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»Ja, vermutlich hat er ganz klug gehandelt«, pflichtete ich ihr bei. »Na gut, es hat mich gefreut, dich kennenzulernen, Nastja. Schön, dass du dich besser fühlst. Schreib mir mal oder schick mir ein Telegramm. Wenn du mal in der Nähe bist, besuch mich.«

»Ich danke dir auch, Zöllner.« Abrupt erhob sich Nastja. »Krieche denen nur weiter in den Hintern, das gelingt dir ganz vortrefflich! Deine Herren werden zufrieden sein!«

Stolz erhobenen Haupts marschierte sie zur Treppe.

»Ich heiße Kirill«, rief ich ihr hinterher. »Willst du etwa so auf die Straße gehen? Nur im T-Shirt?«

Wie angewurzelt blieb Nastja stehen. Der schöne Abgang war ihr vermasselt.

»Na komm ...«

Ich gab ihr eine alte Jeanshose von mir. Sie hing zwar wie ein Sack an ihr, aber nachdem wir ein neues Loch in den Gürtel gebohrt hatten, rutschten sie ihr wenigstens nicht runter. Die Turnschuhe passten dagegen schon besser, waren höchstens eine oder zwei Nummern zu groß. Nastja besaß kräftige Füße.

»Wo wohnst du denn?«

»In der Timirjasewskaja.«

»Hier.«

Ich hielt ihr zwei Hunderter hin. Für das Taxi würde das reichen. Ohne falsche Bescheidenheit stopfte Nastja das Geld in die Hosentasche. Mit einem Mal zeichnete sich auf ihrem Gesicht Unglauben ab. Abermals versenkte sie die Hand in die Tasche und zog mein nicht gerade frisches Taschentuch heraus. Angewidert ließ sie es zu Boden fallen und wischte sich die Hand am Hosenbein ab.

Ich tat so, als wäre mir der Vorfall entgangen. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass es in Moskau nicht regnete. Es war kalt, aber sonnig. Ein bisschen frieren würde sie wohl - denn ich hatte nicht vor, ihr meine Jacke abzutreten.

»Zöllner, wohin ...«

»Kirill.«

»Wohin führt dein neues Fenster, Kirill?«

In der Tat. Es musste ja ein neuer Durchgang entstanden sein!

»Das geht dich nichts an!«, sagte ich. »Tut mir leid, aber deine Erkundungstour ist nun zu Ende. Alles Gute.«

Wortlos begab sich Nastja nach unten. Ich öffnete die Tür, um sie nach Moskau zu entlassen. Fragend sah ich ihr in die Augen. Ob sie schweigend davonziehen würde, um das Gesicht zu wahren?

»Danke«, sagte sie, ohne ihren Widerwillen zu unterdrücken. »Für die Anziehsachen ... und ... überhaupt. Ungeachtet unserer ideologischen Differenzen hast du dich höchst anständig verhalten. Wie ein Mann.«

Daraufhin drehte sie sich um, warf den Kopf hochmütig in den Nacken und stolzierte zur Straße. Erstaunlicherweise sah sie sogar in meinen alten Jeans attraktiv aus.

Seufzend schloss ich die Tür. Woher nahm sie bloß dieses Vokabular? ›Ungeachtet unserer ideologischen Differenzen‹ ... Ob sie in den Zirkel ›Junge Liberale‹ ging?

»Ein nacktes Mädchen lag im Gras, wo ich vorüberschritt«, sagte ich traurig. »Ein andrer hätt’ sie vergewaltigt, ich gab ihr’nen Tritt.«

Ob alle Funktionale solche Probleme mit ihrem Privatleben hatten? Flirteten sie deshalb miteinander? Obwohclass="underline" Felix hatte mir ja erzählt, er habe eine Familie, Kinder...

Schluss damit. Was brauchte ich eine Affäre mit einer jungen Abenteuerin? Schließlich lag mir ganz Moskau zu Füßen!

Und obendrein vier weitere Welten. Von denen ich eine noch nicht mal gesehen hatte.

Doch so stark die Versuchung auch sein mochte, als Erstes ging ich die Treppe nach oben, um zu überprüfen, ob inzwischen ein weiteres Stockwerk entstanden war.

Das war der Fall. Ein kleineres rundes Zimmer mit einem einzigen Fensterchen, das nach Moskau ging. An den Wänden zogen sich vom Fußboden bis zur Decke Bücherschränke aus dunklem polierten Holz. Leere gähnte in ihnen. Außerdem gab es noch einen Tisch, neben dem ein gemütlicher tiefer Sessel stand. Und einen Kamin, in dem selbstverständlich kein Feuer brannte, der aber dennoch echt wirkte.

Die leeren Bücherschränke ließen ein seltsames Gefühl in mir aufsteigen. Eine sehnsüchtige, traurige Stimmung. Als ob du irgendwo hinkommst und Berge abgelegter Kleidung, Schuhe und sonstiger Kleinigkeiten entdeckst, aber nirgends Menschen. Als ob sie einfach verschwunden wären.

Na ja, halb so wild. Eine Bibliothek zusammenzutragen, das würde ich schon schaffen.

Ein paar Minuten stand ich da, um die Schränke zu betrachten. Ich malte mir aus, wie lauschig es wäre, an einem kalten Winterabend hier oben zu sitzen, im Kamin ein Feuer zu entfachen, ein Buch aufzuschlagen und, mit einem Blick auf das abscheuliche, matschige Moskau, in aller Ruhe etwas zu lesen. Und ein Pfeifchen zu schmauchen. Es musste unbedingt eine Pfeife sein. Auf dem kleinen Tisch stünde eine Tasse heißen Tees mit Zitrone. Vielleicht auch ein Glas mit einem Tröpfchen eines guten alten Kognaks, gar nicht, um ihn zu trinken, sondern um zwischen den einzelnen Schlucken Tee sein Bouquet zu genießen, bevor ich mich wieder in die Lektüre versenkte.

Ich seufzte - nicht weil ich mich nach einem unerreichbaren Traum verzehrte, sondern in Vorfreude auf jenen Moment, wenn dieser Traum Wirklichkeit würde. Denn das würde er. Ohne jeden Zweifel. Schließlich war ich ein Funktional. Der geborene Zöllner...

Eben! Warum ausgerechnet Zöllner? Warum war ich nicht als Meister des Verkaufs erkannt worden, dem man ein Geschäft zur Verfügung stellte, in dem sich Computer, Fernseher und andere technische Geräte stapelten? Das wäre logisch gewesen.

Achselzuckend begab ich mich in den ersten Stock hinunter. Wenn man erst mal anfängt, überall nachzubohren, vermutet man in der Tat bald überall eine Weltverschwörung. Genau das wollte ich nicht! Sollten sie doch alle zum Teufel gehen! Die Politiker, Untergrundkämpfer und Polizisten! Sollte sich die letzte Tür doch in eine unbewohnte Welt geöffnet haben - mir würde das nur recht sein! Vielleicht war in dieser Welt der Mond irgendwann auf die Erde gefallen, weshalb um den Turm herum Lavaseen lagen und Vulkane brodelten. Oder eine schreckliche Explosion auf der Sonne hatte alles Leben ausgelöscht, und der Turm stünde inmitten von Dünen aus knirschenden Sand, während über ihn ein salpetriger Wind hinwegfegte. Außerdem könnte ich Gefallen daran finden, wenn die Erde sich dort nicht drehte. Es dürfte doch wohl nicht an Katastrophen mangeln, die einen ganzen Planeten unbewohnbar und völlig überflüssig machen! Gegenüber dem Politiker Dima würde ich mit den Schultern zucken, Illan und Nastja zum Teufel schicken und selbst glücklich und zufrieden leben.

Mit diesem Gedanken löste ich die Schrauben vom letzten Fenster.

Im ersten Moment glaubte ich, der Turm stünde im Wald. Das Geäst der Bäume streifte die Fenster. Ein kleines vorwitziges Vögelchen starrte mich durch die Scheibe an. Was denn? Sahen die Tiere den Turm etwa? Die Welt war grün und sonnig, hier hatte der Sommer Einzug gehalten, der normale warme Sommer, nicht dieses grelle Bilderbuch Nirwana, nicht die Tropenpracht, sondern ein ganz gewöhnlicher Moskauer Sommer, ruhig und maßvoll.

Zwischen den Bäumen konnte ich die Spitze des Fernsehturms in Ostankino erkennen.

Also war diese Welt doch bewohnt. Gehörte sie zu den Großen Fünf? Erde-4, Erde-5 oder Erde-6? Oder lag vor mir doch das heiß begehrte Arkan, die Welt, in der alles wie bei uns war - nur schon in der Zukunft?

Oder handelte es sich etwa um die geheimnisvolle Erde-1? Wenn Nastja das gesehen hätte, wäre sie vermutlich nicht freiwillig aus dem Turm gegangen ...

Ich musste diese Welt genauer unter die Lupe nehmen.

Doch als ob ich diesen Moment hinauszögern wollte, trat ich erst vor die übrigen Fenster. Am meisten interessierte mich Erde-17. Ob Kotja sich eines Besseren besonnen hatte und zurückkam? Allein oder mit der Flüchtigen, das war mir egal.

Aber am Strand ließ sich niemand blicken, nur eine leere Bierflasche funkelte im Sonnenschein. Unschön sah das aus. Ich sollte den Müll dort einsammeln.

Das musste jedoch warten. Was auch immer ich mir einzureden versuchte, ich wollte unbedingt in Erfahrung bringen, was ich mit dem letzten Los in dieser Lotterie gewonnen hatte.