, irritierte mich. Mir kam es so vor ... ja, als ob ich sie schon einmal getroffen hätte ... damals war sie natürlich nicht ganz so leicht bekleidet ... genauer gesagt, sie trug warme Kleidung...

Ich trat an die Liege heran, packte die Frau bei der Schulter und drehte sie vorsichtig um.

Die Frau, die vor zwei Tagen im Turm die Nachricht auf den Boden hatte fallen lassen, lächelte mich an. »Der Zöllner...«, sagte sie.

Aus ihrem Mund sickerte ein feiner Speichelfaden. Die rechte Wange, bis eben noch auf die Bretter gepresst, glühte rot.

Wenn sie mich nicht erkannt hätte, wären mir vielleicht Zweifel gekommen. Aber so nicht.

»Ich nehme sie mit«, erklärte ich.

»Sie kann sich momentan kaum auf den Beinen halten«, erwiderte Anna, nicht um Protest einzulegen, sondern um mich von dieser Tatsache in Kenntnis zu setzen. Vermutlich stellte es die schärfste Form von Widerspruch dar, zu der sich die Bewohner Nirwanas aufzuraffen vermochten.

»Es wird schon gehen. Ich helfe ihr«, versicherte ich, während ich die Frau hochhob und mir über die Schulter legte. Das Leben eines Funktionals hält in der Tat einige Vorteile bereit! »Wie ist sie denn zu euch gekommen?«

»Der Meister hat sie uns gebracht. Gestern.«

»Welcher Meister?«

»Der Meister.« Anscheinend wusste sie seinen Namen nicht. »Der Meister wird böse sein, wenn Sie sie mitnehmen.«

»Mach dir deshalb keine Sorgen«, entgegnete ich. »Hauptsache, ich bin nicht böse. Oder etwa nicht? Der Meister, den du vor der Nase hast, ist der, auf den es ankommt.«

Anscheinend rief sie mir noch etwas hinterher, doch ich verließ das Häuschen bereits. Während ich mich noch umsah, kam ich mir wie ein Terminator vor, der sich selbst umprogrammiert hatte und nun Sarah Connor rettete. Oder wie ein mittelalterlicher Soldat, der eine junge Frau kurzerhand aus einer umkämpften Stadt befreit.

Niemand versuchte, mir meine attraktive Gefangene abspenstig zu machen. In den Augen einiger Männer blitzte ein natürliches Bedürfnis auf. Mehr aber auch nicht.

»Euch ist wohl schon alles egal? Ihr armen Wichte«, murmelte ich, während ich durchs Wasser stakte. Ein kurzes Bad im kalten Wasser würde der Frau nicht schaden.

Eine Pause gönnte ich mir dann doch. In der Nähe des Turms. Im Grunde hätte ich das Stück auch noch geschafft, aber ich wollte kurz verschnaufen und sehen, wie es meiner Fracht ging.

Die Frau lächelte mich glückselig an, den Blick auf irgendeinen Punkt in ihrem Innern gerichtet. Ich schlug ihr sanft gegen die Wange, worauf ich ein zartes Geplärre als Antwort erhielt und beschloss, das Verhör zu vertagen. So steckte ich mir denn eine Zigarette an und freute mich darüber, einem normalen Gift dieses kurzweilige Vergnügen abgewinnen zu können - nicht aber dem permanenten und geistlosen Kick ausgeliefert zu sein.

»Zöllner ...«, wiederholte die Frau. Sie kniff die Augen zusammen. Anscheinend hegte sie die Absicht, ihren Blick auf mich zu heften. »Lass ... lass mich nicht im Stich ...«

Ich wusste, was sie meinte, und tätschelte ihr die Hand. »Keine Angst. Das tu ich nicht.«

Daraufhin entspannte sie sich, ihr Blick verschwamm sofort, wurde wieder stumpf. Ich rauchte, sah die Frau an und dachte voller Verwunderung darüber nach, dass sie kein sexuelles Interesse bei mir hervorrief. Absolut keins - und das, obwohl sie wesentlich hübscher war als diese Wassilissa, ja, sogar als meine Anka, offen gestanden. Weder der gebräunte junge Körper noch die teuere Spitzenwäsche erregten mich. Vermutlich lag das an den ausdruckslosen, starren Augen.

Oder weckte sie mein Interesse nicht, weil ich mich nie nach solchen Frauen umgedreht hatte? Das ist doch, als guckte man sich einen Kinostar oder ein Fotomodell an. Für einen fünfzehnjährigen Halbwüchsigen taugen sie noch als Vorlage für erotische Phantasien. Ein erwachsener Mann kann sie jedoch nicht mehr ernst nehmen. Solche Frauen sind etwas für diejenigen, die einen Bentley oder Jaguar fahren.

Oder eben für Funktionale.

Seufzend drückte ich die Zigarette im weichen Boden aus und trug die Frau, die mir mit einer reflexartigen Geste die Hände um den Hals legte, in meinen Armen zum Turm. So ließ es sich schwerer gehen. Aber nachdem sie mich um Hilfe gebeten hatte, konnte ich sie mir nicht mehr mir nichts, dir nichts über die Schulter werfen, als sei sie ein zusammengerollter Teppich.

Fünfzehn Minuten später betrat ich mit der selig lächelnden Frau den Turm. Der sah übrigens gar nicht so zauberhaft aus, wie ich zunächst angenommen hatte. Der grobe weiße Stein reichte an Marmor nicht heran. Ich konnte schon froh sein, dass es kein Sandstein war ... Mit dem Fuß stieß ich die Tür hinter mir zu, mit dem Ellbogen schob ich den Riegel vor. Das war geschafft. Was sollte ich als Nächstes tun? Sollte ich sie nach Moskau bringen? In die toxikologische Abteilung der Sklifossowski-Klinik? Nein, lieber nicht.

Ich ging in den ersten Stock hinauf und marschierte entschlossenen Schrittes ins Badezimmer. Ich setzte die Frau in die Wanne. Sie bewegte sich wie in Zeitlupe, zog die Beine an und schlang die Arme um ihre Schultern.

»Entschuldige ...«, sagte ich und seufzte. »Das geschieht ohne jeden Hintergedanken ...«

Nach wie vor lächelte sie. Wie lange würden die Psychotomimetika noch wirken? Ich hätte Wassilissa danach fragen sollen ...

»Das geschieht ohne jeden Hintergedanken!«, wiederholte ich, auch wenn mir unklar war, wen ich eigentlich überzeugen wollte, um ihr sodann den BH abzunehmen und ihr zu helfen, den Slip auszuziehen. Schließlich ist das ja wohl nicht die erste Frau, die ich entkleide? Nein, nicht die erste - die sechste. Nein, die fünfte.

Und wenn ich ganz ehrlich sein wollte und nur den zum Abschluss gebrachten Prozess gelten ließ: die dritte.

Ich hätte nicht behaupten können, dass sie dringend hygienischer Maßnahmen bedurfte. Nirwana war eine sehr saubere Welt, selbst der Schmutz klebte dort nicht an einem. Aber ich musste die Frau so schnell wie möglich wieder zur Besinnung bringen.

Runde drei Minuten hockte sie unter dem heißen Wasserstrahl. Dann überraschte ich sie, aufrichtig bedauernd, nur über eine normale Badewanne und nicht über eine dieser sagenhaften Jacuzzis zu verfügen, mit einer schottischen Dusche: zehn Sekunden kriegte sie nur eiskaltes Wasser, anschließend drehte ich das warme wieder auf. Als ich sah, dass das nichts nützte, dehnte ich die kalte Phase auf zwanzig Sekunden aus. Weiß Gott, ein erstaunliches Amüsement. Vor allem, da es draußen kalt war und das Wasser wirklich eiskalt aus dem Hahn kam.