Aurian schreckte vor der Tatsache zurück, daß Anvars Ergebenheit auf Gefühlen beruhte, die viel tiefer gingen als gewöhnliche Freundschaft. Die Erinnerung an Forral war noch zu stark. Und doch hatte sie es vorgezogen, bei Anvar zu bleiben, statt dem Schatten ihres ermordeten Liebsten in den Tod zu folgen … Aurian schüttelte den Kopf, als wolle sie die heftigen Schuldgefühle, die mit diesen Gedanken einhergingen, von sich werfen, aber es lag große Zuneigung in ihrem Blick, als sie Anvar sanft die wirren Haarsträhnen aus dem Gesicht strich und die Decke wieder hochzog, die ihm von den Schultern gerutscht war. Aurians ungeborenes Kind bewegte sich ruhelos in ihrem Leib hin und her, verstört durch das Unbehagen seiner Mutter, und die Magusch ließ ihre Gedanken zu ihm wandern, um Forrals Sohn zu beruhigen.
»Schläfst du eigentlich niemals?« Shias Gedankenstimme war streng, aber Aurian hörte die verborgene Besorgnis darin. Die Katze sah sie ernst und ohne zu blinzeln aus ihren gelben Augen an. »Aurian, warum quälst du dich so? Dein Junges hat ein Anrecht auf dich, das stimmt; aber dieser andere, um den du dich sorgst, ist tot – er braucht deine Hilfe nicht mehr.« Als Aurian bei diesen offenen Worten zusammenzuckte, wurde Shias Ton weicher und enthielt nun das Echo von etwas, das die Magusch mittlerweile als ein Lächeln zu erkennen vermochte. »Was Anvar betrifft, brauchst du dich nun wirklich nicht zu sorgen. Er ist stark, und seine Stärke nimmt immer noch zu. Er wird warten.«
»Ich habe ihn nie darum gebeten, auf mich zu warten«, wandte Aurian ein.
In Shias Gedanken war ein Schulterzucken zu lesen. »Er wird warten – ob du ihn darum bittest oder nicht.«
Aurian schlief wieder ein und wurde eine Weile später von dem köstlichen Duft gebratenen Fleisches geweckt. Anvar war bereits auf und half Nereni dabei, die Vorbereitungen für ihr Festessen zu treffen. Die kleine Frau hatte den ganzen Nachmittag lang gearbeitet. Sie hatte Bohan und Eliizar in den Wald geschickt, um eine bestimmte Art von Knollen zu suchen, die sie in der Asche ihres Feuers backen wollte. Außerdem hatte sie um Beeren und andere eßbare Früchte des Waldes gebeten, die sie zu dem Wildbret, das sie vorbereitet hatte, servieren wollte. Yazour, der sah, was auf ihn zukam, hatte eich prompt erboten, fischen zu gehen. Kurz vor dem Abendessen kehrte er zurück, fröhlich pfeifend und mit leeren Händen, was ihm ein Stirnrunzeln von Nereni eintrug. »Was hätte ich denn machen sollen?« protestierte er mit unschuldiger Miene. »Sie haben einfach nicht angebissen.«
Aurian und Anvar grinsten sich an, denn sie hatten die kleine List des Kriegers durchschaut. Wie gut es doch tat, endlich wieder mit den anderen zusammen und in Sicherheit zu sein. Dann fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen: Etwas hatte sie die ganze Zeit über nicht losgelassen, und nun begriff sie, was die Erschöpfung und die Freude verdrängt hatte. »Wo, um alles in der Welt, ist Rabe?« fragte sie.
»Sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, durch den Wald zu streichen und zu jagen«, erwiderte Nereni. »Sie bringt immer Vögel und andere Tiere mit, aber ich mache mir große Sorgen. Was ist, wenn sie einem wilden Tier über den Weg läuft?«
»Du machst dir zu viele Gedanken«, sagte Eliizar zu seiner Frau. »Wenn ein Wolf oder ein Bär kommt, braucht sie doch nur wegzufliegen.«
»Das stimmt«, pflichtete Aurian ihm bei, aber dennoch wunderte sie sich über Rabes Alleingänge.
Rabe hockte unglücklich zwischen den dürren Ästen einer Tanne und sah zu, wie sich das Zwielicht durch das dunkle Gewirr der Bäume stahl. Im Norden erglühten die hohen Gipfel noch immer in dem feurigen Licht des Sonnenuntergangs, und das geflügelte Mädchen zog bei diesem Anblick die Augenbrauen zusammen. Da sie an die langen Tage ihres Zuhauses in den Bergen gewöhnt war, konnte sie sich nicht mit der Tatsache abfinden, daß das Licht in diesem verwünschten Tiefland so schnell dahinschwand.
Sie kämpfte Tränen der Verbitterung nieder. Das war nicht ihre Art zu jagen – sich durch die erdrückende Masse von Bäumen zu schleichen. Sie vermißte den weiten Kampfplatz des offenen Himmels; ihre Freude bei der Jagd waren Geschwindigkeit und Geschicklichkeit. In Aerillia, ihrem verlorenen Zuhause, hatte sie zum Spaß gejagt und ihr gefiedertes Opfer freigelassen, so daß es in Frieden weitersingen und jubilieren konnte. Sie hatte damals noch nicht gewußt, was es hieß, selbst gejagt zu werden – ein Leben als Verbannter ohne Zuflucht zu führen, von den Forderungen eines leeren Magens beherrscht zu werden. Jetzt waren diese Dinge ihr nur allzu vertraut!
Rabe verfluchte Schwarzkralle, der sie gezwungen hatte, voller Angst von ihrem rechtmäßigen Platz als Prinzessin des geflügelten Volkes zu fliehen. Er mußte aufgehalten werden – und bei Yinze, dem Himmelsgott, sie würde es tun! Wenn ihre Kameraden aus der Wüste sie auch im Stich gelassen hatten – jetzt endlich hatte sie jemanden gefunden, der das nicht tun würde. Bei dem Gedanken an Harihn mußte sie ein Zittern unterdrücken, das von ihrem Schuldbewußtsein herrührte. Die Himmelsleute vermählten sich für ein ganzes Leben, und ihr Volk wäre entsetzt über das, was sie und dieser Mensch gemacht hatten. Aber er war so gut zu ihr gewesen … Bei dem Gedanken an ihn wurde ihre grimmige Stimmung weicher. Sie würde es den anderen schon zeigen. Aurian, die ihrem Flehen um Hilfe nicht hatte zuhören wollen – und Anvar, von dem sie sich Besseres erhofft hatte …
Das war ein wunder Punkt für Rabe, aber sie zwang sich, an etwas anderes zu denken, während ihr knurrender Magen sie ermahnte, sich auf die Jagd zu konzentrieren. Geduldig, aufmerksam und mit einem großen Stein in der Hand spähte sie in die dicke Schicht von Bodennebel, die sich bei der Abenddämmerung im Wald bildete. Plötzlich wurde ein Rascheln im Gebüsch laut, und dann ertönte ein schriller Schrei. Rabe schleuderte ihren Stein. In einem Gewirr von Flügeln stürzte der Fasan aus seiner Deckung hervor, und mit der sauberen, flinken Anmut eines Falken stieß sie auf ihn herab. Noch im Flug packte sie das Tier und brach ihm in einem einzigen Gestöber von Federn mit einem gekonnten Ruck das Genick.
»Gut gefangen, mein Juwel!« Die Stimme kam leise, aber deutlich aus einer Lücke zwischen den Bäumen unter ihr.
Rabes Blut jubilierte in ihren Adern. Endlich war Harihn wiedergekommen! Glühend vor Aufregung machte sie in einem atemberaubenden Manöver kehrt, um durch den schmalen Schlitz zwischen dem Wirrwarr der Äste hindurchzuschießen. Es waren Tage vergangen, seit sie Harihn das letzte Mal gesehen hatte, und sie hatte sich ohne ihn so einsam gefühlt! Ihre Flügel wirbelten den Nebel zu hauchzarten Sommerfäden auf, und endlich stand Rabe, noch keuchend von den Anstrengungen der Jagd, vor ihrem Geliebten.
Harihn trat fluchend aus dem Gebüsch hervor und fuhr sich mit den Fingern durch sein zerzaustes Haar. Blätter und kleine Äste fielen daraus zu Boden. Diese Lichtung war so gut versteckt, daß nur das geflügelte Mädchen sie ohne große Mühe erreichen konnte. Die Abenddämmerung war früher gekommen, als er erwartet hatte, so daß er gezwungen gewesen war, sich stolpernd und taumelnd seinen Weg durch die Halbdunkelheit zu bahnen. Beim Schnitter, hoffentlich ist diese Sache auch wirklich die Mühe wert, dachte er.
»Harihn?« Er hörte ein Rascheln über seinem Kopf und das Knistern von Zweigen, und plötzlich landete Rabe vor seinen Füßen. Der Prinz der Khazalim zögerte, wie immer hin- und hergerissen zwischen dem Bewußtsein ihrer seltsam fremdartigen Schönheit und seinem Widerwillen bei dem Gedanken, sich mit einer Kreatur zu paaren, die nicht menschlich war. Dann war wieder die Stimme in seinen Gedanken, die ihn ungeduldig weiterdrängte. »Nun mach schon, du Narr – bevor sie Verdacht schöpft!«