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Rasch überflog ich die erste Seite der »zuverlässig bekannten Welten«.

Erde-2. Vollständig besiedelte und erforschte Welt. Antagonistische politische Systeme. Wichtigste Staaten: USA, China. Wichtigste Sprachen: Amerikanisches Englisch, Chinesisch. Niveau der technischen Entwicklung: 1.

»Was bedeutet Niveau der technischen Entwicklung: 1?«, wollte ich wissen.

»Deine Welt ist technisch am weitesten entwickelt und wurde deshalb als Maßstab gewählt«, erklärte Felix. »Dagegen wird der ökologische Wohlstand an unserer Erde gemessen.«

»Damit niemand beleidigt ist?«

»Richtig.«

»Vielen Dank, Felix.« Ich schloss die Mappe. »Aber ich glaube trotzdem ...«

»Ich bin dir wirklich wohlgesinnt, Kirill.« Felix bedachte mich mit einem tadelnden Blick. »Ich freue mich immer, wenn ein Mensch die Chance erhält, sich uns anzuschließen. Und mir ist durchaus bewusst, wie gern Neulinge hinter die geheimen Mechanismen und Grundlagen unserer Gesellschaft kommen möchten. Nur dass es die eben nicht gibt, Kirill! Es gibt Hebammenfunktionale, die das Auftauchen von Neulingen spüren und ihnen helfen, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Es gibt Freunde, die dir immer helfen, die dir das Leben immer erleichtern. Es gibt unterschiedliche Welten, ganz schreckliche, aber auch wunderschöne ... Deine Welt ist, nebenbei bemerkt, wunderschön, nur bist du dir dessen nicht bewusst. Es gibt bestimmte Probleme ... Mitunter erfahren Menschen etwas von unserer Existenz und verschwören sich dann gegen uns ...«

»Dann schickt man sie nach Nirwana.«

»Ja. Man verbannt sie nach Erde-22. Das ist keine allzu drakonische Strafe, wenn du dir vor Augen hältst, dass die Untergrundkämpfer vor nichts zurückschrecken. Oder nicht?«

Ich zuckte nur mit den Achseln.

»Romantische Anfälle kennt jeder«, murmelte Felix. »Vor allem ein junger Mensch, der einer attraktiven Frau gegenübersteht ...«

Unsere Blicke kreuzten sich. »Und was passiert mit einem jungen Funktional, der so einem romantischen Anfall nachgibt?«, fragte ich.

»Wenn er damit keinen Schaden anrichtet«, meinte Felix seufzend, »nichts. Vielleicht gelingt es dem jungen Mann ja sogar, die naive Frau, die sich in ein gefährliches fremdes Spiel hat verstricken lassen, umzuerziehen. In dem Fall wird ihm niemand einen Vorwurf machen!«

»Ah ja.« Ungeachtet des ernsten Gesprächs fiel mir plötzlich der Film Siebzehn Augenblicke des Frühlings ein, und in meinem Kopf hallte es wider: »Wir alle stehen unter der Fuchtel von Müller!« Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte laut losgeprustet.

»Es gibt aber auch weit unangenehmere Situationen!« Mit finsterer Miene schwenkte Felix das Glas in seiner Hand, konnte sich jedoch nicht entscheiden, von dem Kognak zu trinken. »Zum Beispiel könnte ein Arztfunktional auftauchen. Eine prachtvolle Frau. Sie könnte uns helfen, aber auch den Menschen. Wer wollte dagegen etwas einwenden? Wir alle helfen den einfachen Menschen, soweit es in unseren Kräften und Fähigkeiten liegt! Sie jedoch lässt sich mit Banditen ein, fängt an, sinistre Spielchen zu spielen ... Gemäß dem Gesetz wurde sie vor die Wahl gestellt - und sie löst die Bindung an ihre Funktion! Sie verwandelt sich von einem Funktional in einen Menschen. Nun gut, wenn das ihre Wahl war! Aber danach spielt sie die Partisanin, den Robin Hood ... Sie schreckt nicht einmal davor zurück, eine arme halb schwachsinnige Alte zu foltern ... Auch du musstest ihretwegen schon Blut vergießen und törichte, ihren romantischen Phantasien verfallene Jungen umbringen!«

Was ich darauf antworten sollte, wusste ich nicht. Felix hatte recht, an meinen Händen klebte Blut. Aber was hätte ich in dieser Situation sonst tun sollen?

»Du hättest nichts tun können«, fuhr Felix fort. »Dich trifft keine Schuld. Das alles ist der angeborenen Dummheit und dem Verrat dieses Funktionals geschuldet!«

Mehrere Sekunden saßen wir schweigend da. Irgendwann erhob sich Felix. Sein Gesicht nahm wieder einen entspannten Ausdruck an, als hätte er eine unangenehme, aber unausweichliche Mission ehrenvoll erfüllt.

»Ich hoffe, du siehst dich nie mit Verrat konfrontiert!«, sagte er in pathetischem Ton. »Du begegnest ihm zwar nicht oft, aber wenn, ist er immer schmerzlich ... Lass uns jetzt gehen! Die Gäste warten schon. Der erste Gang sollte inzwischen beendet sein.«

Wir verließen das Arbeitszimmer in der Tat genau zur rechten Zeit: Gerade brachten die Kellner dampfende Teller. Mir fiel auf, dass alle Gäste das Gleiche bekamen, ihnen jedoch ein unterschiedliches Repertoire an Saucen gereicht wurde. Vor dem einem standen ein, zwei kleine Schälchen, vor dem anderen eine ganze Batterie an Saucieren, Phiolen, Fässchen und Fläschchen.

»Einen Kognak«, bat ich den Kellner, während ich auf den Teller mit etwas in der Art von Kalbsmedaillons blickte. »Das heißt, nein ... Bringen Sie mir lieber einen Wodka.«

»Und welcher darf es sein? Russki standart, Stolitschnaja, Absoljut, Ksarp, Esgir, Limonny esgir?«

»Esgir«, wählte ich.

Im Übrigen handelte es sich bei dem hiesigen Wodka um normalen Wodka. Ich hätte ihn auch in Tambow oder Stockholm trinken können. Oder in Frankreich. Überall, wo man auf die Idee gekommen war, aus Weizen Alkohol zu destillieren. Mir sollte das recht sein. Ich war wütend, auf Felix, auf Untergrundkämpfer jeglicher Couleur und auf mich selbst. Ich wollte mich betrinken.

Das gelang mir denn auch vortrefflich.

Ich erinnere mich noch, wie ich mich mit Felix zurückzog, einen sehr alten und sehr seltenen Kognak trank, wobei ich seinen Geschmack nach dem Wodka schon gar nicht mehr wahrnahm, aber enthusiastisch das Bouquet pries. Mein Zöllnergedächtnis zauberte pflichtbewusst einige spezifische Wörtchen aus dem Jargon der Degustatoren herbei, was Felix mit wohlwollenden Nicken quittierte.

Dann verschwand Felix irgendwohin, ich knutschte in seinem Arbeitszimmer ausgiebig mit einer Frau rum, einem Künstlerfunktional. Die Frau versuchte mich zu überreden, mit ihr in ihr Atelier zu fahren, wo sie sofort ein Aktportrait von mir malen würde. Ich lehnte mit der Begründung ab, dies sei ganz entschieden nicht mein Tag und dass ich eine dritte Schlappe nicht überleben würde, die aber, angesichts der getrunkenen Mengen, unausweichlich sei. Wir verabredeten uns, das Portrait irgendwann nächste Woche anzugehen, worauf die Frau sich leicht und ungezwungen an Felix heranmachte.

Am Ende des Abends trank ich mit einem Deutschen Brüderschaft, dessen Zöllnerposten ihn aus dem kleinen Kurstädtchen Wiesbaden nach Kimgim gebracht hatte. Der Deutsche prüfte lange etwas in irgendwelchen Karten nach, um abschließend feierlich zu erklären, ich könne über Kimgim zu ihm nach Wiesbaden gelangen und dortselbst in gewisse einmalige Bäder. Darauf tranken wir gleich noch ein Gläschen und versicherten einander, wie ähnlich der deutsche und der russische Nationalcharakter sich doch seien, beklagten die Tragik der deutschrussischen Kriege und sinnierten über die bedeutende Rolle, die Russland und Deutschland eigentlich in Europa spielen müssten. Der Deutsche beharrte in seiner politischen Korrektheit auf einem »Vereinten Europa«, während ich kichernd erklärte »Und auch in einem Getrennten!«. Aus irgendeinem Grund kam mir das ungeheuer komisch vor.

Danach fand ich mich - sofort und völlig nahtlos - vor meinem Turm wieder. Es war hundskalt. Der Kellner Karl gab sich alle Mühe, mich zu überreden, in den Turm zu gehen und mich schlafen zu legen, doch ich erklärte ihm, als Funktional sei ich in der Lage, mir auch im Schnee ein komfortables Nachtlager herzurichten. Angesichts der Erschütterung Karls willigte ich am Ende jedoch ein, nach drinnen zu gehen.

Dort schlief ich ein, nachdem ich es mir auf der Treppe bequem gemacht hatte. Die Frau in meinem Bett hatte ich völlig vergessen. Die Treppe hinaufzugehen erschien mir zu schwierig, als dass es die Mühe lohnte.