»Das ist mir nicht entgangen«, konnte ich mir eine ironische Bemerkung nicht verkneifen.
»Der Glaube an Gott enthält jedoch unweigerlich eine bestimmte Komponente, nämlich den Glauben an den Teufel. Richtig, Marco hat mich über euer Gespräch unterrichtet ... Wir waren stets auf dergleichen vorbereitet. Auf die Versuchung. Darauf, dass jemand zu uns kommt und uns goldene Berge verspricht, uns im Gegenzug jedoch um eine mit Blut vollzogene Unterschrift auf einem Blatt Papier bittet ... Nur so haben wir auch von den Funktionalen erfahren. Diejenigen, die sie angesprochen haben, haben uns bisweilen davon berichtet. Und diejenigen, denen diese Angesprochenen ihre Geschichten erzählten, haben ihnen geglaubt. Daraufhin haben wir angefangen, nach einem Ausweg zu suchen. Eure Welt liebt seelenlose Maschinen. Wir haben einen anderen Weg beschritten, indem wir das Leben um uns herum veränderten, die Pflanzen und Tiere ... nur uns Menschen haben wir nicht angetastet. Unsere Biowissenschaft hat damit das vollbracht, was all eure Technologie noch nicht zustande bringt, all eure Computer, Laser und Raumschiffe ...« Obwohl er diese Worte völlig klar aussprach, klangen sie mir fremd in den Ohren. »Wir haben etwas erschaffen, womit wir Fremde auszumachen vermögen ...«
Der Kardinal führte eine Hand ans Gesicht. Mit den Fingerspitzen berührte er sein Auge, als wolle er eine Kontaktlinse herausnehmen.
Daraufhin hielt er mir die offene Hand mit einem glitzernden Flatschen wabbelnden durchsichtigen Gelees hin.
»Was ist das denn?«, flüsterte ich.
»Im Volksmund heißt es Engelsauge«, klärte der Kardinal mich auf. »Offiziell wird es als spektralanalytische Linsenqualle bezeichnet. Es handelt sich dabei wirklich um eine Qualle ... beziehungsweise, um präzise zu sein, die Vorfahren dieser Linse waren Quallen. Winzige Klumpen durchsichtigen Fleischs aus den Wellen des Weltmeers. Anfangs versuchten wir, die Quallen als normale Brille einzusetzen. Ihr habt etwas Entsprechendes aus Plastik.«
»Kontaktlinsen«, bestätigte ich, ohne den Blick von der Qualle zu wenden. Anfassen wollte ich den Glibber nicht. Zum Glück bestand der Kardinal auch nicht darauf. Er setzte den Klumpen Protoplasma wieder in sein Auge und blinzelte.
»Als Brillenersatz taugen die Quallen nicht. Dazu sind sie zu zart und zu teuer. Sie überleben ein paar Monate, wenn sie regelmäßig in ein Aquarium mit nahrhaftem Plankton gesetzt werden, bleiben aber höchst anfällige Wesen ... Wie sich jedoch zeigte, ermöglichen sie es nach gewissen Veränderungen, das zu sehen, was zuvor verborgen war. Zum Beispiel Wärme.«
»Kaum zu glauben!«, staunte ich, während ich dem Kardinal fest in die Augen blickte. Jetzt verstand ich natürlich auch, wo dieser aufgeweckte, jugendliche Glanz herrührte ... »Lebende Infrarotbrillen ...«
»Man kann damit auch feinere Lichtwellen sehen. Ultraviolettes Licht, so nennt ihr es doch, oder?«
Ich nickte. Mich wunderte längst nichts mehr.
»Eine der Varianten des Engelsauges gestattet es, Funktionale von einfachen Menschen zu unterscheiden. Die Funktionale geben komplexe harmonische Strahlen ab. Diese gehen vom Kopf aus, präziser, von der Hypophyse. Mit normalen Methoden ist es nicht möglich, diese Strahlen aufzuzeichnen ... zumindest hoffen wir, dass es nicht möglich ist. Ehemalige Funktionale wie du zeigen ein verändertes Strahlenspektrum, bleiben jedoch Nicht-Menschen.«
»Das heißt, wir verwandeln uns zurück, aber nicht vollständig?«
»Nein. Ihr mutiert zu einer dritten Wesensform.«
»Und was ist das für eine Strahlung? Radioaktive? Elektromagnetische Wellen ...?«
»Nein«. Der Kardinal lächelte. »Nein. Aber das betrifft bereits Fragen, auf die ich nicht zu antworten gedenke. Selbst wenn ich dir vorbehaltlos glaube. Du kannst ein Freund sein, doch auch ein Freund ist zu Verrat fähig oder - unter Folter - zur Preisgabe von Informationen.«
»Ich bestehe ja gar nicht auf einer Antwort«, sagte ich beleidigt. »Es ... es hat mich halt interessiert. Was ist mit den Portalen? Und nicht nur mit den Portalen, sondern mit den Funktionen ganz allgemein?«
»Sie geben ebenfalls Strahlen ab«, meinte der Kardinal leichthin. Allzu leichthin, um es als zufällige Bemerkung erscheinen zu lassen.
»Leben die etwa auch?«, entfuhr es mir.
»Was dachst du denn, junger Mann? Wie hast du es dir erklärt, wenn über Nacht ein alter Steinturm Möbel wachsen lässt und die Wände färbt? Dass da Heinzelmännchen am Werk gewesen sind?«
Ich erschauderte. »Aber dann ist die Leine der Funktionale ...«, stotterte ich.
»Das ist die Nabelschnur«, bestätigte Rudolf. »Eine unsichtbare, energetische Nabelschnur. Wenn ein Funktional zu weit weggeht, reißt sie.«
»Aber für ein Kind bedeutet das die Geburt ...«
»Für ein Funktional ebenfalls. Die uneingeschränkte Freiheit.«
»Dafür gehen aber alle Fähigkeiten verloren!«
»Hat ein Baby denn viele Fähigkeiten?«, konterte der Kardinal.
»Kann ein ehemaliges Funktional zu etwas anderem heranwachsen?«
»Verzichten Sie besser auf Vergleiche!« Der Kardinal drohte mir mit dem Finger. »Bis zu einem gewissen Punkt sind sie hilfreich und dienen uns dazu, das, was um uns herum geschieht, zu verstehen. Irgendwann beginnen sie jedoch, uns zu verwirren. Weißt du, wie ich einem einfachen, unwissenden Menschen das Phänomen der Dreieinigkeit erkläre?«
Ich zuckte mit den Achseln.
»Ich sage ihm Folgendes: Wenn wir in den Himmel sehen, erblicken wir die Sonnenscheibe. Genauso sind wir in der Lage, Christus, seine menschliche Komponente, zu schauen und sogar zu verstehen. Wir haben den Eindruck, die Sonne sei nicht sonderlich groß und kreise um uns. Dabei ist die Sonne riesig, und es ist die Erde, die um sie kreist. Genauso verhält es sich mit uns Menschen gegenüber Christus ... Weiter. Die Sonne nehmen wir als Scheibe wahr, obschon es eine gewaltige Kugel ist. Genauso ist auch Gott für den menschlichen Blick nur als kleiner Teil fassbar, der uns blendet. Es steht uns nicht zu Gebote, ihn in seiner Gänze zu erfassen. Und ein Letztes. Selbst wenn wir die Augen schließen und die Sonne nicht mehr sehen, spüren wir doch ihre Strahlen, ihre Wärme. Mit unserer Haut. Genauso durchdringt auch der Heilige Geist das gesamte Universum.«
»Äh ... das hat Hand und Fuß«, wagte ich eine vorsichtige Äußerung. »Ich glaube, jetzt ist selbst mir die Sache etwas klarer geworden!«
»Vielen Dank.« Der Kardinal lachte. »Ein einfacher Mann ist einmal, als er meine Erklärung gehört hat - damals war ich noch schlichter Priester -, zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob er mich richtig verstanden habe, dass Gott nämlich groß und rund sei?«
»Klar. Die Funktionale, die sich von ihrer Leine losreißen, wachsen zu nichts anderem heran ...«
»Zumindest wissen wir nichts davon«, antwortete der Kardinal. »Allerdings bist du ein sehr interessanter Fall, das will ich nicht verhehlen. Deine Aura, wenn du dieses Wort gestattest, ist typisch für ein ehemaliges Funktional. Trotzdem hast du es geschafft, einen Kurator zu besiegen, nachdem du deine Funktion und deine Energie bereits verloren hattest. Vielleicht hast du noch über Reste deiner Kraft verfügt ...« Er breitete die Arme aus. »Ich weiß es nicht. Wir konnten das Wesen der Funktionale nicht vollends begreifen. Wir hatten Krieg ... Wir hatten uns so lange auf ihn vorbereitet, wie es uns möglich war, und das ist natürlich bekannt geworden ... Wie gesagt, es war Krieg. Ein grausamer und schrecklicher Krieg. Es loderten die Scheiterhaufen der Inquisition, auf denen die Funktionale verbrannt wurden, die sich weigerten, ihre Funktion aufzugeben. Es starben Priester, die wussten, gegen wen wir kämpften. Es starben einfache Menschen, die glaubten, die Apokalypse sei über uns hereingebrochen und die letzte Schlacht mit dem Teufel habe begonnen. Die Menschen brachten einander um, da sie verschreckt waren und die dämonische Kraft eines Funktionals nicht vom normalen Scharfsinn, den Fähigkeiten und den Talenten eines Menschen zu unterscheiden vermochten. Geniale Komponisten, geschickte Handwerker, famose Artisten und kundige Heiler kamen zu Tode, weil es uns an Zeit und Kräften mangelte, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wir mussten das Übel restlos ausmerzen.«