Unsinn!
Offenbar stimmte die geografische Lage meines Turms in den beiden Welten überein. Deswegen zermarterte ich mir allerdings auch nicht den Kopf. Dergleichen konnte schon mal vorkommen.
Etwas anderes beschäftigte mich. Moskau sah hier teilweise genau wie mein Moskau aus. Dennoch unterschied sich das Landschaftsrelief grundlegend. Mal ganz ehrlich, ist es ein Wunder, wenn mancherorts die Luft nicht zum Atmen taugt und am Himmel kein Mond steht? Eben! Hier hingegen lagen die Dinge anders. Wie konnte an einem völlig anderen Ort eine beinahe identische Stadt entstehen? Wie konnte es im Zentrum von Moskau einen gigantischen Hügel geben - und gleichzeitig den Kreml oder den Fernsehturm von Ostankino? Die ihnen zum Verwechseln ähnlich sahen? Und an derselben Stelle lagen?
So etwas war unmöglich! Warum hätte Großfürst Dmitri Donskoi den Befehl erteilen sollen, den Kreml, die wichtigste Festung des Fürstentums, am Fuße eines solchen Hügels zu erbauen - quasi am Fuße eines Berges. Genau hier hätte er ihn errichten müssen, hier wo ich jetzt stand, sämtlichen Tataren und Mongolen zum Schrecken.
Auch Breschnew war nicht schon in jungen Jahren dem seligmachenden Altersschwachsinn anheimgefallen. In allen Welten thronen die pompösen Fernsehtürme auf Hügeln - wenn diese sich denn schon einmal in der Hauptstadt erheben.
Nein, all das war seltsam ...
Ich gab die Rätselei auf und ging zu dem Fernrohr. Was das wohl für eins war? Es gibt welche, die lassen sich nicht schwenken, ehe man eine Münze eingeworfen hat. In dem Fall kannst du einen Punkt so lange anstarren, bis es dir zum Hals raushängt. Allerdings existieren auch noch fiesere, bei denen das Fernglas selbst von innen verblendet ist.
Für dieses Fernrohr brauchte man nichts zu bezahlen. Ich fand noch nicht einmal Schlitze für Münzen. Ich beugte mich zum Okular vor und verschaffte mir begierig einen Überblick über die Stadt.
Der Kreml. Anscheinend nicht weiter auffällig. Das heißt ... Was haben wir denn da auf den Türmen? Na, na ... Sterne. Rote Sterne, rubinrote. Da hätten wir also eine Arbeitshypothese ... Ich suchte nach der Staatsfahne - womit die Hypothese hinfällig wurde.
Weiß-Blau-Rot. WeBeR, wie sich faule Schüler die Reihenfolge der Farbstreifen merkten. Aber keine roten Fahnen mit Hammer und Sichel.
Eigentlich schade! Ich war nämlich schon drauf und dran gewesen zu glauben, in einer kommunistischen Utopie gelandet zu sein, die entgegen jeder historischen Logik überlebt hatte.
Na gut, schauen wir mal weiter! Der Manegeplatz ... Was war denn das? War der bei uns so grün? Mit Blumen und Sonnenschirmen vor Straßencafés? Und das mitten in der Stadt?
Oh, oh ... Wo stand bei uns ... hm, sagen wir das Denkmal von Peter dem Großen, das eigentlich als Denkmal für den Herrn Kolumbus geplant gewesen war? Ich tastete mit dem Fernrohr die Moskwa ab, vermochte jedoch nichts Erschreckendes zu entdecken. Wo ist das Schaschlik? Ich ortete den Tischinskaja-Platz. Daraufhin nahm ich sogar kurz das Auge von der Linse, um zum Himmel hinaufzublicken und innig auszustoßen: »Ich danke dir, mein Herrgott!«
Dieses Moskau fing an, mir ungemein zu gefallen!
Gierig flog mein Blick durch die Straßen Moskaus, die mir seit meiner Kindheit vertraut waren. Das Bolschoi-Theater. Alles in Ordnung. Da war das Kaufhaus ZUM ... Nein, hier war nicht alles in Ordnung! Die oberste Etage war durch und durch aus Glas, eine Art Restaurant mit Aussichtsfläche. Die Basilius-Kathedrale stand am altvertrauten Ort. Aber was war das für eine Kirche? Offensichtlich eine alte. Aber in meiner Welt erhob sich an der Stelle dieser Kirche irgendein grässlicher Ministerialbau ...
Nein, so kam ich nicht weiter. Ich gab die Suche nach bekannten Gebäuden auf und machte mich stattdessen daran, die Hauptstraßen unter die Lupe zu nehmen.
Schon bald erfasste ich die wesentlichen Unterschiede. Es gab mehr alte Bauten, sowohl Kirchen und Paläste als auch völlig gewöhnliche alte Häuser im Zentrum. Aber auch einiges von dem, was als Stalin-Architektur bekannt geworden ist. Sofern es überhaut Neubauten gab, fügten sie sich gut ins sonstige Bild. Der Stadtrand schien überhaupt nicht sehr verändert zu sein. Auch hier erstreckten sich die Schlafbezirke mit ihren öden Plattenbauten. Vielleicht gab es etwas mehr Grün und etwas bessere Straßen. Überall machte ich winzige Parks und überraschende Lücken aus, die zwar nicht so groß wie der Ground Zero in New York, aber immerhin auch nicht ganz ohne waren. Es gab viele Autos und wenig Staus. Sehr viele Boulevards und Fußgängerzonen. Kurzum, es handelte sich hier nicht um den Wirklichkeit gewordenen kommunistischen Traum, war mir aber insgesamt sehr sympathisch.
Seufzend trat ich von dem Fernrohr zurück. Ich kramte die Zigaretten heraus und steckte mir eine an.
Etwas stimmte hier nicht. Wie brachte ich diesen Hügel unter? Die Stadt, die ich sah, hatte den sich in ihrem Zentrum hochschießenden Hügel quasi ignoriert. Den hochschießenden?
Abermals beugte ich mich zu dem Okular hinunter, um die Landschaft um den Hügel herum zu studieren.
Ja, genau so war es. Der Hügel, auf dem ich stand, schien gewissermaßen mit brachialer Gewalt aus dem Boden herausgebrochen - herausgebrochen, herausgerissen, nach oben gezerrt. Und das erst vor relativ kurzer Zeit, selbst wenn die Stadt die Wunden geheilt hatte und die aufgerissenen Straßen nun entweder um das Hindernis herumführten oder an Stellen endeten, die ein Architekt mit Sicherheit nicht vorgesehen hatte. Ferner ließ sich nicht übersehen, dass einige Gebäude in der Nähe des Hügels restauriert worden waren, während andere allzu neu wirkten und erst nach der Katastrophe entstanden sein konnten. An der Stelle von Ruinen? Vermutlich schon.
Und der kleine Fluss, der sich am Fuße des Hügels dahinschlängelte? Sollte das die Jausa sein? Nein, da stimmte die Entfernung nicht. Allem Anschein nach existierte dieser Fluss in meiner Welt überhaupt nicht.
»Ein Erdbeben«, vermutete ich. »Wahrscheinlich.«
Und dieses »wahrscheinlich« bildete den Haken an der Sache. Noch nie hatte ich von einem Erdbeben dieser Stärke gehört, das ein derart großes Stück aus der Erde nach oben treiben, es mit einer Schlucht umgeben und ringsherum einen neuen Fluss entstehen lassen würde.
Ob es eine Übungsaufgabe der Städtebauer gewesen war? Eine Vorbereitung auf die Umlenkung der Flüsse in Sibirien Richtung Süden, bei der sie im Zentrum von Moskau einen Park anlegen sollten? Eine Hypothese, nicht schlechter als andere.
Schluss jetzt, das Spekulieren half mir nicht weiter. Ich würde den Hügel hinabsteigen müssen, offensichtlich gab es ja sogar einen Weg. Dann würde ich mich in die Stadt begeben und dort in Erfahrung bringen, wohin ich geraten war und was hier vorging.
Der Abstieg per Fuß blieb mir dann allerdings erspart. Von der Straße drang das gedämpfte Brummen eines Motors heran. Schon in der nächsten Minute tauchte hinter den Bäumen, die eine Kurve verdeckten, ein Autobus auf und näherte sich der Aussichtsplattform. Der Bus war nur kurz und lediglich mit zwei Türen ausgestattet, dafür jedoch sehr hoch und mit einer riesigen, über die ganze Fahrerkabine reichenden Windschutzscheibe versehen, die sogar einen Blick auf die Füße des Fahrers und die Pedale ermöglichte! Das Modell kannte ich nicht, es wirkte wie »geleckt«, altmodisch - und russisch. Keine Ahnung, woher ich Letzteres nahm. Aber so wie du normalerweise französische Autos von deutschen, japanischen oder amerikanischen unterscheiden kannst, gab es auch bei dem Bus etwas, das mir ohne jedes Wort signalisierte: Ich bin wie du, ein Einheimischer, ich bin hier gemacht worden. Übrigens riefen von den russischen Autos allenfalls der Niwa oder Pobeda bei mir dieses Gefühl der Verbundenheit hervor.
Der Autobus hielt sanft gegenüber der Aussichtsplattform. Die Türen öffneten sich, und ein Dutzend Menschen stieg aus. Schwarze waren nicht darunter, es handelte sich ausnahmslos um Russen, allenfalls Europäer. Jeder Einzelne von ihnen hielt es augenscheinlich für seine Pflicht, mir freundlich zuzulächeln, ein älterer Herr mit einem Stock und im Anzug tippte kurz gegen seinen hellen Strohhut.