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Ich betrachtete die Frau mit neuen Augen. Gewiss, heutzutage kriegt man häufig Sätze wie »Wir sind übers Wochenende auf die Krim geflogen« oder »Wir haben das Wochenende in der Türkei verbracht« zu hören. Selbst Touristen, die ausgefallenere Wege beschreiten - »Wir fliegen nach Frankreich, denn es ist nicht schwer, ein Visum zu bekommen, dort mieten wir ein Auto, fahren nach Italien und verbringen den Rest der Zeit dort« - sind heute in der Mittelklasse gang und gäbe. Vom Trampen und dem Versuch, mit hundert Euro in der Tasche nach Portugal und zurück zu reisen, ganz zu schweigen.

Aber hier ... Für einen Konzertbesuch in einer Welt durch zwei andere zu gehen, um Zeit zu sparen - alle Achtung.

»War das Konzert denn gut?«, fragte ich.

»Das hat sich zerschlagen. Schade. Die Gruppe Rand hat gespielt, Trommel und Flöte, das ist sehr schön ...« Mit einem Mal wurde Nastja verlegen. »Sie haben vermutlich noch nie etwas von ihnen gehört?«

»Wir wollen nicht abschweifen«, sagte ich. Insgeheim dachte ich jedoch über all die unzähligen Gruppen nach, die ich schon gehört hatte, wenn ich irgendwo zu Besuch war oder im Internet chattete. Gruppen, die seltsame Ethnomusik fabrizierten, über die man nichts herausbekam, von Aufnahmen, Links oder der kleinen eingeschworenen Fangemeinde abgesehen, die von Gerüchten und Mythen zehrten. Wie viele dieser Gruppen stammten eigentlich nicht aus unserer Welt? Wie viele Aufnahmen kamen aus Kimgim, Antik oder einer anderen bewohnten Welt, um sich im Ozean der terrestrischen Musik aufzulösen? »Ihr habt also beschlossen, über meine Zollstelle zu gehen. Was hatte dieser Zettel zu bedeuten?«

»Damit habe ich nichts zu tun.«

»Ich habe doch gesehen, wie du ihn hast fallen lassen, Nastja.«

»Stimmt, das habe ich. Mischa hat mich darum gebeten.«

»Was?«

»Mischa. Hat. Mich. Darum. Gebeten«, seufzte Nastja. »Er hat vorgeschlagen, den Zöllner ein bisschen an der Nase herumzuführen, da er quasi noch ein grüner Junge ist, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Wir lassen für ihn einen Zettel fallen, dann wird der Zöllner uns folgen und das Hotel finden, wo die Alte ihm alles erzählt. Wir haben da einmal übernachtet ...«

Sie verstummte und sah mich mit einem ach so ehrlichen Blick aus ihren blauen Kulleraugen an.

»Du hattest Zeit, dich vorzubereiten«, wies ich sie kopfschüttelnd zurecht. »Nastja, ich bin Zöllner.«

»Ja, und?« Nastja breitete die Arme aus.

»Ich spüre eine Lüge. Lass uns auf diese dummen Ausreden verzichten. Weshalb hast du mich in das Hotel gelockt?«

»Wir führten nichts Schlimmes im Schilde ...«

»Ja, ja. Deshalb hat diese Truppe von jungen Idioten auch die Alte und die Hotelangestellten gefoltert. Sogar das Kind. Anschließend haben sie mich angegriffen ...«

»Lebt Illan noch?«, wollte Nastja rasch wissen, sobald ich kurz schwieg.

»Die Frau? Das ehemalige Arztfunktional?« Manchmal begreife ich sehr schnell. »Fragen kannst du nachher stellen. Jetzt will ich erst mal ein paar Antworten hören.«

»Warum eigentlich?« Unversehens schaltete Nastja auf stur.

»Vielleicht weil ich ein Funktional bin?« Ich nahm einen Löffel vom Tisch und verbog ihn akkurat zu einem Knoten. Meine Finger taten mir dabei zwar weh, aber der Knoten gelang nicht übel.

»Ein schöner Sherlock Holmes«, schnaubte Nastja.

»Vielleicht könntest du mir ja auch aus Dankbarkeit antworten?«, schlug ich vor. »Weil du hier sitzt und Tee trinkst und nicht in der entzückenden Gesellschaft irgendwelcher Junkies rumsabberst.«

Sie errötete. »Vielen Dank ... Darüber bin ich wirklich ...«

»Jetzt erzähl«, befahl ich.

Nastja schwankte. Dann schüttelte sie den Kopf, spielte ihre Chancen durch und fügte sich schließlich in das Unvermeidliche. »Ich bin eine Untergrundkämpferin«, platzte sie heraus.

»Schon lange?«

»Seit fünf Jahren.«

»Oh, oh!« Ich staunte nicht schlecht. Anscheinend sprach sie die Wahrheit. »Warst du im Zirkel ›Junge Untergrundkämpfer‹?«

»Ich habe Illan gerettet. Sie hat sich mit ihren ... Leuten überworfen und ist dann in unsere Welt gekommen. Die haben sie gejagt. Ich habe ihr geholfen, sich zu verstecken ... daraufhin hat sie mir alles erzählt.«

»Es ist doch kein Zufall, dass du diesen netten Herrn Mischa kennst«, brachte ich bedächtig hervor. »Der Untergrund hat dir diesen Auftrag erteilt.«

»Das geht Sie nichts an!«, rief Nastja abermals.

»Ist ja schon gut ...«, beschwichtigte ich sie. »Wie du meinst. Dann erzähl mir, diesem bösen Funktional, doch bitte mal, wogegen ihr mutigen und guten Mädchen eigentlich kämpft?«

»Sie brauchen sich gar nicht über uns lustig zu machen«, meinte Nastja. »Unsere Bewegung besteht aus Frauen und aus Männern. Außerdem ... glaube ich nicht, dass Sie böse sind. Es tut mir leid, dass Sie überfallen wurden ... dass alles so gekommen ist.« Plötzlich lächelte sie und fügte überraschend hinzu: »Sie sind sehr nett.«

Das verwirrte mich. »Mit Mischa werde ich ja wohl nicht mithalten können ...«, brummte ich. »Übrigens kannst du mich einfach duzen. Ich bin ja nur ein paar Jahre älter als du.«

»Vor allem nach dem, was gestern Abend passiert ist ...« Nastja lächelte. Ihre Verlegenheit war verschwunden. Vermutlich nachdem sie bemerkt hatte, dass sie mir gefiel.

So ist das doch immer! Eine Frau braucht bloß mitzukriegen, dass sie einem Mann gefällt, schon fängt sie an zu kokettieren und hält sich für Gott weiß wie toll.

»Zu meinem übergroßen Bedauern«, stimmte ich ein Lamento an, »ist überhaupt nichts passiert. Von einer kalten Dusche abgesehen. Was ist jetzt? Willst du mich duzen?«

»Wie du meinst.«

»Ich bin erst seit drei Tagen Funktional, Nastja. Vieles verstehe ich deshalb noch nicht. Außerdem hat mich auch niemand gefragt, ob ich überhaupt eins werden möchte. Aber momentan sehe ich keinen Grund, warum eine nette junge Frau gegen Funktionale kämpfen sollte.«

»Wir kämpfen gegen die Macht der Funktionale.«

»Klopf, klopf, klopf!« Ich hatte mich über den Tisch gebeugt und Nastja gegen den Kopf gestupst. Durcheinander wie sie war, wich sie nicht einmal zurück. »Hallo da im Oberstübchen, ist vielleicht jemand zu Hause? Nein, niemand? Was für eine Macht, bitte schön?«

»In allen Welten haltet ihr Kontakt zur lokalen Elite und seid ihr gefällig!«, ratterte Nastja herunter. »Ihr nutzt Privilegien, die normale Menschen nicht genießen. Ihr habt eine Geheimpolizei. Ihr verschweigt die Möglichkeit, zwischen den Welten hin und her zu reisen.«

»Das sind ja ganz grauenhafte Verbrechen«, befand ich achselzuckend. »Worin besteht denn das Verbrechen, mit der lokalen Elite zusammenzuarbeiten? Erlassen die Funktionale etwa Gesetze? Üben sie Druck auf die jeweilige Regierung aus?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Nastja ehrlich. »Aber ihr seid mit der Macht verbandelt ...«

»Überall auf der Welt ist jemand mit der Macht verbandelt. Poeten preisen Herrscher, Geschäftsleute boxen für sich vorteilhafte Gesetze durch. Aber was haben wir damit zu tun? Wir führen unser eigenes Leben. Wir sind gezwungen, uns den Regierungen vor Ort unterzuordnen, nicht umgekehrt. Insofern dienen wir ihnen natürlich, das stimmt.«

»Eben darum geht es doch! Ihr dient der Macht, nicht dem Volk!«

»Und wie sollen deiner Ansicht nach die Funktionale dem Volk dienen? Auf hunderttausend Menschen kommt ein Funktional. Soll etwa ein Arztfunktional ... hm, tausend Kranke pro Tag untersuchen? Oder ich - soll ich pro Tag zehntausend Sonnenanbeter durch den Turm zum Strand lassen?«

»Warum eigentlich nicht?«, entgegnete Nastja patzig. »Reiß die Tür auf und lass die Leute durch ...«