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»Ich weiß sowohl über die Sowjetunion als auch über Andropow Bescheid. Wer korrupt war, wurde festgenommen, aber das ist ja wohl nicht verkehrt«, erklärte ich. »Oder willst du mir etwa weismachen, Korruption sei eine tolle Sache? Und wenn bei uns jemand während der Arbeitszeit ins Kino ginge ... aber was heißt da Kino ... es bräuchte sich bloß jemand den Hintern zu kratzen ... und schon würde Andrej Isaakowitsch ihn achtkantig rauswerfen!«

Kotja verschluckte sich und sah mich einen ausgedehnten Moment lang nachdenklich an. »In gewisser Weise, natürlich ...«, meinte er dann. »Aber das hat nichts mit unserer Sache zu tun. Kurz und gut, ich war überzeugt, ich sei ein Opfer des KGB geworden. Dass die mich in den Wahnsinn treiben wollten oder sich einfach einen Scherz mit mir erlaubten ...«

Ich wollte schon fragen, was das KGB veranlassen sollte, sich mit einem Studenten einen Scherz zu erlauben. Da ich jedoch befürchtete, Kotja würde daraufhin wieder in seine trübseligen und für mich völlig irrelevanten Erinnerungen eintauchen, schwieg ich lieber.

»Ich ging gerade an einer Telefonzelle vorbei«, fuhr Kotja fort, »als es plötzlich klingelte. Das war so ein altes Ding aus Eisen ... in das du ein Zweikopekenstück reinwerfen musstest ... Ich habe immer gedacht, man könne damit nicht angerufen werden, weil sie keine Nummer haben. Alle wussten natürlich, dass es im Westen Telefonzellen gab, in denen du angerufen werden kannst, in Filmen hast du so was ja oft genug gesehen, aber bei uns gab’s das eben nicht. Aber dieser Apparat klingelte ... ich ging hin und nahm ab.«

Er verstummte.

»Sie haben dir eine Adresse genannt, zu der du kommen solltest?«

»Ja. Ich fand ein merkwürdiges Haus vor, ein kleines einstöckiges Häuschen aus rotem Ziegelstein und mit einem Eisendach. Es wurde von zwei elfstöckigen Plattenbauten eingekeilt. Das musst du dir mal vorstellen! So wurde damals bei uns nicht gebaut! Ein altes Haus wie dieses hätten sie einfach abgerissen ...«

»Daran hat sich nichts geändert«, warf ich ein. »Bauland ist teuer.«

»Im Parterre des Hauses war eine Instrumentenhandlung untergebracht«, berichtete Kotja weiter. »Ich ging rein, schaute mich um ... und suchte mir ein Saxophon aus. Ich weiß selbst nicht, was mich da geritten hat. Ich wusste einfach, dass das mein Instrument ist ...« Kotja kicherte. »Dann ging ich rauf in den ersten Stock, wo ein seltsames Chaos herrschte. Die Fenster waren eingeschlagen, der Putz auf den Boden gebröckelt, ein durchgesessenes, fadenscheiniges Sofa stand da rum ... Auf das Ding setzte ich mich und fing an zu spielen. Ich hatte nie ein musikalisches Gehör gehabt. Als Kind hat meine Mutter mich zu einigen bekannten Musikern geschleppt, die haben ihr gleich erklärt, dass sie weder den Jungen noch das Klavier quälen wollten. Und hier setzte ich mich hin und spielte los. Hungrig, völlig ahnungslos, was mit mir geschah, saß ich da und spielte. Drei Stunden später besuchte mich ein Mann, meine Hebamme ...«

Von jetzt an unterbrach ich ihn nicht mehr. Ich hörte, wie Kotja seine ersten Auftritte absolvierte, manchmal in ganz normalen Einrichtungen der Menschen, meist jedoch in den von Funktionalen betriebenen Restaurants und Clubs. Er spielte für Funktionale und für die Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nahmen. So verging ein halbes Jahr.

Dann lernte Kotja einen Kurator kennen.

»Er hieß Friedrich. Ich glaube, er war Österreicher. Eigentlich ein sehr angenehmer Mensch ...« Kotja verstummte. »Wir wurden zwar keine Freunde, aber es ist immer angenehm, wenn dich jemand schätzt ... selbst für ein Talent, das dir in den Schoß gefallen ist ... Normalerweise brachte er seine Freundin mit, sie hieß Lora. Eine ganz normale Frau, kein Funktional ... sehr schön. Sehr, sehr schön.«

Abermals verfiel er ins Schweigen.

»Du hast ihn umgebracht«, sagte ich.

»Ja.«

»Wegen der Frau?«

»Ja.«

»Warum?«

»Weil er als Erster getötet hat. Lora. Als er dahinter gekommen ist, dass sie ihn betrügt ... mit mir.« Kotja grinste. »Später habe ich erfahren, dass ich nicht ihr erster Liebhaber war. Letztendlich bedeutete ich ihr auch gar nichts. Friedrich hatte allem Anschein nach einfach die Nase von den ewigen Seitensprüngen und ihren hysterischen Anfällen voll. Er hat die Frau ermordet ... Eine Szene, wie aus einem alten Film. Er hat sie nämlich in einen Abgrund gestoßen. Vor meinen Augen. Anschließend hat er mich davor gewarnt, noch einmal auf solche Verlockungen reinzufallen ... Er sei, so erklärte er mir, ein anständiger Mann, der es nicht schätze, wenn ihm Hörner aufgesetzt werden ... Insgesamt nahm er die Situation auf die leichte Schulter. Aber ich nicht. In mir explodierte etwas. Genau wie bei dir, als die Nastja ermordet haben. Ich habe mich auf Friedrich gestürzt, obwohl ich wusste, dass ich nichts gegen ihn ausrichten konnte ... Aber dann ist irgendwas passiert. Ich konnte ihn völlig problemlos ersticken. Ich habe ihn einfach auf den Boden gepresst und erstickt. Er wollte ewig nicht sterben, hat versucht, sich meinem Griff zu entwinden ...« Kotja schwieg kurz. Dann setzte er wieder an: »So bin ich Kurator geworden. Jemand hat sich ... mit mir in Verbindung gesetzt. Jemand aus Arkan. Man hat mir erklärt, da ich nun schon mal den bisherigen Kurator getötet habe, müsste ich seine Aufgaben von jetzt an übernehmen. Ich willigte ein. Ehrlich gesagt, hatte ich panische Angst.«

»Und muss ein Kurator oft ...?« Ich ließ die Frage unvollendet.

»Danach habe ich nie wieder jemanden umgebracht.« Kotja schüttelte den Kopf. »Nein. Niemals. Das ... das erledigen die Hebammen oder Polizisten. Ein Kurator ... der braucht sich die Hände da nicht schmutzig zu machen. Dafür bekleidet er ein zu hohes Amt. Als das mit dir passiert ist ... als diese durchgeknallte Iwanowa Nastja umgebracht hat und du mit ihr abgerechnet hast ... bin ich in Panik geraten. Ich habe befürchtet, es würde sich alles wiederholen. Dass du an meiner Stelle Kurator wirst. Deshalb habe ich versucht ... Entschuldige. Ich werde das nie wieder tun.«

Eine Zeit lang saßen wir schweigend da, zwei nackte Idioten in Kübeln, in denen das Wasser bereits kalt wurde.

»Gut«, sagte ich schließlich, »aber verrat mir eins, Kotja ... Werde ich wirklich zum Kurator?«

»Ich weiß es nicht.« Kotja schwieg. »Auf alle Fälle hast du dir bestimmte Fähigkeiten angeeignet - wenn du selbst mit einer Hebamme fertiggeworden bist. Und ich ... ich verliere meine Fähigkeiten nach und nach.«

Aus seiner Stimme hörte ich leichte Panik heraus.

»Ich schenke dir ein Saxophon«, versprach ich. »Du wirst in Restaurants spielen. Nachts schreibst du dann an deinem Skandalroman Die Gesangslehrerin. Du hast genau das richtige Alter dafür, um dich deinen erotischen Phantasien hinzugeben.«

»Ich werde mich ihm hingeben«, meinte jemand leise von der Tür her. »Und wie ich mich ihm hingeben werde ... Hallo, Kirill.«

Ich drehte mich zur Tür um und starrte entgeistert auf Illan.

Nein, natürlich hatte ich nicht vergessen, dass die beiden zusammen gewesen waren. Und logischerweise hätte ich annehmen müssen, dass sie auch zusammen geblieben sind.

»Verzeiht, dass ich mich erst jetzt bemerkbar mache.« Lächelnd legte Illan einen Stapel grauer Handtücher auf eine Bank neben der Tür. »Aber ich wollte lieber draußen bleiben und euerm ausgesprochen interessanten Gespräch zuhören.«

»Wir kommen gleich«, versicherte Kotja etwas betreten. Anscheinend hatte sein Status als Kurator, über den Illan inzwischen informiert war, nicht das Geringste an ihrer Beziehung geändert.