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Gut, sie alle würden meinen Anblick schon verkraften. Ich schob die Finger unter den Gürtel meiner Jeans und steuerte auf den Tisch zu. Links neben mir tauchte ein Kellner mit einem Tablett auf. Ich nahm mir ein Glas mit Champagner.

»Kirill!« Felix kam auf mich zu. Auch er war tadellos gekleidet und hielt eine ledergebundene Mappe in der Hand. Ob das die Speisekarte war? »Ich freue mich sehr, dass du die Zeit gefunden hast, dich heute zu uns zu gesellen! Liebe Freunde, ich bitte um eure Aufmerksamkeit! Das ist Kirill, von der Zollstelle im Fabrikviertel.«

Seine Freude war echt. Wie übrigens das Interesse der anderen Funktionale auch. Jemand klatschte leise, auf eine sehr distinguierte Weise in die Hände, die anderen spendeten tosenden Beifall. Einen ausgedehnten Moment lang applaudierten alle, ganz wie nervöse Passagiere in einem Flugzeug, das gerade die lang ersehnte Landung sanft hinter sich gebracht hat.

»Das ist die vierte Zollstelle in unserer Stadt«, fuhr Felix fort. »Meiner Ansicht nach ist dies ein mehr als würdiger Anlass für ein Bankett. Wir verfügen jetzt über neue Türen nach Erde-17, Erde-2 und ... Was hat es heute gegeben, Kirill?«

»Nirwana«, sagte ich.

»Welcher Teil?«

»Das weiß ich nicht. Es gibt da ein Dorf von Verbannten«, erklärte ich, wobei ich Felix in die Augen blickte. »Und auch eine Zollstelle. Das Funktional heißt Wassilissa.«

»Wassilissa ...« Felix geriet ins Grübeln. »Ich werde mal im ... Ich werde nachsehen. Dort gibt es drei Dutzend Dörfer, damit muss ich mich erst eingehender befassen ... Sehr schön, Kirill! Nirwana wird uns ebenfalls von Nutzen sein. Wir haben bereits einen Zugang zu dieser Welt, aber er führt in eine absolut menschenleere Gegend. Das wäre unmenschlich. Und ein neues Lager aufzubauen kostet viel Mühe und rentiert sich nicht.«

»Felix.« Mit einem Mal begriff ich, was mich an seinen Worten verstörte. »Hast du gerade gesagt, ihr hättet bereits Türen nach Erde-2?«

»Ja. In deine Welt.«

»Und Erde-1?«

Felix brach in schallendes Gelächter aus und fuchtelte mit der Hand, als wolle er eine lästige Fliege vertreiben. »Das ist blanker Unsinn. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Das ist eine Reservenummer. Damit keine unnützen Streitigkeiten über den Vorrang entstehen ... Verehrte Anwesende, ich möchte einen Toast ausbringen!«

Die Kellner flitzten los. Hier gossen sie Champagner nach, dort tauschten sie ein Glas aus. Rosa Weiß ging zu Kognak über, ihrem Beispiel folgten einige Männer.

»Auf das neue Mitglied unserer kleinen, aber innigen Familie!«, prostete Felix. »Wir sind alle unterschiedlich, dienen jedoch der gleichen Sache!«

Die Gäste erhoben die Gläser. Einige Funktionale schlugen mir jovial auf die Schulter. Ich bekam bedeutungslose, aber wohl aufrichtige Komplimente zu hören. Zeies berief sich anscheinend auf seine Rechte als alter Bekannter, boxte mir mit der Faust in die Seite und strahlte mich freundschaftlich an.

Nachdem Felix seinen Champagner ausgetrunken hatte, fasste er mich leichthin unterm Arm. »Ich werde unseren Gast jetzt ein paar Minuten entführen!«, verkündete er. »Bist du schon sehr hungrig, Kirill?«

»Nein, nicht sehr«, log ich.

»Ich werde deine Zeit nicht lange in Anspruch nehmen. Nimm dir einstweilen ein paar belegte Brote.« Er nahm einen Teller vom Tisch und drückte ihn mir in die Hand. Darauf türmten sich winzige, unterschiedlich garnierte Kanapees. »Die musst du probieren, sie sind sehr schmackhaft ...«

Zweifelnd betrachtete ich die aus Brotteig gebackenen Nester, in denen sich gelb-grüne, halb durchscheinende Perlen häuften.

»Das ist Kaviar von dem Kraken«, erklärte Felix. »Etwas salzig.«

»Von diesem Vieh?«, fragte ich.

»Was? Ja, genau. Alles hat auch seine positiven Seiten ... Wie sieht es aus? Hast du dich schon eingelebt?«

Ich folgte Felix in ein kleines Arbeitszimmer, das von dem großen Saal durch einen schweren Brokatvorhang getrennt war. In ihm standen einige Sessel, ein kleiner Tisch mit einem alkoholischen Getränk und einigen Zuspeisen darauf. Ich stellte meinen Teller daneben.

»Mach dir darüber keine Gedanken, Felix, ich bin dabei, mich einzuleben.«

Etwas in ihm hatte sich seit unserer ersten Begegnung verändert. Er strahlte jetzt Nervosität und eine gewisse Verlegenheit aus.

Als ob ... als ob er vor irgendetwas Angst hätte.

»Hat man dich schon instruiert?«

»Ja. Zwei Menschen und ein Hebammenfunktional haben mir einen Besuch abgestattet.«

»Ja, sicher, natürlich ... Ihr seid recht stark mit der Regierung verzahnt. Aber das ist schon in Ordnung. Aber du darfst nie vergessen, dass niemand das Recht hat, dich unter Druck zu setzen. Nicht einmal ein Politiker.«

Ich hatte ihm nicht gesagt, was für Menschen mich genau besucht hatten. Doch tat ich so, als sei mir Felix’ Versprecher entgangen. »Der Politiker hat versucht, mich davon zu überzeugen, eine Tür nach Arkan zu öffnen.«

»Wozu das? Bist du denn dazu überhaupt imstande?«

»Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich habe es versucht, aber dabei hat sich die Tür nach Nirwana geöffnet. Und wozu ...« Während ich kurz in meine Überlegung versank, goss ich mir ein Schlückchen Kognak ein - genauer gesagt keinen Kognak, sondern eine lokale Weinbrand-Variante, die dem Bouquet nach zu urteilen recht anständig war. »Das ist die Zukunft, oder?«

»Nein, das ist nicht die Zukunft.« Felix runzelte die Stirn. »Das ist eine vulgäre Erklärung. Man glaubt, die Welt Arkans sei mit der Welt von Erde-2 annähernd identisch, ihr jedoch in der Entwicklung voraus. Als habe seine Geschichte ... sozusagen dreißig Jahre früher begonnen.«

»Das ist doch egal. Im Übrigen hegt der Politiker höchst ehrgeizige Pläne. Er möchte die Zukunft kennenlernen, um in unserer Welt erfolgreich wirken zu können.«

»Um herrschen zu können.« Felix nickte. »Warum auch nicht? Versuchen kannst du es natürlich. Aber es ist sehr schwierig, eine Tür in diese Welt zu öffnen ... sehr schwierig. Es gab mal eine Zollstelle ...«

»Felix, heißt das, es gibt in Arkan keine Funktionale?«

»Genau das heißt es.« Felix breitete die Arme aus.

»Woher sind sie eigentlich gekommen?«

»Wer?«, fragte Felix lächelnd. Mir kam es jedoch so vor, als zitterten seine Mundwinkeln.

»Die Funktionale.«

»Was soll denn dieser Unsinn?« Felix hob die Stimme, wenn auch nur leicht. »Wir sind die Funktionale! Ich bin von Erde-3. Du von Erde-2. In den Welten Zwei bis Sechs gibt es menschliche Zivilisationen. Hinzukommen noch die beiden periodisch zugänglichen Welten Arkan und Cañon. In den anderen Welten leben keine Menschen, in manchen existiert nicht mal irgendeine Form von Leben ... Ehrlich gesagt, wollte ich dich genau aus dem Grund sprechen!«

Er reichte mir die Mappe.

In ihr befanden sich zwei Stapel zusammengeklammerter Blätter. Der erste Packen war mit »Zuverlässig bekannte Welten des Multiversums« betitelt. Der zweite, etwas dünnere, mit »Erde-3, eingehende Beschreibung«.

»Wir vergessen das immer«, meinte Felix. »Das Fehlen einer Zentralverwaltung bringt uns ebenso viele Vorteile wie Nachteile ... Alles hat irgendwo seine Nachteile. Diese Papiere enthalten eine Menge nützlicher Informationen für dich.«