Der Strohhut gab mir den Rest. In Moskau trug man solche Hüte nicht. Nicht einmal im Hochsommer. Selbst Alte nicht - sofern sie der Altersschwachsinn nicht gepackt hatte.
Darüber hinaus hatten alle Blumensträuße dabei. Einige Rosen, andere Nelken oder Tulpen. Und alle Sträuße setzten sich aus der obligatorischen geraden Zahl von Blumen zusammen. Wohin wollten sie? Was gab es dort, auf der Spitze des Hügels, wo hinaufzusteigen ich mir nicht die Mühe gemacht hatte? Einen Friedhof? Eine Gedenkstätte? Die Totengruft eines hiesigen Führers?
Der Autobus summte sehr leise und höflich. Hinter der Scheibe winkte mir der Fahrer zu: Willst du mitfahren?
Ich schlug alle Zweifel in den Wind und stieg ein. Im Innern herrschte gähnende Leere. Offenbar waren alle an der Plattform ausgestiegen - um mit ihren Blumensträußen durch den Wald zu verschwinden.
Ich durchquerte das Innere des Busses. Auch hier wirkte alles leicht altmodisch, untypisch für eine Welt, die der unseren fünfunddreißig Jahre voraus sein sollte, dafür aber gemütlich und angenehm, die braunen Bezüge der Sitzbänke aus Lederimitat waren abgenutzt, aber sauber und nirgends eingerissen oder aufgeschlitzt, die Decke sprenkelten bauchige Lampen, auf Hochglanz polierte Kupferschilder wiesen die ›Plätze für Kinder‹, ›Plätze für Schwerbeschädigte‹, ›Plätze für Damen in anderen Umständen‹ und ›Plätze für erschöpfte Personen‹ aus. Das Schild für die Schwangeren überzeugte mich endgültig davon, dass ich es hier nicht mit dem Sieg des Kommunismus in einem Sechstel der Welt zu tun hatte. Dagegen ließ mich das Schild für die erschöpften Personen wieder zweifeln.
Was zum Teufel war das für eine Welt? In der Liste, die ich vor meinem Aufbruch flüchtig durchgeblättert hatte, war unter den fünf bewohnten Welten keine aufgeführt, die sich mit dieser vergleichen ließ. Erde-2 war meine Heimat, in Erde-3 lagen Kimgim und Tausende von weiteren Stadtstaaten, dort gab es kein Öl, und die Entwicklung der Technik hinkte nach. Erde-4 war Antik, eine sehr seltsame Welt (als ob es welche gäbe, die nicht seltsam wären), die nun schon seit Jahrtausenden auf dem antiken Entwicklungsstand verharrte, dafür war aber der Grad dieser Antike bis zum Äußersten, bis aufs Glanzvollste verfeinert, mit ihren in der Schlichtheit genialen Mechanismen und eigentümlichen gesellschaftlichen Abhängigkeiten (Sklaverei war erlaubt, aber die Sklaven besaßen ein verbrieftes Recht zum Aufstand, das zweimal im Jahr angewendet werden durfte, dann wurden an die Rebellen Waffen ausgegeben und ihnen erlaubt, einen Aufstand zu initiieren, während den Herrschenden nur die Möglichkeit blieb, sich zu verteidigen). Bei Erde-5 handelte es sich um eine strenge Theokratie, die eine pervertierte, etwas krankhafte Variante des Christentums verkörperte, in der entwickelte Biotechnologien bei gleichzeitiger Ignoranz jeglicher Elektrizität existierten, die Herrschenden über Funktionale Bescheid wussten und versuchten, diese aufzuspüren. Erde-6 war eine im Grunde recht freundliche und angenehme Welt, die in ihrer Entwicklung weiter als Kimgim war und bald Zugang zum Kosmos haben würde, allerdings eine Besonderheit aufwies, die ihren gesellschaftlichen Aufbau zu einem vertrackten Rätsel machte: Sexuelle Bedürfnisse meldeten sich bei den Einheimischen nur einmal pro Jahr, im Frühling, ganz wie bei Tieren.
Wo war ich bloß gelandet? In Arkan? Oder auf Erde-1?
Ich stellte mich neben die Fahrerkabine, die von den Plätzen für die Fahrgäste durch eine halbhohe Glaswand getrennt war, über der der kurz geschnittene Kopf des Fahrers aufragte. Er beachtete mich nicht, sondern richtete den Blick aufmerksam auf die Straße. Wir fuhren übrigens nicht nach unten. Die Straße schlängelte sich wie eine Spirale den Hügel hinauf. Wir kamen in die Nähe des Gartenrings ... fuhren an der Sklifossowski-Klinik vorbei ...
An der Glaswand, die die Fahrerkabine abteilte, gab es, ganz wie ich erhofft hatte, einige Schilder. Ein kupfernes nannte das Herstellerwerk. Demzufolge fuhr ich in einem Autobus der Marke SchtschAS, der 1968 in der Schtschukinsker Automobilfabrik vom Band gegangen war. Alle Achtung! Ein stattliches Alter, aber noch in erstaunlich gutem Zustand! Zwei Blätter, die in Plastikhalterungen steckten, informierten mich über die Regeln zur Benutzung des Autobusses (im Grunde nichts Besonderes, sah man von dem etwas geschraubten Ton und dem ersten Satz ab: »Verehrte Fahrgäste! In den Autobussen Moskaus gehört es zum guten Ton, für die Fahrt wenn möglich zu bezahlen ...«). Eingehend studierte ich den Fahrplan der »Strecke der Erinnerung«. Bedauerlicherweise war darauf nur ein Ausschnitt Moskaus zu sehen. Immerhin erfuhr ich, dass ich mich auf einem Hügel mit verdächtig gleichmäßiger Kontur befand, der aussah, als hätte man einen gigantischen Zirkel in den Boden gepikt und damit einen Halbkreis mit einem Durchmesser von vier Kilometern gezogen. Mein Turm stand ganz in der Nähe von dem Punkt, an dem der Zirkel angesetzt worden sein musste. Die mir weitgehend vertrauten Moskauer Straßen zogen sich um den Hügel herum, als habe man in ein Netz aus weichem Draht einen schweren Kern fallen lassen, der alles zerriss und verbog. Der gesamte Hügel war grün schraffiert, darunter stand »Hügel der Erinnerung«.
Etwas musste hier passiert sein. Vor gar nicht allzu langer Zeit ... Konzentriert musterte ich die Bäume, die links am Autobus vorbeihuschten. Die Katastrophe dürfte nicht länger als ein halbes Jahrhundert zurückliegen, danach war der Hügel mit Bäumen bepflanzt und der Park angelegt worden. Zum Gedenken an die Opfer? Vermutlich.
Inzwischen hatte der Autobus zwei weitere Aussichtsplattformen angefahren, an denen jedoch niemand wartete. Beide Male hatte sich der Fahrer nach mir umgesehen, doch ich hatte nur den Kopf geschüttelt. Laut Karte sollte die Straße durch den Wald führen und mich quasi direkt zu meinem Turm zurückbringen. Dort, an der Basis des Halbkreises, lag auch die Endhaltestelle. Und, dem Preobrashenskaja-Platz zugekehrt, anscheinend eine weitere Aussichtsstelle.
So war es denn auch. Der Autobus bog ab, fuhr eine Zeitlang durch den Park (die Zweige der Bäume bildeten über uns gewissermaßen ein Dach). Uns kam ein Autobus desselben Typs entgegen, der gerammelt voll war. Die beiden Fahrer hupten einander zu.
Schließlich fuhr der Bus auf eine riesige Aussichtsplattform, deren Größe die der ersten weit übertraf und die mit Steinplatten ausgelegt war. Hier gab es Sonnenschirme und einen Parkplatz (zwei Autobusse, ein Dutzend Personenkraftwagen), ein kleines Restaurant mit Tischen drinnen und draußen und eine kleinere Holzkapelle, ein freundlicher heller Bau mit einem funkelnden vergoldeten Kreuz. Außerdem noch eine hohe Stele aus rotem Granit, ganz am Rand der Schlucht, neben den Ruinen eines kleinen Ziegelbaus. Auf der schwarzen Platte vor der Stele lagen im bunten malerischen Durcheinander unzählige Blumen.
»Hier ist Schluss«, teilte mir der Fahrer mit, während er den Motor abstellte. »Eine halbe Stunde Aufenthalt. Wenn Sie sich beeilen, der blaue Bus da drüben fährt bald los.«
Er lächelte mir mit den weißen Zähnen eines gesunden Mannes zu, der nie geraucht hatte, sich regelmäßig die Zähne putzte und den Zahnarzt aufsuchte. Mein Altersgenosse wirkte ein wenig schlicht, dabei jedoch sympathisch. An einem Finger saß ein Trauring, hinter der runden Scheibe des Tachometers klemmte ein kleines Farbfoto von einer Frau mit einem Kind auf dem Arm.
»Vielen Dank«, sagte ich aufrichtig. »Ich werde ... mich hier ein Weilchen umsehen.«
Nachdem ich ausgestiegen war, wandte ich mich sofort dem Denkmal zu - genauer den Ruinen des Ziegelbaus. Sie erinnerten mich an etwas.
An etwas, das mir schmerzlich vertraut war.
Neunzehn