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Achtzehn

Unbesonnenheit besitzt ihren eigenen Zauber. Aus dem Haus zu gehen, um Brot zu kaufen, und dann in einer anderen Stadt zu landen; morgens eine Frau kennenzulernen und abends auf dem Standesamt zu erscheinen. Unbedingt die Tür zu dem dunklen Raum zu öffnen, aus dem verdächtige Geräusche dringen. In das Gehege eines Flusspferds zu klettern und dem Tier auf das dicke Hinterteil zu klatschen. Nach Thailand zu fahren und ohne Präser Sex zu haben. Das Angebot eines geheimnisvollen Unbekannten zu akzeptieren und mit Blut ein jungfräulich weißes Blatt Papier zu unterzeichnen - kurzum, sich Hals über Kopf in ein Abenteuer zu stürzen ist höchst verführerisch.

Vor allem wenn du zwanzig bist und noch nie ein echtes Abenteuer erlebt hast.

Echte Abenteuer verlangen nach Unbesonnenheit. Ach, wie viele spannende Abenteuer wären der Menschheit entgangen, wenn die Menschen zunächst in Ruhe über alles nachdenken und sich entsprechend hätten vorbereiten wollen! Dann hätten Polarexpeditionen ihr Petroleum nicht in gelöteten Zinnkanistern aufbewahrt oder auf Ponys als Transportmittel vertraut, Erfinder wären mit ihren Flügeln zunächst von der Scheune und erst danach vom Eiffelturm gesprungen, die Empfänger von E-Mails würden Post mit dem Betreff »Nice game!« nicht öffnen und nigerianischen Prinzen nicht behilflich sein, zwei Millionen Dollar zu erben. Mit anderen Worten: Eine ganze Menge Dinge wären nicht passiert. Komische Dinge, traurige Dinge, zumeist jedoch tragische Dinge.

Denn echte Abenteuer verlangen nach Opfern.

Noch vor einem Monat wäre ich kurzweg aus dem Turm in eine neue Welt gestürmt. Weder das Wetter noch die Eingeborenen oder die absolute Unkenntnis der Gegebenheiten vor Ort hätten mich davon abhalten können.

Inzwischen hatte ich mich jedoch geändert. Seit dem Tag, als ich der Welt mutterseelenallein gegenüberstand, dachte ich zunächst nach. Nicht sehr lange, aber immerhin.

Ich verließ den Turm in Richtung ›meines‹ Moskaus, hielt ein Auto an und ließ mich zum Supermarkt fahren. Das dicke Bündel Geldscheine musste unter die Leute gebracht werden. Zu meinem Glück bot man Sommerkleidung gerade zu günstigen Ausverkaufspreisen an. Im Camel-Trophy-Shop erwarb ich etwas, das als lange Shorts oder kurze Hose durchging, ein Polohemd, eine Windjacke mit Kapuze und abknöpfbaren Ärmeln (»mit einem einfachen Griff verwandelt sie sich ...«), eine Schirmmütze und bequeme Sandalen. Als ich erklärte, ich würde in den Süden fahren, schlich sich in die neugierigen Blicke der Verkäufer die Traurigkeit der Menschen, die ihren Urlaub gerade hinter sich haben.

Wieder in meinem Turm, befestigte ich an meinem Gürtel den Dolch, den Wassilissa mir geschenkt hatte. Die Waffe würde ich wohl kaum brauchen. Abgesehen davon war ich gefährlicher als jede Pistole! Aber das menschenleere Grün vor meinem Fenster, durch das frech die Spitze des Fernsehturms lugte, schrie zusammen mit meiner Tropenkluft regelrecht nach den entsprechenden Accessoires: nach einer Machete, einem Tropenhelm, einer Waffe zur Elefantenjagd. Der Dolch, immerhin griffbereit, stellte einen würdigen Kompromiss dar. An Proviant nahm ich eine Tafel Schokolade und eine Flasche Kognak mit. Mit Wasserknappheit brauchte ich vermutlich nicht zu rechnen. Auf Medizin konnte ich inzwischen anscheinend grundsätzlich verzichten. Wenn mein Organismus es fertigbrachte, über Nacht gebrochene Rippen zusammenwachsen zu lassen, in null Komma nix Psychedelika neutralisierte und keinen Kater mehr kannte, dürften mir Durchfall und Erkältung nichts anhaben können.

Schließlich schnappte ich mir noch die Unterlagen, die ich von Felix erhalten hatte, blätterte sie durch und informierte mich gründlich über die Welten, in denen es menschliche Zivilisationen gab.

Erst nach all diesen Vorbereitungen ging ich hinunter und verließ den Turm in Richtung ... hm, angesichts des Fernsehturms von Ostankino schien es mir gerechtfertigt, diese Welt vorerst als Moskau-2 zu bezeichnen.

Aus irgendeinem Grund nahm ich als Erstes das taubenetzte Gras wahr. Meine Füße waren sofort feucht, was jedoch angenehm war, mich an ein noch aus meiner Kindheit bekanntes Gefühl erinnerte, wenn ich barfuß in der Datscha herumtollte. Es war warm, aber nicht heiß. Die Luft war sauber, süß und in keiner Weise mit der städtischen zu vergleichen. In meinen Ohren hallte Vogelgezwitscher wider, nicht das Krächzen der Krähen, nicht das Tschilpen der Spatzen, sondern der Gesang von Vögeln, deren Namen ich nicht einmal kannte.

Die Gegend stellte sich aber als doch nicht so unbewohnt heraus, wie ich zunächst geglaubt hatte. Zwischen den Bäumen schlängelte sich ein Pfad entlang, der sehr akkurat angelegt war und an dessen Biegungen umsichtig Markierungssteine aufgestellt waren. Er führte einen Hügel hinauf, um meinen Turm herum und verlor sich dann wieder im Wald. Bei Letzterem handelte es sich weniger um einen Wald als vielmehr um einen großen Waldpark. Damit erhob sich die Frage, wohin ich mich wenden sollte. Der Pfad führte in Richtung Fernsehturm.

Mein eigener Turm hatte sich in dieser Welt übrigens auch verändert. Zu einem Ziegelbau war er geworden, und bis anderthalb Meter überm Boden zog sich eine Verkleidung aus braunen Platten. Etwa auf der Höhe des zweiten Stocks gab es einen weiteren Streifen aus Platten, in die ein Flachrelief gehauen war. Ich trat ein wenig vom Turm zurück, um das Kunstwerk besser betrachten zu können, und umrundete den Bau.

Am ehesten erinnerten diese Reliefs an die sowjetische Propagandaskulpturen unter Stalin. Auf jeder Platte war ein Mensch dargestellt, der mit glücklichem Gesichtsausdruck einer gesellschaftlich nützlichen Tätigkeit nachging. Ein Arbeiter fertigte etwas an der Werkbank, ein Bauer hielt in den ausgestreckten Händen eine Ährengarbe, eine Ärztin hörte mit einem Stethoskop einen Kranken ab, ein Fußballer trat den Ball, ein älterer Herr schrieb Formeln an die Tafel (bei genauerem Hinsehen konnte ich sogar die allerheiligste Gleichung E = mc2 erkennen). Selbst die Kinder auf einem der Reliefs ließen keine Papierflugzeuge steigen, sondern säuberten einen Kaninchenstall.

Hielt ich mir vor Augen, dass in jeder Welt das Äußere des Turms seiner Umwelt entsprach, taten sich äußerst interessante Perspektiven auf. Vielleicht war das gar nicht Arkan mit seinem Vorsprung von rund fünfunddreißig Jahren? Vielleicht war das eine bislang völlig unbekannte Welt, die fünfzig Jahre hinter unserer zurücklag?

Nun, das würde ich herausfinden.

Ich folgte dem Pfad. Der Weg stieg leicht an, und über den weichen Boden zu gehen war angenehm und erschöpfte mich nicht. Außerdem nahm ich voller Freude das Ausbleiben unangemessener euphorischer Zustände zur Kenntnis. Was ich empfand, war das normale Vergnügen, das ein Waldspaziergang bei schönem Wetter bereitet.

Ach, wenn es doch nur in meinem Moskau einen solchen Sommer und derart gesunde, nicht zugemüllte Parks gäbe!

Nachdem ich eine Viertelstunde gewandert war und rund anderthalb Kilometer zurückgelegt hatte, schlugen mir ausgelassene Stimmen entgegen. Da nahte er, der lang ersehnte Kontakte mit den Eingeborenen.

Indem ich meinen Schritt ein wenig zügelte und eine möglichst unschuldige und entspannte Miene aufsetzte, versuchte ich, etwas zu verstehen. Durch die Bäume hindurch konnte ich noch niemanden ausmachen, die Geräusche mussten also entweder extrem gut durch die Luft herangetragen werden, oder mein Gehör hatte sich inzwischen geschärft.

Was ich hörte, war ein Lied. Nein, besser sollte ich von einem Liedchen sprechen. Ein hymnisches Lied, das volle Kinderstimmen zwar nicht allzu rein, dafür aber inbrünstig vortrugen:

Hoch oben im Flugzeug möchte ich fliegen

Und das wunderschöne Moskau erblicken

Denn nur so kann ich gleichzeitig

Meiner lieben Freundesschar

Der ganzen Freundesschar