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Nach fünf Minuten zeitigte die Wechseldusche Wirkung.

»H... h... hör auf ...«, bibberte die Frau. »Re... reicht ...«

»Gut!«, freute ich mich. »Wie heißt du?«

Sie sah mich mit nassem und schon nicht mehr ganz so friedfertigem Gesicht an.

»Na ... na ...«

»Natascha?«

»Nastja ... es ... re... reich...«

»Nastja Esreich?«

»Es reicht!«

Für den Anfang gar nicht so schlecht. Ich stellte das Wasser ab und schnappte mir den Bademantel vom Haken. Nastja stand folgsam auf, ich warf ihr den Mantel über und half ihr, aus der Wanne zu klettern.

»Kannst du sprechen? Oder bist du zu bekifft?«

»Weiß nicht ...«

»Komm.«

»Wa... warte.« Sie drehte sich um und schielte zum Klo. »Geh raus ... ich muss ...«

Mit dem starken Verdacht, ich müsste nach fünf Minuten ins Bad vordringen und würde dort eine tumb lächelnde Nastja auf halbem Weg zum heiß ersehnten Ziel vorfinden, verließ ich den Raum. Doch sie stellte sich als stärker heraus, als ich angenommen hatte. Sie fand allein heraus, selbst wenn sie sich dann sofort wieder an mich hängte. »Alles schwankt ...«, gab sie unumwunden zu.

In der Küche setzte ich sie auf den Fußboden, von einem Stuhl wäre sie ohnehin heruntergerutscht. Ich brühte ihr einen starken süßen Kaffee auf, gemischt aus drei Löffeln Pulver, drei Löffeln Zucker und heißem Wasser, sicherlich nicht sonderlich schmackhaft, aber koffeinreich. Dieses Gebräu zwang ich sie zu trinken. Ich sah zum Fenster hinaus, das nach Kimgim führte, und schüttelte nur den Kopf. Der Abend brach schon herein. Es wäre unhöflich, nicht in Felix’ Restaurant zu gehen. Arrogant. Als ob ich nichts mit meinen Nachbarn zu tun haben wollte.

»Wie fühlst du dich?«

»Ich ratz gleich weg«, brachte Nastja deutlich hervor. »Ich bin völlig ausgepumpt ...«

»Was ist dir passiert? Warum haben sie dich nach Nirwana gebracht?«

Allem Anschein nach überforderte ich sie damit jedoch. Der Frau fielen die Augen zu, hartnäckig versuchte sie immer wieder, sich auf dem Boden auszustrecken. Schließlich gab ich nach, brachte sie ins Schlafzimmer und legte sie in mein Bett, wo sie sofort in Tiefschlaf fiel. Sie fing sogar an, leicht zu schnarchen.

»Hm«, murmelte ich, während ich die Frau zudeckte. »Gute Nacht.«

Vermutlich war das ganz normal. Der Entzug der Psychedelika führte wahrscheinlich entweder zu Erregung oder zu Betäubung. Letzteres zog ich vor.

Mit festem Schritt durchmaß ich das Zimmer, um aus den Fenstern zu schauen.

Moskau. Trüb, aber immerhin kein Regen. Es dämmerte bereits, in den Fenstern brannten schon Lichter, die Straßenlaternen leuchteten jedoch noch nicht.

Kimgim. Aufgrund der fehlenden Laternen und der engen Gasse war es hier dunkler. Dafür überzog alles eine dünne Schneedecke. Ein schwerer, schneeverhangener Himmel, aber neuerlicher Schneefall hatte nicht eingesetzt.

Erde-17. Ein traumhafter Sonnenuntergang über dem Meer. Das hellere Blau des Himmels changierte erst in dunkleres, dann in Violett und schließlich in ein reines tropisches Dunkel. All das rundete das abendliche Rosarot ab. Solche Ansichten wählen ältere Buchhalterinnen und blutjunge Sekretärinnen gern als Bildschirmhintergrund.

Nirwana. Das Idyll des Apfelgartens. Grünes Gras, blauer Himmel ... Hier stand die Sonne allerdings noch sehr hoch.

Was hielt mein fünftes und letztes Fensterchen für mich bereit?

Ich zuckte mit den Achseln. Das konnte ich nicht beeinflussen, ich würde nehmen müssen, was kam.

Langsam musste ich mich fertig machen, wenn ich zu Felix wollte. Ein Anzug wäre angemessen ... nur hatte ich mir noch keinen zugelegt. Ein sauberes Hemd und frische Socken mussten genügen. Den Dolch schnallte ich ab, die nach wie vor feuchte Klinge rieb ich trocken. Einen Kamin würde ich mir zulegen und diese Familienwaffe darüber aufhängen.

Ich legte einen Zettel für Nastja auf den Tisch: »Geh nirgendwo hin, das könnte gefährlich sein. Warte auf mich. Ich bin gegen Morgen wieder da.« Nach kurzem Schwanken unterschrieb ich das Ganze einfach mit »Der Zöllner«.

Beim Verlassen des Turms löschte ich das Licht. Die Tür nach Kimgim hatte ich mit der finsteren Entschlossenheit geöffnet, die etlichen Kilometer bis zum Restaurant so schnell wie möglich zurückzulegen. Am besten im Stile Zeis.

Da aber hatte ich die Rechnung ohne Felix gemacht. Vor dem Turm wartete der mir bereits vertraute Schlitten, in dem sich der gute alte Kellner Karl die Langeweile vertrieb, indem er rauchte - und zwar keine banale Zigarette, sondern eine Pfeife von eigentümlicher Form. Bei meinem Erscheinen sprang er vom Schlitten. »Die Kutsche ist bereit, Meister!«, rapportierte er.

Ohne jeden Zweifel führte Karl den Befehl seines Herrn nicht gleichmütig, sondern voller Vergnügen aus.

»Wartest du schon lange?«

»Nicht der Rede wert«, antwortete der Mann, woraus ich entnahm, dass der Schlitten in der Tat schon eine Weile hier stand. Das bezeugten im Übrigen auch die Spuren im Schnee: Immer wieder hatte Karl das Pferd ein wenig auf und ab geführt, damit es nicht fror. »Sollen wir noch auf Ihren Freund warten?«

»Er hat sich auf eine Reise begeben«, antwortete ich finster.

Nachdem ich in den Schlitten eingestiegen war und mir eine Decke übergelegt hatte, fuhren wir los.

Es gibt nichts Neues unterm Mond. Selbst unter einem fremden Mond nicht.

An der Tür des Restaurants prangte ein Schild: Geschlossene Gesellschaft. Am Eingang stand ein warm gekleideter, äußerst repräsentativer Maître d’hôtel, der einem empörten jungen Pärchen erklärte, es sei »ganz und gar unmöglich, kein Tisch mehr frei, hier findet eine Genossenschaftsfeier statt, ich empfehle Ihnen, es im Restaurant Fischerkönig zu versuchen. Zum Zeichen unseres Bedauerns werden wir Ihnen jetzt auf Kosten des Hauses ein Glas unseres Spezialglühweins kredenzen ...«

Das Pärchen legte lautstark Protest ein, verwies auf die frühzeitige Reservierung seinerseits und schaute mich höchst feindselig an. Felix’ Restaurant genoss in Kimgim in der Tat einen guten Ruf.

»Wenn ich bitten darf, Meister«, begrüßte mich der Maître d’hôtel mit einer tiefen Verbeugung, bevor er sich wieder den Einwohnern zuwandte. Sein Ton wechselte so leicht, als habe er im Rücken einen Schalter, wie man es von einem Kinderspielzeug kennt: speichelleckerisch/ freundlich - unnachgiebig/höflich.

Nachdem ich meine Jacke bei der Garderobiere abgegeben hatte, ging ich in den Hauptsaal.

Der Abend kam gerade in Gang.

Rund zwei Dutzend Gäste hatten sich eingefunden. Am Tisch - einem großen runden Tisch, der auch die Billigung von König Artus gefunden hätte - hatte noch niemand Platz genommen. Laut Felix gab es in Kimgim zehn Funktionale ... Die Hälfte der Anwesenden musste also aus anderen Welten gekommen sein. Rosa Weiß entdeckte ich auf Anhieb. Sie trug ein langes schwarzes Kleid mit einem Dekolleté, das ihrem Alter überhaupt nicht entsprach. In einer Hand hielt Rosa ein Glas mit Champagner, in der anderen eine dicke, angezündete Zigarre. Die Alte nickte mir wohlwollend zu und flüsterte einer fülligen, nicht mehr ganz jungen Frau, die neben ihr stand, etwas zu. Daraufhin bedachte mich die Dame mit einem aufmerksamen Blick und schenkte mir ein versonnenes Lächeln. Ihr Dekolleté war ebenso provozierend, aber immerhin gab es etwas, das diesen Ausschnitt rechtfertigte. Zu der hellen Türkisfarbe ihres Kleides musste ihr allerdings ein Feind geraten haben.

Auch Zeies war gekommen, in Smoking und mit Fliege. Des Langen und Breiten setzte er einem aufmerksam lauschenden Kellner etwas auseinander. Der Kellner nickte, aber Zeies schob immer weitere Details seiner Bestellung nach. Der Polizist sah ungeheuer imposant aus und wirkte wie der würdige Sprössling eines alten Adelsgeschlechts. Selbst seine eckige Physiognomie fügte sich ins Bild.

An die strenge Anzugsordnung hatten sich fast alle Gäste gehalten, gleichsam als hätte auf ihren Einladungen gestanden: »Black Tie«. Die Männer trugen schwarze Smokings und schwarze Fliegen, die Frauen Cocktailkleider. In halbformaler Kleidung waren nur zwei oder drei Männer erschienen. Aber nein: Da am Fenster unterhielt sich ein Mann, der sich für helle Hosen und ein Leinenhemd entschieden hatte, ganz ungezwungen mit einer Frau in einem rosafarbenen Kleid. Obwohl ich seinen massigen Nacken nur flüchtig wahrnahm, wusste ich prompt, dass ich ein Designerfunktional vor mir hatte. Wie ich darauf gekommen war? Keine Ahnung. Aber wie schlichen sich all diese Formeln wie »Black Tie«, »White Tie«, »casual« und »formal« in meinen Kopf, die sich diese schwermütigen Engländer für ihren Dresscode ausgedacht hatten?