Es gibt unterschiedliche Arten von Angst. Man sollte denjenigen, die behaupten, das Schlimmste sei eine unbekannte, unverständliche, sich sonst wo verbergende Gefahr, keinen Glauben schenken. Schrecklicher als alles andere sind die sichtbaren und brutalen Dinge, der kalte Stahl einer Klinge an der Kehle, die unendliche Dunkelheit im Innern eines Pistolenlaufs, der strenge Geruch eines über dich hergefallenen Tiers, das in den Mund strömende Salzwasser, die unter deinen Schritten knirschende Holzbrücke über einem Abgrund.
Erst dann folgen Worte wie: »Ich liebe dich nicht« und »Wir müssen operieren«, erst dann kommt etwas, das in der Dunkelheit schnauft und kauert, kommt der Friedhof in einer Gewitternacht, der erste Sprung mit einem Fallschirm, die Drohung: »Wir werden dich finden, ist das klar?«
Echte Angst ist körperlich, klar und hat dich vollständig im Griff. Du siehst sie, hörst sie, schnupperst sie und spürst sie. Du kannst sie schmecken.
Ein Pistolenlauf riecht nach Pulver und schmeckt nach Eisen. Ein berstendes Brett stinkt verfault. Die vor Angst gespannte Haut am Hals knirscht, wenn die Schneide sie berührt. Die Angst okkupiert all deine Sinnesorgane. Verfügtest du noch über ein sechstes, bemächtigte die Angst sich auch seiner.
Insofern hatte ich noch Glück. Ich stand neben dem Denkmal und betrachtete die Ruinen - die schmerzhaft bekannten Ruinen eines Turms. Ein Turm, genau wie meiner, versteckt zwischen Bäumen, hundert Meter von mir entfernt. Sogar ein Ausschnitt des Flachreliefs war noch erhalten, das Kaninchen im Käfig und die nach ihm ausgestreckte Kinderhand. Die Ziegelmauern waren verkohlt und wirkten abgeschmolzen, es gab keine einzige scharfe Kante, ganz wie bei einem Stück Würfelzucker, das man einen Moment lang in kochendes Wasser getaucht hat.
So sah eine zerstörte Funktion aus.
Langsam fuhr mein Blick über die Stele, den Berg von Blumen, die schwarze Marmorplatte und die Bronzetafel mit der Inschrift: Zum Gedenken an den Moskauer Meteoriten, der am 17. Mai 1919 auf der Erde aufschlug. Die ewige Dankbarkeit der Moskauer gilt allen Astronomen und Gen. Kulik persönlich, der das Nahen des Himmelskörpers bemerkte und die Bürger rechtzeitig vor der Gefahr warnte! Ewiges Gedenken den Genossen, die bei der Katastrophe den Tod fanden!
Etwas darunter und aus irgendeinem Grund nicht mehr in der Tafel, sondern schlicht im Marmor, prangte in bronzenen Großbuchstaben eine weitere Inschrift: BEIM ABSTURZ DES MOSKAUER METEORITEN STARBEN 314 MOSKAUER.
Gewiss, das war keine geringe Zahl. Aber letzten Endes hätte man mit dem Zehnfachen, wenn nicht gar mit dem Hundertfachen rechnen müssen. Selbst angesichts der Tatsache, dass im Jahre 1919 dieser Ort nur unter Vorbehalt zu Moskau gezählt werden konnte - so weit am Rand der Stadt, wie er lag. Und Hut ab vor Genosse Kulik und seinen Kollegen. Das musste man sich einmal vor Augen halten: 1919 das Nahen eines Meteoriten zu bemerken, den Punkt des Absturzes zu berechnen, die Menschen zu warnen, sie zur Evakuierung zu überreden ... Hatte wirklich allein dieses Ereignis ausgereicht, damit die Geschichte einen anderen Lauf nahm? Damit Sowjetrussland sich in ein durch und durch zivilisiertes, freundliches und menschliches Land verwandelte? Warum ist unser Meteorit dann an Russland vorbeigeflogen?
»Ja«, sagte nachdenklich jemand hinter mir. »Zweiundfünfzig Jahre sind jetzt vergangen ... Das ist kein Pappenstiel.«
Ich nickte nur, da ich mich lieber nicht auf ein Gespräch einlassen wollte. Doch schon im nächsten Augenblick drangen die Worte zu mir durch. »Wie viele Jahre haben Sie gesagt?«, fragte ich, indem ich mich umdrehte.
Hinter mir stand ein Opa, jener ältere Herr aus dem Autobus mit Stock und Strohhut.
»Das ist jetzt zweiundfünfzig Jahre her«, wiederholte er.
Alles klar. Bei dieser Welt handelte es sich leider wirklich nicht um Arkan. Das hier war das genaue Gegenteil. Eine Welt, die hinter der unseren zurücklag. Ich hatte eine neue bewohnte Welt entdeckt.
Hurra? Hurra! Und sogleich überfiel mich Argwohn. »Sind Sie etwa vor mir hier angekommen? Durch den Wald? Und zu Fuß?«
»So sind wir, immer direkt.« Der ältere Herr lächelte. »Während Sie mit dem Bus den Wald umfahren haben ... sind wir geradenwegs durch ihn hindurch, über kleine Pfade ... Ich komme jeden Monat hierher, ich kenne alle Wege. Zwanzig Minuten, länger brauche ich nicht.«
»Jeden Monat? Ist bei dem Unglück jemand gestorben, den Sie kennen?«
»Der Herr hatte Erbarmen mit mir.« Der Alte bekreuzigte sich. »Aber wie alles gewesen ist, daran erinnere ich mich noch hervorragend. Ja ... ich erinnere mich. Wollen wir uns vielleicht setzen?«
Er streckte die Hand mit dem Stock aus, um auf die Tische des Cafés zu zeigen. Eine komische Sache ist das: Wenn man mit dem Finger auf etwas deutet, gilt das als unhöflich. Aber mit dem Stock, das ist schon eine beinahe elegante Geste. Ob die Affen das auch schon so handhabten? »Zeig da nicht mit dem Finger, du bist ein Vorfahr des Menschen und verfügst über Werkzeuge! Nimm ein Stöckchen!«
»Gern ... aber ...« Ich zögerte. Bei der Busfahrt hatte ich mir das Fahrgeld ja sozusagen sparen dürfen ...
»Haben Sie kein Geld, junger Mann?« Der Alte lächelte. »Dann erlauben Sie mir, Sie zu einem Krug Bier einzuladen.«
Nach dem Spaziergang wollte ich in der Tat gern etwas trinken.
»Das kann ich doch nicht annehmen«, murmelte ich.
»Gehen wir, mein Junge, gehen wir.« Der Alte klackerte mit seinem Stock auf die Steine. »Ich bin auch bestimmt kein alter Lüstling, der darauf erpicht ist, einen kleinen Jungen kennenzulernen. Und ich bin kein Trinker, der bei einem Gläschen seine Märchen erzählt. Keine Sorge!«
Ich willigte ein. In der Sturheit dieses Alten lag etwas ebenso Komisches wie Anrührendes. Selbstverständlich hielt ich ihn weder für einen Lüstling noch für einen Trinker. Allerdings für einen begeisterten Erzähler, der nichts so sehr liebte, wie über das wichtigste Abenteuer in seinem Leben zu berichten ...
Wir setzten uns unter einen beigefarbenen Sonnenschirm, auf den das seltsam vertraute Logo»Kwass-Fass« gedruckt war. Der Tisch war solide und aus Aluminium, der Stuhl leicht und aus Plastik, dafür aber vorsorglich mit einem Sitzkissen aus knalligem Kunststoff ausgestattet. Der Kellner kam auf uns zu, ein ganz junger Mann. Ein Schwarzer.
»Willkommen, Kir Sanytsch«, begrüßte er den Alten lächelnd. Mir spendierte er ein nicht weniger breites und freundliches Lächeln. »Willkommen.«
»Guten Tag«, erwiderte ich. Der Kellner weckte unwillkürlich Sympathie, und man wollte nur zu gern gleich etwas bei ihm bestellen.
»Sei gegrüßt, Roman.« Der Alte nahm den Hut ab und platzierte ihn penibel auf einem freien Stuhl. Den Stock lehnte er, warum auch immer, gegen den Tisch, obwohl es nur natürlich gewesen wäre, ihn über die Rückenlehne eines Stuhls zu hängen. »Wir hätten gern je einen Krug Bier. Schwarzes Moskauer. Nein, bring dem jungen Mann hier besser ein Jauser Gold, ihm macht die Hitze zu schaffen. Und zum Bier einen kleinen Happen. Hat deine Mutter Piroggen gebacken?«
»Sie schiebt sie gerade in den Ofen.« Der Neger Roman erstrahlte förmlich in seinem Lächeln.
»Richte deiner Mutter einen Gruß von mir aus und bring uns dann später Piroggen«, entschied der Alte. Sobald der Kellner gegangen war, drehte sich mein neuer Bekannter mir zu und brachte verschwörerisch hervor: »Es ist kaum zu glauben, aber die besten Kohlpiroggen in ganz Moskau bäckt seine Mutter. Die ihren ersten Kohl in der Sowjetunion gesehen hat.«
Also existierte die Union auch hier ...
»Bemerkenswert«, erwiderte ich, wobei ich keineswegs die kulinarischen Talente der schwarzhäutigen Einwanderin im Blick hatte.
»Machen wir uns doch erst einmal bekannt«, schlug der Alte vor. »Kirill Alexandrowitsch.«
»Kirill. Kirill Danilowitsch.«
»Ein Namensvetter! Sehr angenehm.«
Die Sommertheke mit den Zapfhähnen fürs Bier und großen bunten Glaskegeln - das war doch wohl nicht Sirup für Brause? - stand vor dem Eingang zum Restaurant. Im Handumdrehen kam der Kellner mit zwei Bierkrügen zurück.