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Ich dachte kurz darüber nach. »Nein«, meinte ich kopfschüttelnd. »Das würde nicht klappen. Ich bin verpflichtet, mit jedem persönlich zu sprechen. Ich muss überprüfen, ob er etwas schmuggelt. Pro Person brauche ich mindestens eine Minute.«

»Woher weißt du das?«

»Das spüre ich«, antwortete ich. »Hm ... Das ist einfach das Wissen in seiner reinen Form. Ich kann nicht alle Türen im Turm sperrangelweit aufreißen, Nastja. So läuft das nicht. So funktioniert das nicht. Ein Mensch muss in den Turm eintreten. Dann schließe ich hinter ihm die Tür. Ich unterhalte mich mit ihm. Um ihn dann in eine andere Welt zu lassen. Kein Funktional kann allen zu Gefallen sein, die das wünschen. So wie nicht alle in ein Flugzeug steigen und übers Wochenende ans Meer fliegen können. Dafür reichen weder die Flugzeuge noch der Treibstoff oder die Flughäfen aus. Und meine Möglichkeiten sind genauso begrenzt. Oder nehmen wir mal ein Friseurfunktional ... Da heißt es, jemand fabriziere ganz hinreißende Frisuren ... die Menschen könnten den Blick gar nicht davon abwenden. Aber auch er schafft nur zwei, drei, vielleicht fünf Kunden am Tag ...«

Anscheinend hatte ich Nastja überzeugt.

»Willst du damit sagen, ihr seid so etwas wie Luxusgegenstände?«, fragte sie spitzfindig.

»Na ja, nicht gerade Gegenstände ... Stell dir einen Sänger vor. Mit einer wunderbaren Stimme. Alle wollen ihn hören. Aber er kann nur ein Konzert pro Tag geben. Was heißt das? Trägt der Sänger die Schuld daran, nicht alle glücklich machen zu können? Oder der Arzt, der sensationelle Operationen durchführt, während Tausende von Kranken ...«

»Schon gut.« Nastja verzog das Gesicht. »Aber warum dient ihr nur der Macht?«

»Was heißt das, der Macht?«, antwortete ich mit einer Gegenfrage. »Zu mir ist ein Satiriker gekommen. Dann ein Sänger ... mit Freunden. Dein Freund ist ein Geschäftsmann. Jeder, der Erfolg hat, erfährt früher oder später von uns und wird zu unserem Kunden. Und weiter im Text. Du hast behauptet, wir würden unsere Fähigkeiten nur zu unserem eigenen Vorteil einsetzen.«

Nastja hüllte sich in Schweigen.

»Du wirst doch schon einmal etwas davon gehört haben, dass eine Hand die andere wäscht, oder? Es wäre doch absurd, wenn wir untereinander nicht unsere Krankheiten behandeln, uns nicht bewirten, uns keine Urlaubsmöglichkeiten zur Verfügung stellen und uns, um das nicht zu vergessen, nicht gegenseitig beschützen würden! So etwas ist undenkbar, Nastja! Außerdem gibt es nirgends auf der Welt hungrige Köche oder obdachlose Hoteliers! Was noch? Die geheime Polizei?«

Nastja nickte.

»Wer soll uns denn sonst beschützen? Soll ich zur Miliz rennen, wenn etwas passiert? Beispielsweise, als deine Freunde die Alte und die beiden unschuldigen Menschen angegriffen haben, die ihr im Hotel helfen? Ihr klagt uns an - aber zu welchen Methoden greift ihr denn selber?«

»Ich wusste nicht, dass es so passieren würde!«, rief Nastja. »Wir wollten ein paar Funktionale gefangen nehmen. Dich, denn du bist noch ganz unerfahren und hattest noch nicht alle Türen geöffnet, und Felix, weil er in Kimgim der Chef ist!«

Kaum begriff sie, dass sie sich verplappert hatte, verstummte sie. Momentan verbiss ich mich jedoch nicht an dieser Aussage. »Und der letzte Punkt«, fuhr ich stattdessen fort. »Du hast gesagt, wir würden die Wahrheit über die Parallelwelten verheimlichen. Gut, lassen wir das einmal gelten. Aber was würde denn passieren, wenn wir die Wahrheit preisgeben würden? Stell dir doch bloß mal vor, wir viele Abenteurer losstürzen, um die neuen Welten zu erobern! Und zwar nicht nur Welten, in denen keine Menschen leben, sondern vor allem in die besiedelten! Wenn wir etwas von den anderen Welten verlauten lassen, aber den Zugang nicht öffnen, wird man uns hassen. Natürlich sind wir stärker als ein Mensch, aber gegen eine ganze Armee dürften auch wir wenig ausrichten können. Außerdem haben wir selbst keine Armeen. Wenn sie Panzer gegen uns einsetzen und ...«

»Einen Turm wie deinen kann man nur mit einer Atombombe zerstören.«

»Ich glaube nicht, dass das irgendjemanden abhalten wird«, entgegnete ich finster. »Versteh doch, Nastja, unsere geringe Zahl zwingt uns dazu, unsere Existenz zu verheimlichen. Wir sind nicht imstande, die ganze Welt ... alle Welten glücklich zu machen. Aber wir helfen den Menschen im Rahmen unserer Möglichkeiten, tragen zum Fortschritt bei ...«

»Du redest schon wie ein Funktional.«

»Ich bin ja auch ein Funktional. Gut, wenn ich mich täusche, dann sag mir doch, worin mein Irrtum besteht.«

»Illan könnte dir das alles erklären.«

»Du weißt ja selbst nicht, warum du gegen uns kämpfst«, warf ich ihr vor.

»Das liegt daran, dass du ... dass du alles irgendwie ganz anders erklärst!« Nastjas Verwirrung ließ sich nicht übersehen. »Es sind die gleichen Dinge, aber wenn du darüber sprichst, hört sich das alles irgendwie völlig normal an.«

»Dann denk halt selbst, mit deinem eigenen Kopf«, sagte ich genüsslich. »Wahrlich eine schöne Heldin des Untergrunds, so eine Partisanenfunkerin ... Was wolltet ihr von mir?«

»Du bist noch neu ... Deine Türen sind noch nicht alle auf. Illan hat gesagt, wir müssten nach Erde-1 gelangen. Das ist die Schlüsselwelt.«

»Existiert die denn?«

»Selbstverständlich!« Nastja bedachte mich mit einem tadelnden Blick. »Unsere Erde ist die zweite. Illan glaubt, die Funktionale kämen von Erde-1.«

»Ich bin aber einer von hier, von Erde-2.«

»Kann schon sein. Aber die ersten Funktionale kamen von Erde-1. Und sie haben ihre Welt gegen alle anderen abgeschottet.«

»Und wer sind die?«

»Das wissen wir nicht. Vermutlich sind es nicht sehr viele.«

»Eine Verschwörungstheorie«, konstatierte ich nachdrücklich. »Weißt du, was das heißt? Dann erklärt man alles mit irgendwelchen Intrigen. Freimaurer, Außerirdische, eine geheime Weltregierung.«

»Das Letztere stimmt ja auch.«

»Quatsch! Nichts davon trifft zu!« Mit der Hand fuchtelnd sprang ich auf. »Alle brauchen meinen armen Turm. Ein Politiker träumt davon, in die Zukunft zu blicken. Ihr sucht Erde-1, die nicht existiert.«

»Wer hat dir das erzählt?«

»Felix.«

Nastja stieß geräuschvoll die Luft aus, sagte jedoch kein Wort.

»Weißt du, was ich dir empfehle, meine verehrte Freundin?«, plusterte ich mich auf. »Geh nach Hause und mach deine Schularbeiten. Bereite deiner Mama und deinem Papa eine Freude, indem du dich anständig benimmst. Spendier dir einen Besuch beim Friseur, damit du hübsch für Onkel Mischa bist, schließlich liebt er schöne Frauen ... Wo ist er eigentlich?«

Mit einem Mal fiel mir auf, dass ich Nastja noch gar nicht gefragt hatte, wie sie nach Nirwana gekommen war.

»Ich weiß es nicht. Wir sind nach Antik gegangen, da haben uns ... zwei Einheimische angesprochen. Ein Polizist und noch jemand.«

»Funktionale?«

»Ja. Sie hatten irgendwoher erfahren, dass ich dem Untergrund angehöre. Deshalb haben sie mich verhört. Ich habe jedoch geschwiegen. Irgendwann habe ich behauptet, ich müsse zur Toilette, und wollte fliehen. Na ja ... sie haben mich gekriegt. Keine Ahnung, was sie mit mir angestellt haben, denn ich bin erst wieder in dem Dorf zu mir gekommen. Ich weiß, was es damit auf sich hat. Jemand hat uns von Nirwana berichtet. Aber ... obwohl ich alles wusste, konnte ich trotzdem nicht aufstehen und abhauen.«

»Und dein Freund?«

Sie hüllte sich in Schweigen.

»Schon verstanden.« Ich nickte. »Du solltest ihm deswegen aber keine Vorwürfe machen.«

»Er hätte mich ganz bestimmt gerettet! Was hätte er denn tun sollen? Sich auf den Polizisten stürzen? Er wäre schon nach Nirwana gekommen, bloß eben später!«

Nastjas Anspannung war unverkennbar, ihre Augen funkelten, im Zweifelsfall würde sie es auf einen Streit ankommen lassen. Deshalb widersprach ich ihr nicht.