Siebzehn
Irgendjemand hatte mir einmal erzählt, mehr als die Hälfte der jungen Schriftsteller, die die Verlage mit ihren genialen Werken bombardieren, beginne einen Roman mit einer Szene, in der der Held am Kater leidet. Er reißt die verklebten Augen auf, fasst sich tapfer an den zerspringenden Schädel, erinnert sich an die Menge des konsumierten Alkohols, kaut ein Aspirin und trinkt gierig Unmengen Wasser.
Anschließend setzt er sich mannhaft über die Folgen der eigenen Dummheit hinweg, legt ein Kettenhemd an oder schlüpft in einen Raumanzug, greift zur Aktentasche oder zur Tastatur, verlässt das Haus oder wählt sich ins Internet ein. Das Duell jedoch, das der Held mutig mit der Azidose, den Gefäßkrämpfen und der Dehydrierung auszufechten hat, stellt sich in jedem Fall als praktisch unausweichlich heraus. Vermutlich wollen die jungen Literaten ihr Publikum auf diese Weise dazu bringen, sich mit dem Protagonisten zu identifizieren, schließlich ist es den wenigsten von ihnen bislang vergönnt gewesen, die Galaxis zu retten oder den Schwarzen Lord zu besiegen, während der Kampf gegen den Alkohol fast allen bekannt ist.
Eigentlich hegte ich jedoch so meine Zweifel, ob ein Held, sei er nun ein starker Zwerg oder ein junger Jedi, lange in einem Kampf bestehen würde, sofern er sich am Vorabend betrunken hatte. Mit einem Kater lässt es sich vortrefflich leiden, von einer gesunden Lebensweise träumen und mit stumpfem Blick fernsehen - aber Heldentaten vollbringt man in diesem Zustand nicht.
Ich schlug die Augen auf und wusste sofort, ich würde leiden müssen. Wenn ich so sturzbesoffen gewesen war, dass ich es nicht mal mehr ins Bett geschafft hatte ...
Mein Kopf schmerzte jedoch nicht, ich fühlte mich frisch, munter und voller Kraft. Geschlafen hatte ich ebenfalls fabelhaft. Vermutlich hätte ich mich wirklich in den Schnee vorm Turm legen können, ohne in irgendeiner Weise Schaden zu nehmen.
Außerdem bemerkte ich noch, dass ich zugedeckt war und unter meinem Kopf ein Kissen lag.
Das heißt ...
Nachdem ich in den ersten Stock hochgegangen war, fand ich ein leeres Bett vor. Dafür drangen vom zweiten Stock leise Geräusche herunter. Jemand klimperte mit Geschirr. Was für eine häusliche Idylle! Was gibt’s denn heute zum Frühstück, Schatz?
»Was gibt’s denn heute zum Frühstück, Schatz?«, rief ich munter.
Das Geklapper setzte einen Moment aus, um einem unverständlichen Grummeln zu weichen. Nach einer kurzen Pause - als müsse jemand erst rasch zu Ende kauen und schlucken - vernahm ich: »Verdächtig riechende Wurst und knochentrockenes Brot. Möchtest du etwas?«
»Gern«, antwortete ich, während ich mich nach oben begab.
Nastja sah noch immer ziemlich elend aus, mit ihrem kreidebleichen Gesicht und den dunklen Ringen unter den Augen. Sie stand am Tisch und schnitt Wurst, um belegte Brote zu machen. Sie trug nur ein weißes T-Shirt von mir, das lang genug war, damit ein Foto Nastjas nicht als Aktaufnahme durchging, aber durchaus noch als erotisch angehaucht eingestuft werden durfte. Der Po war bedeckt, bis zu den Knien war es jedoch ein weiter Weg.
»Wie fühlst du dich?«, erkundigte ich mich.
»Schrecklich«, gestand Nastja offen ein. »Ich möchte fressen. Nicht essen, sondern fressen. Ich bin stocksauer. Außerdem würde ich noch gern jemanden umbringen.«
»Schrecklich, das ist gut«, sagte ich. » Umbringen, schon weniger.«
»Haben Sie etwa Erfahrung damit?«, fragte Nastja spöttisch.
»Dank dir, ja. Folgt mir in einer Stunde. Findet die Weiße Rose. Ein Mensch wird auf alle eure Fragen antworten.«
»Ja ... und?« Nastja entglitten die Gesichtszüge. Irritiert und misstrauisch sah sie mich an.
»Ich bin dir gefolgt. In der Weißen Rose, einem Hotel, sind wir in einen Hinterhalt geraten. Den Rest ...«
»Nein!« Die Frau schüttelte energisch den Kopf. »Nein, es ist nicht so, wie Sie denken! Überhaupt nicht!«
Ich setzte mich an den Tisch. Mein Blick wollte immer wieder über das untere Ende des T-Shirts hinausrutschen, doch mit einiger Anstrengung schaffte ich es, Nastja in die Augen zu sehen. Dennoch musste sie meinen Blick aufgefangen oder gespürt haben. Sie setzte sich ebenfalls hin. Jetzt trennte uns der Tisch voneinander.
»Dann erzähl mir alles«, forderte ich sie auf. »Wer bist du überhaupt?«
»Nastja Tarassowa ...« Vielleicht hatte die Mitteilung von dem Hinterhalt sie schockiert, möglicherweise hatte ich auch nur den richtigen Ton getroffen - auf alle Fälle stand sie mir jetzt wie eine Musterschülerin, die ihre Eltern mit einer Zigarette und einer Flasche Bier beim Anschauen eines lesbischen Pornos erwischt hatten, Rede und Antwort.
»Sehr schön. Wie alt bist du?«
»Neunzehn.«
»Hervorragend«, höhnte ich. »Hast du wenigstens die Schule schon beendet?«
»Was? Ich ... ich studiere.«
»Vermutlich Physik und Mathematik«, schnaubte ich.
»Nein, an der Fakultät für Historiker und Archivare ...«
Diese Antwort wollte ich schon als Ironie ihrerseits abtun - doch das Gespür des Zöllners verriet mir, dass Nastja die reine Wahrheit sagte.
»Du studierst also. Gut ...«, sagte ich gedehnt. »Was ist das für ein Kerl, mit dem du durch den Turm gegangen bist?«
»Das geht Sie nichts an!«
»Und ob mich das etwas angeht!« Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und schnappte mir ein belegtes Brot vom Tisch. »Steckst du hinter dem Ganzen? Besser, du legst die Karten jetzt auf den Tisch! Wer ist der Typ?«
»Das ist ... ein Freund.«
»Ein Freund«, wiederholte ich in ironischem Ton.
»Es ist nicht so, wie Sie denken!«
»Anscheinend ist nichts so, wie ich denke! Es interessiert mich nicht, ob du für ihn die Beine breit machst. Wer ist er?«
»Sie lügen«, sagte Nastja plötzlich. »Es interessiert Sie ... Ja, er ist mein Liebhaber! Schließlich bin ich eine erwachsene Frau!«
»Wer ist er?«
»Ein Geschäftsmann. Er ist im ... Investment- und Consultingbereich tätig.«
»Alles klar. Was für eine überaus ehrenvolle Beschäftigung! Woher weiß er etwas von den Funktionalen?«
Weshalb biss ich mich so an ihm fest? War ich am Ende tatsächlich eifersüchtig?
»Ihre Beschäftigung ist natürlich besser - Türen aufund zumachen«, murmelte Nastja. »Er ist ein guter Mensch. Außerdem zahlt er ehrlich seine Steuern, das hat er mir selbst gesagt ...«
»Das sagen sie jetzt alle. Woher weiß er etwas von uns?«
»Ich habe ihn nicht gefragt«, antwortete Nastja achselzuckend. »Er hat mir vor einem halben Jahr davon erzählt ... Am Anfang habe ich geglaubt, er scherze bloß ... Doch dann sind wir immer wieder in Kigim gewesen und auch in anderen Städten ...«
»In Kimgim.«
»Von mir aus auch das, als ob das eine Rolle spielt! Ich bin oft mit ihm mitgegangen, allerdings haben wir andere Zollstellen benutzt. Bis er mich dann angerufen und mir gesagt hat, auf der Vierten gäbe es ein phänomenales Konzert ...«
»Auf der vierten?«
»Ja, auf Erde-4, in Antik ... Von Moskau aus kommt man da nur schlecht hin, einfacher ist es, durch den Turm an der Semjonowskaja in die Neunte zu gehen, dort einen Kilometer zu Fuß zurückzulegen und über einen anderen Turm ganz bequem nach Antik zu gelangen ...«
Mit einem Mal begriff ich, dass die Zollstellen anscheinend eine Affinität zueinander hatten. Wenn sie willkürlich in den Welten verteilt gewesen wären, dürfte es kaum die Möglichkeit geben, mit einem Fußmarsch von einem Kilometer von einer zur anderen zu gelangen. Auch bei mir standen ein Turm in Kimgim und einer in Nirwana ja in Reichweite ... Vermutlich dürfte das für die anderen Moskauer Türme auch gelten.
»Gut, ihr wolltet also nach Antik zu einem Konzert«, fasste ich zusammen. »Weiter.«
»Als ich zu Mischa gefahren bin, hat er mir gesagt, es gebe eine neue Zollstelle, wir könnten über Kimgim gehen, das spare Zeit. Allerdings müssten wir dann noch einmal über die Erde, über Wiesbaden, dann nach Frankfurt, von dort aus würden wir dann ganz bequem nach Antik gelangen ...«