Was mich indes frappierte, war, dass nicht kräftige Schweizer diese Uniformen trugen, die der Bewachung des Papsts - oder zumindest des Konklaves - den Vorzug vor der Anfertigung von Uhren, Schokolade und Taschenmessern gaben.
Nein, in den Hof liefen schwungvollen Schrittes junge Frauen, angetan mit besagter gestreifter Kleidung, bunten Baretten auf dem Kopf und leichten Piken in den Händen. Um die Füße jeder Frau wuselte ein kleiner Hund mit langem, seidigem Fell und einer Schleife im Haar!
»Sind das Yorkshireterrier?«, fragte ich perplex.
Die glamouröse Wache machte halt, indem sie einen perfekt abgezirkelten Halbkreis um uns bildete.
»Ja«, antwortete Andrej in angespanntem Ton. »Yorkshireterrier, die treuen Hunde der Kardinäle, Kampfhunde ...«
Ich brach in schallendes Gelächter aus. Mir einen Yorkshire als Wachhund vorzustellen war einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Die Lieblinge der Boheme, diese Handtaschenhündchen der feinen Damen von der Rubljowka und betont maskuliner Schauspieler à la Belmondo, sollten Kampfhunde sein?
Die Frauen sahen uns mit versteinerten Mienen an. Die Hunde wedelten mit dem kurzen Schwänzchen.
»Ich muss mit einem Parlamentär sprechen!«, erklärte der aus der Tür heraustretende Andrej.
Die Frauen hüllten sich in Schweigen. Andrej hatte offensichtlich keine von ihnen angesprochen, sondern sich an jemanden gewandt, der hinter der Mauer stand. Eine halbe Minute verging. Ich wechselte von einem Fuß auf den anderen, blieb aber sicherheitshalber im Haus. Der Uhrmacher und Zöllner in einer Person brachte mit seinem ganzen Gebaren zum Ausdruck, dass er bereit sei, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zu warten.
Schließlich kam noch eine weitere Person durch die Tür. Diesmal ein Mann, der alles andere als ein Clownskostüm trug. Ein wenig älter als ich, akkurat, nicht in Uniform, sondern mit dunklen Hosen, hellem Hemd und grauem Wollpullover. Man konnte ihn sich in den Straßen Moskaus, Kimgims oder Oryssultans vorstellen, er würde nirgendwo auffallen.
»Andrej ...« Der Mann kam mit einem freundlichen Lächeln auf den Zöllner zu.
Offenbar entspannte sich Andrej daraufhin. Er ging dem anderen entgegen, sie reichten sich die Hände und umarmten sich.
»Es freut mich, dich zu sehen, mein armer, irregeleiteter Freund.« Der Mann lachte, als wollte er Andrej suggerieren, seine Worte nicht allzu ernst zu nehmen. »Ist etwas passiert?«
»Auch ich freue mich, dich zu sehen, Marco. Jemand hat mich gebeten, ein Treffen mit dir zu arrangieren.«
»Und wer hat dich darum gebeten?«
»Ein Bekannter aus Demos. Ein Mann, der in dieser Welt allem Anschein nach sehr geschätzt wird.«
Marco musterte mich und lächelte wohlwollend. »Und Sie sind dieser geschätzte Mann aus Demos?«
»Nein, ich bin nur ein Abgesandter«, beeilte ich mich klarzustellen. »Man hat mich gebeten, die Gespräche zu führen.«
»Gespräche sind eine gute Sache«, hielt Marco ernst fest. »Das Wort ist in der Lage, Feindschaft zu überwinden, Freundschaft zu festigen und Liebe zu wecken. Das Wort ist uns gegeben, damit wir einander verstehen, selbst wenn sich dergleichen höchst schwierig gestaltet ... Wie heißen Sie, junger Mann?«
Ich verzog das Gesicht. »Junger Mann« hatte mich schon lange niemand mehr genannt.
»Kirill.«
»Sehr schön. Sie sind Christ?«
»Ja.«
»Noch besser. Und ... Und Sie sind ein ehemaliges Funktional?« Marco lächelte.
Woher wusste er das?
»Ja.«
»Das ist sehr, sehr interessant ... Andrej, im Name des Konklaves garantiere ich für die Sicherheit des Abgesandten Kirill und für einen herzlichen Empfang in unserer Welt. Sobald er den Wunsch äußert, unsere Welt wieder zu verlassen, werden wir ihn zu deiner Tür bringen.«
»Vielen Dank, Marco«, sagte Andrej, offen erleichtert. »Geh nur, Kirill. Viel Erfolg bei deinem Unternehmen, natürlich sofern es rechtens und gottgefällig ist.«
Rasch verschwand er hinter mir, was, wenn ich ehrlich sein soll, meinen Glauben an die garantierte Sicherheit auf Feste nicht eben bestärkte.
»Wie kann ich mich denn mit ihnen verständigen?«, fragte ich ihn, ohne mich umzudrehen.
»Du verstehst sie doch auch jetzt, oder?«
»Jetzt schon. Aber was ist, wenn ich die Zollstelle verlasse? Sprechen die italienisch?«
»Darüber habe ich noch nie nachgedacht.« Andrej blickte finster drein. »Du gibst seltsame Sachen von dir, Stiefkind der Umsicht! Sobald du durch eine Zollstelle in eine neue Welt eintrittst, verstehst du ihre Sprache. Das wissen doch alle.«
»Ach ja.« Mit einem Mal war mir klar, was Zebrikow meinte, als er gesagt hatte, ich würde eine Zollstelle passieren. Vermutlich war also auch in Oryssultan kein Russisch in Gebrauch ... »Vielen Dank. All das verwirrt mich einfach ein wenig ...«
»Geh nur, Vater der Kühnheit!« Andrej schubste mich zur Tür. »Trödel hier nicht rum, es gehört sich nicht, die Leute warten zu lassen.«
Sobald ich die Zollstelle verlassen hatte, fiel die Tür hinter mir zu. Scheppernd wurde der Riegel vorgelegt.
Die Frauen in ihren gestreiften Uniformen bedachten mich mit strengen Blicken. Die Hunde wackelten lustig mit ihren Schwänzen. Marco lächelte.
»Guten Tag«, brachte ich hervor. »Sagen Sie, sind das Yorkshireterrier?«
»Zum Teil«, meinte Marco. »Sie halten sie wohl nicht gerade für die geeigneten Wachhunde?«
»Also ... wenn es nur um Mäuse geht ...«
»Korporal«, wandte sich Marco an eine der Frauen, »zeigen Sie unserem Gast, wozu unsere possierlichen Plüschbälle fähig sind.«
Die Frau nickte. Sie reichte ihre - wenn man einmal von der scharfen, blattförmigen Spitze absah - lächerliche Pike einer Freundin. Dann kam sie auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen. »Geben Sie mir bitte Ihre Jacke.«
Ihre Stimme war zart und sanft. Mit einer solchen Stimme gesteht man seine Liebe.
Achselzuckend zog ich meine Jacke aus. Hier war es ja warm.
»Liegt Ihnen viel an ihr?«, wollte die Frau wissen.
»Nein, nicht sehr viel.«
»Gut.«
Die Frau schüttelte die Jacke in ihrer Hand. Der Hund zu ihren Füßen folgte aufmerksam jeder Bewegung. Dann gab sie einen Befehclass="underline" »Töte!«
Sie warf die Jacke in die Luft.
Der Hund schien, alle viere von sich gestreckt, förmlich mit dem Pflaster zu verschmelzen - bevor er sich in die Luft katapultierte. Vielleicht wäre ein Kater zu einem solchen Sprung in der Lage - wenn es ein sehr kräftiger, ausgewachsener Hofkater wäre. Aber vermutlich würde selbst der das nicht schaffen. Der Hund schnappte sich in einer Höhe von anderthalb, vielleicht sogar zwei Metern die Jacke. Er landete zusammen mit ihr auf dem Kopfsteinpflaster, ein mit den Zähnen ratterndes, knurrendes Knäuel. Stofffetzen flogen in alle Richtungen auf. So etwas hatte ich schon einmal gesehen, als der Hausmeister im Hof mit dem alten, klapprigen Rasenmäher über Altkleider fuhr. Nach zehn Sekunden ließ der Hund abrupt von der Jacke ab.
Diesen zerfetzten Lappen Jacke zu nennen wäre selbst dem heruntergekommensten Penner nicht in den Sinn gekommen.
»Himmel hilf«, brachte ich heraus.
Der Hund kläffte fröhlich und rannte zu seinem Frauchen. Die streichelte ihn (den Blick fest auf mich gerichtet) und holte ein Stück Würfelzucker aus der Tasche ihrer Clownsuniform, das sie dem Hund gab.
»Wenn man ihn nicht von einem Feind loseist, beißt er die Wirbelsäule innerhalb von zehn, fünfzehn Sekunden durch«, setzte mir Marco auseinander. »Sollte der Hals geschützt sein, nimmt er sich das Gesicht vor.«