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Schwarzkralle näherte sich mit einem Rascheln seiner Flügel; sein kahler Kopf glänzte im Fackellicht, und seine überschatteten Augen strahlten vor Befriedigung. »Es ist alles gutgegangen«, sagte er. »Die Prinzessin ist bereits nach Aerillia gebracht worden.« Er lächelte. »Als ich in jener ersten Nacht die Berührung deiner Gedanken spürte, hätte ich nicht gedacht, daß sich das Ganze zu einer so überaus erfreulichen Angelegenheit entwickeln würde – für uns beide.«

»Ja, tatsächlich«, erwiderte Miathan schroff und dachte, daß er, wenn er sich daranmachte, den Süden zu erobern, eine Möglichkeit würde finden müssen, diesen neuen Verbündeten auszuschalten. In einem Kampf um Macht konnte Schwarzkralle sich als gefährlicher Gegner entpuppen. In der Zwischenzeit jedoch … »Ich möchte dich um einen Gefallen bitten, Schwarzkralle«, sagte er. »Nimm bitte diesen elenden Tropf mit nach Aerillia und laß ihn gut bewachen.« Er zeigte auf Anvar. »Ich möchte ihn als Geisel halten.«

Schwarzkralle zuckte mit den Schultern. »Natürlich. Die Geflügelten werden für dich auf ihn aufpassen.«

»Hör mir zu, Hohenpriester.« Miathan hielt die Augen des anderen mit einem eisigen Blick gefangen. »Ich muß dir klarmachen, welches Risiko – und welche Verantwortung – mit der Bewachung dieses Abtrünnigen verbunden ist. Anvar ist ein Zauberer. Er könnte in der Lage sein, genauso leicht zu entfliehen wie …«

»Keine Sorge, mein Freund«, unterbrach ihn Schwarzkralle. »Ich habe die alten Urkunden über eure Zauberei studiert und werde entsprechende Vorsorge treffen. Es gibt eine Höhle in unserem Berg, die inmitten des Felsens liegt, mit einem viele hundert Meter tiefen Abgrund darunter. Glaub mir, nur Geflügelte können sie erreichen.« Er lachte grausam. »Solange seine Zauberkräfte sich nicht auf die Fähigkeit zu fliegen erstrecken, wird er dort sicher aufgehoben sein. Wir können ihm von oben etwas zu essen hinunterlassen, und keiner von meinen Leuten muß in seine Nähe kommen.«

Miathan lächelte und verriet damit seine ungeheure Erleichterung. »Ich habe gut gewählt, als ich dich zu meinem Verbündeten erkor«, sagte er. »Du wirst dich nach besten Kräften um meinen Gefangenen kümmern! Und vergiß nicht, ich brauche ihn lebend – noch.«

10

Aerillia

Man hatte Rabe wieder in ihr altes Turmzimmer im Königinnenturm gebracht, und sie fand sich umgeben von den blaßroten Marmorwänden wieder, die ihr gehört hatten, seit sie sich erinnern konnte. Das Zimmer hatte sich nicht verändert. Es war noch genauso, wie sie es hinterlassen hatte, als sie in jener stürmischen Nacht geflohen war – wie lange das jetzt her zu sein schien! Alle alten Möbel waren noch da: ihr rundes mit Pelzen behängtes Bett, in dem sie sich so manche Nacht unter dem Schutz ihrer an den Körper gelegten Schwingen zusammengerollt hatte; dieselben warmen Teppiche auf dem Boden und das Nachttischchen aus einem seltenen, kostbaren Holz mit einem Spiegel aus poliertem Silber. Und dort – eine massive und auch zarte Arbeit aus funkelndem, geschmiedetem Eisen – stand der hohe Hocker mit seinem weichen Sitzpolster, auf dem sie viele Stunden lang neben dem Fenster gesessen hatte, um die sich stetig verändernden Wolkenberge zu betrachten und das Sonnenlicht hinter den Hügeln.

Da hingen auch ihre ausgefransten, alten Wandbehänge, die sie zu sehr geliebt hatte, als daß sie sie hätte ersetzen wollen: Sie zeigten Geflügelte, die wie Adler über einem von schneehellen Gipfeln umsäumten Abgrund schwebten und über Täler, die einst grün gewesen waren. In den hinter den Wandbehängen verborgenen Nischen fand Rabe die Lieblingsspielzeuge ihrer Kindheit noch immer an Ort und Stelle; alt und verbeult jetzt, aber zu innig geliebt, um sie je wegzuwerfen. Die einzige Veränderung in dem Zimmer war das Eisengitter, das jetzt ihr Fenster versperrte.

Sie war noch immer wie betäubt von dem Schock über Harihns Betrug. Mit einem wachsenden Gefühl von Unwirklichkeit betrachtete Rabe ihr Zimmer. Ihre Flucht und all die darauf folgenden Abenteuer schienen ihr jetzt, in der alten, vertrauten Umgebung ihrer Kindheit, wie ein verblassender Traum. Oder war die kurze Zeit der Freiheit die einzige Wirklichkeit gewesen, und dies hier war der Traum?

Die Kammer mochte noch dieselbe sein, aber Rabe hatte sich so verändert, daß von dem jungen, unschuldigen Mädchen, das vor etwa drei Monaten aus diesem Fenster geklettert war, kaum noch etwas übriggeblieben war. In diesen drei Monaten war sie erwachsen geworden – erwachsen und, wie es schien, alt und verbittert und voller Reue. O Yinze, wie sehr sie sich haßte! Wie konnte sie nur so blind, so einfältig und so falsch gegenüber ihren neuen Freunden gewesen sein? Sie hatte die Kameraden verraten, die ihr in der Wüste geholfen und sie als eine der Ihren aufgenommen hatten. Sie hatte die arme, alte, mütterliche Nereni betrogen, die sich immer so gut um sie gekümmert hatte, die ihr vertraut hatte. Sie hatte sich hoffnungslos besudelt mit einem Fremden, einem Außenseiter, einem auf dem Boden kriechenden Menschen, der sie benutzt und mißbraucht hatte, als sei sie nichts als eben der wertlose Abfall, zu dem sie nun geworden war. Und jetzt hatte der Kreis sich geschlossen. Sie war wieder in den abscheulichen Fängen Schwarzkralles – und zweifellos hatte sie es nicht besser verdient.

Ihre Mutter, die Königin, war tot. Infolge ihrer schrecklichen und beängstigenden Erlebnisse hatte das geflügelte Mädchen gerade erst begonnen, diese Tatsache zu begreifen. Flammenschwinge war niemals freundlich und sanft gewesen wie Nereni – sie war schließlich eine Königin gewesen mit einer Verantwortung, die ihre Gedanken und ihre Zeit für sich forderte. Sie war gezwungen gewesen, ihre Tochter mit fester Hand aufzuziehen, um sie auf ihre zukünftigen Pflichten vorzubereiten. Beim Himmelsvolk mußte der Monarch allein herrschen und allein leben. Dennoch wußte Rabe, daß ihre Mutter sie geliebt hatte und daß sie es ihr gezeigt hatte, wann immer sie nur konnte. Flammenschwinge war stolz auf sie gewesen, und der Prinzessin wurde übel bei dem Gedanken, wie grausam sie diesen Stolz verraten hatte. Wußte ihre Mutter es? Wußten die Toten alles, sobald sie ins Jenseits gegangen waren, so wie die Priester des Yinze es immer behaupteten? Rabe warf sich weinend aufs Bett. »Mutter, es tut mir so leid!«

Das geflügelte Mädchen weinte eine lange Zeit, aber endlich legte sich ihre Erregung; sie war zu erschöpft und zu müde, um noch mehr zu weinen. Also wischte sie sich ihre Augen mit der Pelzdecke des Bettes ab und sah sich noch einmal in dem Zimmer um, das jetzt ihr Gefängnis war. Man hatte ihr eine Mahlzeit dagelassen, aber sie war zu unglücklich, um zu essen. Sie fühlte sich beschmutzt und besudelt, und ihre Tränen hatten nicht dazu beigetragen, die Schuldgefühle aus ihrem Gewissen fortzuspülen. Auf dem Tisch stand eine silberne Flasche mit Wein. Rabe füllte einen Becher bis zum Rand und leerte ihn mit einem Zug, wobei sie wegen des unbekannten Brennens in ihrer Kehle ein wenig würgen mußte. Mit neuerlichem Schuldbewußtsein erinnerte sie sich daran, daß Flammenschwinge ihr nie gestattet hatte, dieses Zeug zu trinken. Aber ihr Verstand wandte sich nun von der Schuld der Vergangenheit dem Entsetzen der Zukunft zu. Schon bald würde Schwarzkralle zu ihr kommen – und sie würde gut daran tun, dafür zu sorgen, daß ihre Sinne so weit wie möglich eingelullt waren.

O Vater im Himmel – würde sie sich jemals wieder rein und sauber fühlen? Rabe schenkte sich noch mehr Wein ein und nahm den Becher mit, während sie durch den mit Vorhängen verhüllten Bogengang tat, der in ihr Badezimmer führte. In dem Marmorfußboden befand sich ein Loch mit einem Abzugskanal. Zog man an einem seidenen Band, ergoß sich Wasser in das Becken. Das Wasser stammte aus den riesigen Gipfelzisternen, die den Regen und den geschmolzenen Schnee von den Bergen auffingen. Rabe trank ihren Wein aus und stellte den Becher beiseite; dann schleuderte sie ihren abgetragenen, an vielen Stellen geflickten Lederrock von sich – eben jenen Rock, in dem sie damals in ihre allzu kurze Freiheit geflohen war. Sie ließ ihn durch ihre Hände gleiten und blickte mit von Tränen verschwommenen Augen auf Nerenis saubere, winzige Stiche, bevor sie das Kleidungsstück mit einem bitteren Fluch zu Boden warf.