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Kurz und gut, Schlaf ist wirklich eine Wonne. Wenn man nur irgendwie auf Vorrat schlafen könnte. An langweiligen Abenden und leeren Tagen, in langen Winternächten - und diesen Schlaf in den Nächten der turbulenten Jugend, für wichtige, unter Termindruck zu erledigende Arbeiten oder interessante Gespräche zur Verfügung hätte ...

Ich langte nach der Kaffeekanne und goss die Reste des bereits erkalteten Kaffees samt Satz in die Tasse. Marco sah mich mitleidig an. »Vielleicht wollen Sie erst ein wenig schlafen, Kirill?«

»Gleich. Lassen Sie uns vorher nur noch einmal die Daten durchgehen. Sie schreiben das Jahr 2009 ... Dem kann ein Fehler in der Berechnung zugrunde liegen ... Wann wurde Rom gegründet?«

»Im 8. Jahrhundert vor Christus.«

»Das stimmt also.« Ich wusste nicht viele Geschichtsdaten auswendig, die meisten hatte ich nach meinem Schulabschluss sofort erfolgreich vergessen. Ein paar spukten mir aber noch im Kopf herum. »Was ist mit ... Julius Cäsar?«

»Ja?«, fragte Marco entgegenkommend zurück. »Was ist mit Cäsar?«

»Ist er so an die fünfzig Jahre vor unserer Zeitrech... vor Christi Geburt von Brutus umgebracht worden?«

»Nein.«Marco schüttelte den Kopf. »Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, starb Cäsar bei einem Liebesspiel an einem Herzinfarkt ... 24 vor Christus.«

»Dann ist das der Punkt, an dem sich die Geschichte unserer Welten getrennt hat!«, stieß ich triumphierend hervor.

»Das ist der übliche Irrtum eines Menschen, der versucht, die Unterschiede der einzelnen Welten im Multiversum zu begreifen.« Marco lächelte. »Nehmen wir doch mal ein Datum, das näher an unserer Zeit liegt.«

»Ja, Sie haben recht ...« Ich blickte auf den Band Montaigne. »Ihre Bibliothek ... wenn es solche uralten, weit zurückliegenden Unterschiede zwischen den Welten gäbe ... Dann hätten Sie keinen Montaigne, keinen Cervantes, keinen Hugo, keinen Dostojewski ...«

»Wer ist Cervantes?«

»Kennen Sie Don Quixote? Oder Sancho Pansa?«

»Sind das Spanier?«, wollte Marco wissen. »Sind das alles bekannte Schriftsteller aus eurer Welt?«

»So kommen wir doch nicht weiter!«, explodierte ich. »Wenn eine Welt sich verändert, dann muss sie sich grundsätzlich verändern. Die Veränderungen häufen sich an, irgendwann gibt es nichts Gemeinsames mehr! Welche Länder kennen Sie? Sind wir hier in Italien?«

»Wir sind im Vatikan«, meinte Marco lächelnd. »Und der Vatikan liegt in Italien, das ist richtig. Er teilt Italien in einen Nord- und einen Südteil.«

»Das macht die Sache auch nicht einfacher. Was ist mit den USA?«

»Den Unabhängigen Staaten von Amerika?«

»Den United States of America.«

»Die gibt’s.«

»Ist das ein entwickeltes Land?«

»Ein hochentwickeltes. Eines der am weitesten entwickelten Länder überhaupt. Kanada steht natürlich noch besser da.«

»Absurd!«, sagte ich mit Nachdruck. »Was ist mit Russland?«

»Welches denn? Nordostrussland? Das Südlich-Ukrainische Russland? Oder das Sibirisch-Fernöstliche Russland? Das ist eine Konföderation.«

Ich konnte mich nicht mehr beherrschen und langte nach der Cognacflasche. Es handelte sich um einen ausgezeichneten Cognac, hergestellt in der gleichnamigen französischen Provinz dieser Welt.

Und der Cognac schmeckte wie eh und je.

»Luther?«

»Ein bekannter Kirchenmann.«

»Lenin? Hitler? Stalin? Churchill?«

»Churchill«, zeigte sich Marco erleichtert. »Ein berühmter englischer Schriftsteller und Philosoph. Meiner Ansicht nach sterbenslangweilig, aber ...«

»Wie ist das zu erklären, Marco? Einer ist völlig ausgelöscht, einer hat ganz andere Bücher geschrieben, einer hat sich in seinem Leben mit völlig anderen Dingen beschäftigt. Nehmen wir einmal an, das sei das Werk der Funktionale. Nehmen wir weiter an, sie mischen sich nicht seit Hunderten, sondern seit Tausenden von Jahren ein. Aber solche Manipulationen müssten eine Welt vollständig verändern! Nicht nur partiell!«

»Ganz richtig! Nehmen wir nur einmal Veros, wo es kein Öl gibt. Dort hätten die Veränderungen folglich noch in prähistorischer Zeit vonstatten gehen müssen. Globale, geologische Veränderungen. Man trifft jedoch auf Veros bekannte Namen und Menschen, die sich mit den gleichen Dingen beschäftigt haben wie bei uns oder auf Demos.«

Marco schenkte sich jetzt ebenfalls Cognac ein. »Du versuchst, innerhalb von wenigen Stunden eine Antwort auf die Fragen zu finden, mit denen sich unsere Welt bereits seit hundert Jahren plagt«, meinte er mit mitleidsvollem Blick. »Laß sein, Kirill.«

»Aber es muss eine Antwort geben«, beharrte ich stur. »Vielleicht liegt sie ja sogar auf der Hand, nur dass euer Blick getrübt ist.«

»Getrübt?«

Ich erklärte ihm, was das bedeutete.

»Vielleicht«, stimmte mir Marco bereitwillig zu. »Wir sind anders als ihr. Ihr seid Techniker, wir Biologen.«

»Bei uns würde es ›Gentechniker‹ heißen ... Mir ist allerdings völlig schleierhaft, wie ihr euch mit Gentechnik beschäftigen könnt, wenn ihr kein Elektronenmikroskop oder den ganzen anderen Kram habt ...«

»Mit Gottes Hilfe«, meinte Marco lächelnd.

»Verstehe. Und vermutlich mit Hilfe irgendwelcher Quallen ... des Engelsauges ... Marco, der Kardinal hat gesagt, ihr würdet uns nicht helfen. Eure Soldaten würden unsere Welt nicht verteidigen.«

»Jeder verdient nur die Welt, die er selbst zu verteidigen vermag«, erklärte Marco unerschütterlich. »Wenn wir zu euch kämen - und sei es mit dem aufrichtigen Wunsch, euch zu helfen -, womit würde das enden? Eure Bräuche würden uns in Angst und Schrecken versetzen, genau wie umgekehrt. Bei euch lebt eine große Zahl von Atheisten, wären die bereit, unsere Hilfe zu akzeptieren? Und was mit den Moslems? Vor allem, da es um die Hilfe im Kampf gegen einen unbekannten Feind geht, der euch im Grunde gar nichts tut.«

»Und wenn es im Geheimen geschähe?«

»Das würde nicht klappen. Schließlich geht es hier nicht um ein Ritterduell auf einer abgelegenen Turnierbahn. Hier geht es um einen Krieg - in den Straßen eurer Städte und Dörfer. Häuser werden brennen, Frauen und Kinder werden sterben ... Seid ihr bereit, diesen Preis zu zahlen? Wir haben ihn bezahlt, aber wir haben auch selbst diese Entscheidung getroffen.«

»Wissen Sie, Marco, ich habe begonnen, Respekt für euch zu empfinden«, gab ich ehrlich zu. »Veros hat mir gefallen ... ich war nur in zwei Städten, aber die waren schön. Und eure Welt ... also, obwohl ich sie noch nicht gut kenne, mag ich sie auch. Sie haben recht, es ist besser, wenn Sie sich nicht einmischen.«

Marco breitete die Arme aus.

»Aber was sollen wir dann tun?«, murmelte ich. »Schließlich jagt man mich!«

»Wenn Sie wollen, bleiben Sie bei uns«, schlug Marco kurzerhand vor. »Asyl würden wir Ihnen selbstverständlich immer gewähren. Auch Ihrer Familie oder Ihren Freunden, wenn Sie es wünschen. Wir leben nicht mehr in den Zeiten, in denen selbst ehemalige Funktionale in geschlossene Siedlungen verbannt wurden. Kommen Sie hierher und freuen Sie sich des Lebens. Ein Mann von Ihrem Charakter - ich meine mit diesem technisch geschulten Verstand, Ihrer Energie und Ihrem Mut ... nein, nein, da brauchen Sie gar nicht zu lächeln, über all das verfügen Sie! - dürfte in unserer Welt meiner Ansicht nach bestens zurechtkommen.«

»Das klingt verlockend«, sagte ich. »Ehrlich.«

Das war tatsächlich fast ungelogen. Als ich mich fünf Minuten später in einem der mir zugeteilten Zimmer im Bett ausstreckte, ließ ich mir das Angebot ernsthaft durch den Kopf gehen.

Hier regierte die Kirche. Ja, und? Diese Kirche kannte ich, die Gebote ebenfalls. Niemand wurde gezwungen, es gab Gewissensfreiheit ... Aber keine Fernseher? Um so besser! Und Computer? Gut, die würden mir fehlen.