Der ganzen Freundesschar
Zuwinken.
Auf einem Dampfer möchte ich fahren
Und das wunderschöne Moskau erblicken
Denn nur so kann ich all die Gesichter
Meiner lieben Freundesschar
Der ganzen Freundesschar
Der ganzen Freundesschar
Betrachten.
Wandern möchte ich durch Wald und Flur
Und das wunderschöne Moskau erblicken
Denn nur so kann ich die Hand
Meiner lieben Freundesschar
Der ganzen Freundesschar
Der ganze Freundesschar
Drücken.
Freilich, es gibt unterschiedliche Lieder, von Liedchen ganz zu schweigen. Zu dem einen oder anderen Jubiläum der Hauptstadt hatten Poeten und Komponisten auf Kosten der Stadt schon Schlimmeres verzapft. Aber hier gesellten sich gleich zwei Merkwürdigkeiten zueinander.
Erstens sangen die Kleinen absolut aufrichtig. Von Herzen. Mit Gefühl. So dürften die Pioniere in den frühen sowjetischen Kinderfilmen losgeschmettert haben, wenn sie sich aufmachten, Alteisen zu sammeln.
Zweitens - und das schlug dem Fass den Boden aus - klang das Lied rhythmisch! Gereimt! Das hörte ich ganz genau, obwohl die Worte weder ein Versmaß beachteten noch einem Reim folgten.
Kaum entdeckte ich die Sangesspatzen (das Lied ging gerade zu Ende und ein munteres, vielstimmiges Zwitschern setzte ein, das sich aufs Harmonischste mit dem Vogelgetschilpe verband), verstand ich, wo der Hase im Pfeffer lag.
Sie hatten nicht auf Russisch gesungen. Die Fähigkeiten eines Funktionals hatten mich die fremde Sprache wie meine eigene verstehen lassen, dabei aber nicht für eine poetische Übersetzung gesorgt.
Und dass sie auf Russisch sangen ... war von einem Dutzend schwarzhäutiger Jungen und Mädchen wohl kaum zu erwarten. Die Kinder mochten zwischen sieben und zwölf sein. Die Jungen trugen Shorts, die Mädchen Shorts und ein Hemd, alle liefen barfuß umher. Bei uns geht man nicht einmal im Dorf derart sorglos ohne Schuhe aus dem Haus, denn allzu schnell träte man auf einen rostigen Nagel oder eine zerschlagene Flasche. Einige der Kinder waren heller, andere dunkel bis ins Violett, aber durch die Bank handelte es sich bei ihnen um hundertprozentige Neger.
Die Kinder unterstanden der Aufsicht einer jungen Frau, ebenfalls eine Schwarze, mit wulstigen Lippen, die jedoch ein leichtes geblümtes Kattunkleid trug, das man eher an einem Mädchen aus der tiefsten russischen Provinz erwartet hätte. In der Hand hielt sie einen Blumenstrauß, der mit seinen vier in Zellophan gehüllten purpurroten Rosen höchst offiziell wirkte.
Noch immer stand ich wie angewurzelt da.
Was war das für eine Welt? Ein von Schwarzen bewohntes Russland? Oho, was für eine überraschende und radikale nationale Idee!
Als die Frau mich erblickte, winkte sie mir freundlich zu. »Kinder!«, rief sie anschließend. »Eins, zwei, drei!«
Die Kinder stellten sowohl ihr Geschnatter wie auch ihre Rennerei im Kreis ein. Was für eine ausgesprochen eigentümliche Art der Fortbewegung: Während die Erzieherin den Pfad hinuntergeschritten war, waren die Kinder im Kreis um sie herumgetrudelt, als seien sie wahnsinnige Planeten, die unbedingt von ihrer Umlaufbahn abkommen wollten, trotzdem aber nach wie vor dieselbe Richtung beibehielten. Jetzt erstarrten sie jedoch zu einem mehr oder weniger reglosen Klumpen, um mit einem Lächeln ihrer weißen Zähne eine vielstimmige Begrüßung zu intonieren.
»Guttentag!«
»Guten Tag!«
»’n Tag!«
»Guntag!«
Und sogar: »Tach!«
Das jüngste Mädchen stimmte zwar nicht in diesen Chor ein, brachte dafür aber ein weitaus klareres »Hallo!« zustande.
Ich rang mir ein etwas gezwungenes Lächeln ab. »Hallo! Guten Tag!«, rief ich.
Damit schien dem Begrüßungsritual Genüge getan, denn die Kinder stoben in alle Richtungen auseinander. Die Frau blieb stehen, anscheinend wartete sie auf mich. Ich trat näher heran.
»Guten Tag!«, begrüßte mich die Schwarze in klarem, wenn auch akzentgeprägtem Russisch. »Wir stören doch nicht, oder? Sind wir zu laut?«
»Aber nein, keine Sorge«, widersprach ich eifrig. »Das sind doch Kinder! Wie könnten Kinder denn stören! Ich habe Kinder wirklich gern!«
»Oh, das sind keine Kinder, sondern Ungeheuer.« Die Frau wischte sich mit theatralischer Geste den nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn und lachte. »Mascha. Marianna Seilassi.«
»Kirill.«
»Sie sind von der Elfenbeinküste«, erklärte Marianna mit leicht gesenkter Stimme. »Vor einer Woche sind sie angekommen.«
»Ah!« Nach Ansicht der Frau sollte ich mit dieser Information wohl etwas anfangen können. »Natürlich. Und? Wie gefällt ihnen Moskau?«
»Sie sind selbstverständlich begeistert. Wir üben gerade ein Liedchen über Moskau. Sprechen Sie Französisch?«
»Dann war das also Französisch?«, staunte ich. »Na ja ... ein bisschen was habe ich verstanden. Der ganzen Freundesschar, der ganzen Freundesschar! Ein schönes Lied.«
Marianna nickte. »Für uns wird es Zeit.« Sie schielte zu ihren Schützlingen hinüber. »Auf Wiedersehen, Kirill! Kinder, eins, zwei, drei!«
»Auwietersehn!«
»Fiedersehen!«
»Auf Wiedersehen!«
»Auwwidderzehen!«
Nur das jüngste Mädchen scherte erneut aus, indem es klar »Tschüs« sagte.
Vielleicht mochte es sich bei der jungen Dame ja nicht um das sprachbegabteste Kind handeln - das originellste kleine Persönchen war sie auf alle Fälle.
Die Prozession entfernte sich in Richtung meines Turms, während ich dastand und ihnen neugierig nachsah.
Waren das Touristen? Von der Elfenbeinküste? Unsinn!
Flüchtlinge? Das hörte sich schon wahrscheinlicher an.
Was war das für ein Russland, was für ein Moskau, dass Flüchtlinge aus den heruntergekommensten afrikanischen Ländern aufgenommen wurden?
Es wurde immer interessanter.
Gedankenversunken schlenderte ich weiter. Wenn mir jetzt eine Gruppe alter Japaner oder schwangerer Polynesierinnen entgegengekommen wäre, hätte mich auch das nicht gewundert. Ich begegnete jedoch niemandem mehr. Dafür verwandelte sich der Trampelpfad erst in einen ordentlichen Sandweg, dann in einen gepflasterten und nach weiteren hundert Metern in eine kleine asphaltierte Straße. Diese säumten vereinzelte Laternen auf gedrungenen Pfählen. Sie waren grob gearbeitet, aus Gusseisen, aber mit geputzter und intakter Glaskugel.
Oho. Das war mit Sicherheit nicht mein Moskau.
Schließlich gelangte ich zu einer Straße, einem geraden zweispurigen Betonstreifen. Vom Park trennte sie ein eher niedriges, hüfthohes Drahtgitter, das vermutlich verhindern sollte, dass Tiere vor die Autos liefen. Auf der Gegenseite standen Betonpfeiler, wie man sie auch bei Gebirgsstraßen findet. In dem Gitter war für Menschen eine Pforte mit einer Klinke eingelassen, hinter der ein Zebrastreifen über die Fahrbahn zu einer kleinen, sauberen asphaltierten Aussichtsplattform mit grünen Holzbänken, massiven Mülleimern aus Stein, einer kleinen Mauer und einem auf einem Ständer montierten Fernrohr führte. Ein ganz normaler Aussichtspunkt. Dergleichen hatte ich schon gesehen. Allerdings noch nie in Russland.
Wie in Trance öffnete ich die Pforte, trat hinaus, schloss das Türchen hinter mir achtsam zu und überquerte die Straße, auf der keine Autos fuhren (obwohl ich ein sich entfernendes Motorengeräusch vernahm).
Unmittelbar hinter der Aussichtsplattform lag ein Abhang. Und Moskau.
Was war das für ein Ort? Die Sperlingsberge? Nein, das konnte nicht sein, die sahen anders aus ... eher ... Ich orientierte mich an der Spitze des Fernsehturms von Ostankino und der klar erkennbaren Silhouette des Kremls. Hol mich der Teufel und schmeiß mich von diesem Hügel (von wegen Hügelchen, ein Riesending war das!) in den zwanzig Meter weiter unten fließenden Fluss - aber wenn ich den Weg in unserer Welt zurückgelegt hätte, stünde ich jetzt genau an derselben Stelle! Also irgendwo in der Nähe der Metrostation Alexejewskaja.