Выбрать главу

»Beeilt euch, Jungs. Ich hätte da auch noch ein paar Fragen.« Illan sah mich an. In ihren Augen schimmerte Schmerz auf. »Mein Beileid, Kirill.«

Ich deutete ein Nicken an und erwiderte: »Und mein ... Beileid.«

Sieben

Es gibt Kleidungsstücke, die scheinen von vornherein als weltweiter Standard geplant zu sein. Die Jeans zum Beispiel. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einer in der vierten und damit inoffiziellen Schicht in Vietnam hergestellten Wrangler und einem mit Strass von Swarovski verzierten Exemplar einer Dolce & Gabbana (die vermutlich ebenfalls in Vietnam angefertigt wurde, oder im benachbarten Thailand). Aber wenn man diese Extreme außer Acht lässt, dann tragen Männer wie Frauen Jeans, Millionäre und Bettler, Mannequins und Besitzer von Bierbäuchen. Mein Vater hat einmal mit finsterer Miene angemerkt, die Sowjetunion sei an den Jeans zerbrochen - genauer gesagt, an ihrem Fehlen. Hmm, vielleicht hatte er sogar recht, ich zum Beispiel kann mir ein Leben ohne Jeans nicht vorstellen! Meiner Ansicht nach sind die Jeans sogar die Errungenschaft, mit der Amerika vorm Jüngsten Gericht Coca-Cola und Hamburger rechtfertigen kann.

Und es gibt nationale Kleidungsstücke, für Touristen. Das sind die in der Ukraine beliebte Fofudja und der schottische Kilt. Die Schotten tragen bei feierlichen Empfängen stur diese Röcke, die jungen ukrainischen Heimatkundler schüren im Land das Interesse an der Fofudja, aber das alles ist nicht mehr als ein Tribut an die Tradition.

Dann gibt es noch Kleidungsstücke, die zwar nicht übermäßig exotisch wirken, sich im Ausland aber dennoch nicht durchsetzen. Beispielsweise der Hausmantel für Männer. Unverzichtbares Attribut trägen Wohlbefindens im Orient. Bester Freund des nach Hause zurückgekehrten englischen Gentleman. In Russland dagegen, das ständig zwischen Europa und Asien hin- und herschwankt, ist er nie heimisch geworden. Wir sind zu wuselig, um sommers einen Hausmantel zu tragen, abgesehen davon, dass er kurz ist, der russische Sommer, kurz und regnerisch. Und winters sind unsere Wohnungen entweder derart überheizt, dass kein Hausmantel nötig ist, oder eiskalt - und dann hilft selbst ein Hausmantel nicht. So sind an die Stelle des Hausmantels schlabbrige Trainingsanzüge getreten oder - wenn man »unter sich« ist - bequeme Unterhosen.

Kurz und gut, ich verstand mich nicht darauf, einen Hausmantel zu tragen, und fühlte mich unwohl darin. Wie ein Mensch, der zum ersten Mal in seinem Leben in einen Anzug schlüpft, sich eine Krawatte umbindet und zu einem wichtigen offiziellen Empfang aufbricht. Wenn jede Gewissheit dahin ist: Wie sollst du in so einem Aufzug sitzen oder aufstehen, wie auf die Schlinge reagieren, die da um deinen Hals baumelt. Genauso fühlte ich mich in dem dicken, weichen Hausmanteclass="underline" wie der letzte Idiot.

Schlug ich ein Bein übers andere, brachte ich mich nicht gerade vorteilhaft in Position, reckte ich mich, demonstrierte ich meine haarlose und nicht sonderlich muskulöse Brust.

Dabei war die Situation für einen Hausmantel wie geschaffen. Wir saßen in einem Zimmer, dessen Wände bis zur Hälfte mit dunklem Holz getäfelt waren, die hohe Decke war ebenfalls aus Holz, die Sessel und Sofas aus Leder, der große Kamin mit dem in ihm lodernden Scheiten mit bemalten Keramikkacheln verkleidet, die von der Zeit und dem Feuer nachgedunkelt waren. Einige Schränke mit soliden dicken Büchern, vor hundert Jahren herausgegeben und damals auch zum letzten Mal gelesen, und ein massiver Lüster unter der Decke, dessen kerzenartige Birnen ein mattes Licht spendeten, katapultierten uns endgültig aus dem buddhistischen Kloster in einen alten englischen Club.

»Wer hätte je gedacht, dass dir so was gefällt«, murmelte ich, als ich versuchte, es mir in dem Sessel etwas bequemer zu machen. »Ganz klassisch ... Hast du in Oxford studiert?«

»Das stammt von einem der früheren Kuratoren«, klärte Kotja mich auf. »Ich habe mir die Bücher mal genauer angeschaut, sie sind alle erst nach 1805 erschienen ...«

Er schnappte sich seine Zigaretten vom Zeitungstisch und steckte sich gierig eine an. »Meiner Meinung nach sind sie genau in diesem Jahr zu uns gekommen«, sagte er.

»Die Arkaner?«

»Mhm. Ich habe irgendwo gehört, der erste Kurator sei ein Engländer gewesen. Ich glaube, er hat sich hier eine Kopie seines englischen Landhauses geschaffen ... natürlich wurde später alles ein wenig umgebaut. Um ehrlich zu sein, den Strom habe ich erst gelegt.« Er machte eine kurze Pause, bevor er stolz hinzufügte. »Allein. Dabei hätte ich durchaus ein Elektrikerfunktional hierherbringen können. Aber ich wollte damit selbst fertig werden.«

»Und wie bitte schön hättest du ihn hierhergebracht? Was hättest du mit seiner Leine gemacht?« Ich erkundigte mich nicht weiter danach, was eigentlich als Generator fungierte, obwohl mir kurz ein bizarres Bild durch den Kopf schoss. Unablässig kreisende Gebetsmühlen, die auf die Antriebsscheibe eines Dynamos gepfropft waren.

»Ein Kurator kann das«, mischte sich Illan ein, die sich ebenfalls eine Zigarette angezündet hatte. »Er hat die entsprechende Fähigkeit. Hebammen und Kuratoren sind nicht an die Leine gebunden.«

»Und Postboten und Taxifahrer sind an eine bewegliche Funktion gebunden«, ergänzte Kotja. »An ihr Auto oder ihre Kutsche ...«

Vermutlich nahm er an, ich würde mich darüber wundern. Stattdessen schüttelte ich jedoch bloß den Kopf. »Kotja, die Leine ist doch überhaupt nicht notwendig. Das ist lediglich ein Symbol. Wie das Halsband bei den Sklaven in der Antike. Es kann aus Gold sein oder mit Edelsteinen besetzt ... aber es ist und bleibt ein Halsband ... Illan!« Ich sah die Frau unverwandt an. »Wann hat er es dir gesagt?«

»Dass er ein Kurator ist? Nachdem er versucht hat, dich umzubringen.«

Kotja zog nervös an seiner Zigarette. »Pass auf, ich erzähl dir die Geschichte«, schlug er vor. »Detailliert und Punkt für Punkt. Zunächst: Was macht ein Kurator?«

»Eine ausgesprochen interessante Frage!«, höhnte ich.

»Praktisch nichts!« Kotja ließ sich nicht beirren. »Ich habe meine Ansichten darüber dargelegt, wie sich unsere Welt entwickeln soll. Ich weiß nicht einmal, ob das berücksichtigt wurde ... aber ich habe mir alle Mühe gegeben. Ich habe versucht, mir eine möglichst gute Zukunft für uns einfallen zu lassen ... Ehrenwort.«

»Toll hast du das gemacht«, sagte ich gallig. »Man braucht sich bloß mal die Nachrichten anzugucken, um sich davon zu überzeugen.«

Kotja runzelte die Stirn und fuhr fort: »Außerdem teilen die Hebammen mir mit, wen sie wann zum Funktional machen ...«

»Auch, zu was für einem?«

»Nein, das wissen sie nämlich selbst nicht. Es kommt, wie es kommt. Ich erhalte dann die Berichte, wie, wer und wann. Das betrifft fünf, sechs Menschen pro Tag. Für unsere ganze Erde, nebenbei bemerkt. Die meisten Funktionale gibt es natürlich in den USA, Europa, China, Russland und Japan. Mit anderen Worten, in den Industrieländern. In Afrika und Lateinamerika sind es nur ein Zehntel so viele ... Dann teilen sie mir noch mit, wann jemand gestorben ist oder die Verbindung zu seiner Funktion zerrissen hat. Das passiert ein, zwei Mal pro Woche. Ich habe es interessehalber mal ausgerechnet: Es gibt mindestens eine Drittelmillion Funktionale auf der Erde. Vorausgesetzt, der Prozess ist immer mit der gleichen Geschwindigkeit abgelaufen und hat tatsächlich vor zweihundert Jahren eingesetzt ... Ab und an bekomme ich einen Brief oder ein Telegramm aus Arkan. Ein, zwei Mal im Monat ... Normalerweise wird mir darin der Name des Menschen mitgeteilt, der in ein Funktional zu verwandeln ist. Den Namen leite ich an eine der Hebammen weiter ...«

»Wie viele Hebammen gibt es insgesamt?«

»Sechs. Wenn Nataljas Stelle noch nicht neu besetzt ist, sind es zur Zeit fünf. Als Ersatz könnten sie jemanden aus Arkan oder aus einer anderen Welt geschickt haben. Oder ein neues Funktional ist Hebamme geworden.«