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»Du mußt. Wenn wir den Stab verlieren, sind wir am Ende.«

Shia stieß ein zorniges Fauchen aus. Nur widerwillig kehrte sie dem Kampf den Rücken und sprang in die schattige Ecke neben dem Kaminsims, wo der Stab der Erde an der Wand lehnte. Die große Katze verkrampfte sich, bevor sie ihre Kiefer um das verhaßte magische Ding schloß. Dann wandte sie sich wieder an Aurian. »Ich habe ihn. Ich gehe!«

Obwohl der lange, unhandliche Stab, den sie zwischen den Zähnen hielt, sie sehr behinderte, war sie entschlossen, auf ihrem Weg zur Tür soviel Unheil anzurichten wie nur möglich.

Als Shia mit dem Stab zwischen den Kiefern in Aktion trat, reagierte Yazour instinktiv, um aus der allgemeinen Verwirrung seinen Vorteil zu ziehen. Sie waren hoffnungslos in der Minderzahl – es war vernünftig, wenn so viele wie möglich von ihnen versuchten, sich zu befreien und nach draußen zu entkommen. Mit wilden Schwerthieben schlug er sich hinter der großen Katze seinen Weg frei und kümmerte sich in seiner Verzweiflung nicht darum, daß diese Männer einst unter seinem Kommando gestanden hatten. In dem überfüllten Raum brach absolutes Chaos aus. Schwerter sausten durch die Luft, und – Männer stolperten übereinander, um den furchtbaren Zähnen und Klauen der großen Katze zu entgehen. Der Boden war glitschig geworden vom Blut der Toten und Gefallenen, aber Yazour, der um sein Leben kämpfte, schaffte es schließlich doch, zur Tür zu gelangen, und stürzte hinaus in die eiskalte Nacht.

Mit jedem keuchenden Atemzug schoß ihm die Kälte in die Lungen, und der Schnee unter seinen Füßen war dick und trügerisch. Yazour wußte, wenn er fiel, war er am Ende, aber er wagte es dennoch nicht, seinen Schritt zu verlangsamen. Hinter sich hörte er den Ruf eines Bogenschützen. Beim Schnitter, nein! Da er einen Atemzug auf einen Fluch verschwendet hatte, taumelte er kurz, bis das schiere Entsetzen seinen dahinschießenden Füßen neue Kraft verlieh. Wie ein gejagter Hase lief er im Zickzack zwischen den Bäumen hin und her, um den Bogenschützen zu verwirren, aber seine Füße rutschten bei jeder Seitwärtsbewegung auf dem glatten Boden aus. Tödliche Pfeilschafte übersäten den Schnee um ihn herum und die Haut zwischen seinen Schultern zog sich in furchtbarer Erwartung zusammen, denn er meinte jeden Augenblick, den Aufprall eines Pfeils zu spüren.

Als der Pfeil ihn schließlich traf, riß er ihn von den Füßen. Feuer in seiner linken Schulter entlockte seiner Kehle einen schrillen Schrei, und Yazour brach, sich immer wieder überschlagend, im Schnee zusammen.

Schiannath hatte den Kampfgeräuschen im Turm entsetzt gelauscht und wünschte von ganzem Herzen, er könnte den Fremden gegen die verfluchten Plünderer der Khazalim und der widerlichen Himmelsleute zu Hilfe kommen. Glücklicherweise hatte sein gesunder Menschenverstand die Oberhand behalten. Er hatte keine Ahnung, wer die Opfer waren – warum sollte er sein eigenes Leben aufs Spiel setzen? Auf der anderen Seite hatten sie jedoch, wenn sie Flüchtlinge waren, etwas mit ihm gemeinsam.

Dann durchbrach ein grauenerregender Mißklang von Fauchen und Brüllen, vermischt mit Angst- und Schmerzensschreien, die Nacht. Iscalda bäumte sich erschrocken auf und zerrte an ihren Zügeln, um von ihm wegzukommen. Da er damit beschäftigt war, die Stute zu beruhigen, bevor man sie noch entdeckte, bemerkte er nicht, wie Shia aus dem Turm hinausschoß und im Wald verschwand. Was er dagegen sah, als er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Kampf richtete, war ein Mann, der in taumelndem Zickzacklauf bergab und auf den Paß zuflüchtete. Ein Bogenschütze der Khazalim erschien im Eingang des Turms. Der Gesetzlose, der es nicht wagte, dem anderen eine Warnung zuzurufen und damit auf sich selbst aufmerksam zu machen, konnte nur zusehen, wie der Bolzen durch die Luft flog und den Mann an der linken Schulter traf.

Das Opfer taumelte und verlor durch den Aufprall des Pfeils das Gleichgewicht, so daß es mit dem Gesicht nach unten in den Schnee fiel. Schiannath hielt den Atem an und hoffte verzweifelt, daß der Mann wieder aufstehen würde. Der Bogenschütze zielte abermals, und sein zu Boden gefallenes Opfer war diesmal ein leichtes Ziel. Der Mann erhob sich taumelnd, der Bolzen flog – und beschrieb einen weiten Bogen um sein Ziel herum, als der lange, schlanke Pfeil, den Schiannath abgeschossen hatte, sich mit tödlicher Genauigkeit in die Augen des Bogenschützen bohrte und sein Gehirn zerschmetterte. Schiannath trat mit einem Fluch zurück, und seine Hand glitt von dem Schaft seines Bogens herunter. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Das war nicht sein Kampf. Aber erst als das Opfer so nah an ihm vorübertaumelte, daß er es beinahe hätte berühren können, begriff der Gesetzlose das ganze Ausmaß seines Irrtums. Der Flüchtling war ebenfalls ein Khazalim. Schiannath ließ die Hand sinken, die er bereits ausgestreckt hatte, um dem Mann zu helfen, und verschmolz wieder mit den Schatten, als er ihn vorbeigehen ließ. Sollten sich doch der Sturm und die Wölfe um den Kerl kümmern. Sollten die verfluchten Südländer ihren Flüchtling doch finden, und sollte dieser die Bastarde weit weg führen, weit weg von ihm und Iscalda.

Aurian hörte das Schlurfen von Füßen auf Steinstufen, und einer von Harihns Männern betrat die obere Kammer, um sich vor dem Prinzen zu verbeugen, der jetzt Miathans brennende Augen hatte. »Der Turm ist gesichert, Herr, und die Prinzessin ist in den Händen des geflügelten Priesters. Die anderen sind im Kerker, aber die Katze ist entkommen und der Verräter Yazour leider auch. Ich hätte schwören können, daß einer unserer Bogenschützen ihn verwundet hat, als er floh, aber wir haben ihn im Sturm verloren.«

»Egal. Er wird da draußen nicht lange überleben.« Der Prinz zuckte mit den Schultern und entließ den Mann mit einem kurzen Kopfnicken. Dann bahnte er sich vorsichtig den Weg über die Leichen der Gefallenen und durchquerte das Zimmer, um vor Anvar stehenzubleiben. Wieder einmal war sein Gesicht zu Miathans grausamen, erbarmungslosen Zügen verzerrt. »Und jetzt, Halbblut«, knurrte er, »habe ich endlich die Gelegenheit, dich von deiner erbärmlichen Existenz zu befreien. Aber wir haben keine Eile – ich möchte, daß Aurian jeden einzelnen, langen Augenblick deiner Qualen auskosten kann!«

Er zog Harihns Messer aus der Scheide und bückte sich, um es in das langsam ersterbende Feuer zu werfen, bis die Spitze rot aufglühte. Dann zog er die Klinge aus dem Feuer und zurück und hielt sie ganz nah an Anvars Gesicht. Anvar schrak zurück, bleich vor Entsetzen, unfähig seinen Blick von dem heißen Metall abzuwenden. Schweiß strömte ihm über das Gesicht und spiegelte das dunkelrote Glühen der Klinge wider, als wäre seine Haut bereits blutbeschmiert. Mit einer schnellen, fließenden Bewegung preßte Miathan das Messer gegen seine Wange, und Anvar stieß einen entsetzlichen Schrei aus, während er sich in dem eisernen Griff seiner Wachen krümmte.

»Miathan, hör auf!« schrie Aurian.

»Ah, du erkennst mich also.« Mit einem triumphierenden Lächeln zog der Erzmagusch das Messer zurück, und Anvar, der kraftlos in den Händen seiner Wächter hing, hob den Kopf, um Aurian anzusehen. Eine häßliche, rote Brandwunde prangte auf seiner Wange, und sein Gesicht war vor Schmerz verzerrt, als er durch zusammengebissene Zähne zu ihr sprach. »Sieh nicht hin«, stöhnte er. »Gib … gib ihnen diese Befriedigung nicht auch noch.«

»O ihr Götter«, flüsterte Aurian, und ihr Kummer war für sie wie ein körperlicher Schmerz, als teilte sie die Qualen von Anvars Verbrennungen. Der Erzmagusch legte das Messer wieder ins Feuer, wobei er sie mit einem berechnenden Gesichtsausdruck ansah und ihre Tränen verhöhnte. Dann ergriff er ein Büschel von Anvars Haar, zog ihm den Kopf in den Nacken und hielt das Messer um Haaresbreite von seinem zuckenden Gesicht entfernt.

»Jetzt kommt die erste von vielen Abrechnungen, Aurian. Erinnerst du dich noch daran, wie du mir vor langer Zeit die Augen ausgebrannt hast? Hast du deinen widerlichen, kleinen Triumph ausgekostet? Jetzt werde ich dir das heimzahlen – ein Auge für ein Auge. Aber nicht deine hübschen Augen, mein Liebling. Soll doch Anvar an deiner Stelle leiden.« Seine Hand schloß sich um den Messergriff und richtete sich auf Anvars ungeschütztes Gesicht.