»Wie kannst du es wagen, meine Marionette ins Wanken zu bringen«, kam Miathans Stimme fauchend über die Lippen des Prinzen. Harihn, der im Inneren seines Körpers gefangen war, sah, wie Aurians Augen sich vor Entsetzen weiteten.
Die Höhle war wahrhaftig nichts Besonderes. Mit den zwei Pferden, Schiannath und dem Mann, den er gerettet hatte, war sie hoffnungslos überfüllt, aber zumindest verfügte sie in der von Rissen durchsetzten Decke über eine gute Entlüftung für den Rauch, und es gab einen großen Felsblock, der direkt vor dem Eingang lag und mit einiger Mühe zur Seite gerollt werden konnte, so daß die Öffnung zum Teil verschlossen wurde. Außerdem würde niemand, der noch ganz bei Verstand war, es wagen, den schmalen, halb zerfallenen Felsvorsprung zu betreten, der zu der Höhle hinführte. Die trittsichere Iscalda konnte den gefährlichen Pfad bewältigen, aber Schiannath hätte sich beinahe selbst umgebracht bei dem Versuch, den verwundeten Mann und das schwachsinnige Vieh, das die Khazalim ein Pferd nannten, in die Höhle hinaufzubekommen. Als er das endlich geschafft hatte, mußte er den ganzen Weg noch einmal hinunterlaufen, um ihre Spuren zu verwischen.
Der Gesetzlose kehrte, halb betäubt vor Müdigkeit, in die Höhle zurück und warf noch einen letzten Blick aus dem hoch oben im Felsen gelegenen Eingang ins Tal. Zu seiner Linken öffnete sich der Paß zu einem Berggrat, der zu einem weiten Tal abfiel. Jenseits des Tals erhoben sich die schneebedeckten Berge, ehrfurchtgebietend in ihrer einsamen Pracht. Dort im Norden, jenseits dieser zerklüfteten Barriere aus Stein, lag das Land der Xandim. Schiannath spuckte in den Schnee und wandte sich ab. Zu seiner Rechten erstreckte sich die dunkle Kehle des Passes – und noch während er sie betrachtete, drang das harte Geräusch von Stimmen zu ihm empor, die in der Sprache der Khazalim redeten und die vom Schnee umschlossene Stille durchbrachen. Er hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft. Keuchend vor Anstrengung rollte der Gesetzlose den Stein vor den Eingang und sank dann völlig erschöpft auf die Knie.
Schiannath hatte sich vollkommen verausgabt, aber ihm blieb keine Zeit, um sich auszuruhen. In dem dämmrigen Licht, das an den Rändern des Felsens in die Höhle eindrang, tastete er sich mühsam seinen Weg in den hinteren Teil seines Verstecks. Es war gut ausgerüstet, alle seine Zufluchtsorte waren das. In den langen Monaten seiner Verbannung hatte Schiannath sich kaum mit etwas anderem als seinem Überleben beschäftigt. Die Berge waren mit Höhlen durchsetzt, und der Gesetzlose verfügte über eine Reihe verschiedener Verstecke, die vom Windschleier über die ganze Bergkette bis zum Turm reichten. Jedes dieser Verstecke war für Iscalda mit Heu und wilden Körnern ausgestattet, die er in einem lange vergangenen Sommer in den Tälern gesammelt hatte; Feuerholz, das er aus denselben Tälern hinaufgebracht hatte; Nüsse und getrocknete Beeren sowie geräuchertes Fleisch von wilden Bergschafen. Ihre weichen Felle sorgten für Wärme, zusammen mit den zotteligen Wolfspelzen von seinen Jagdausflügen.
Schiannath hatte während des Sommers und des Herbstes unermüdlich gearbeitet, um seine Zufluchtsorte auszustatten. Die Arbeit hatte ihm geholfen, seine Einsamkeit zu überwinden, und die Müdigkeit hatte seiner Verzweiflung die Spitze genommen. Jetzt, in diesem grausamen Winter, waren die Höhlen sein Schlüssel zum Überleben; aber erst heute hatte er den wahren Grund hinter seiner Beharrlichkeit in seiner scheinbar sinnlosen Arbeit gefunden. Es war der Wille der Göttin gewesen.
Der Gesetzlose konnte an nichts anderes denken, während er in dem Ring aus Steinen, der ihm hier als Kamin diente, Feuerholz aufstapelte und schließlich mit der Geschicklichkeit langer Übung ein Feuer entzündete. Er legte Heu für die Pferde auf den Boden und wandte sich dann dem bewußtlosen Krieger zu. Als er in das großknochige Khazalimgesicht blickte, ergriff ihn von neuem eine Woge des Staunens.
Die Göttin hat gesprochen. Sie hat mit mir gesprochen! Die Worte sangen in seinem Kopf, während Schiannath die Wunden des Fremden versorgte. Er streifte dem Mann die nassen Kleider vom Leib und hüllte ihn in trockene Schafsfelle; dann brach er das Ende des Armbrustpfeils ab und riß diesen schließlich ganz heraus. Aber als er die Wunde mit der glühenden Spitze seines Messers ausbrannte, schlug der Mann plötzlich die Augen auf und begann zu schreien. Der Gesetzlose legte ihm eine Hand über den Mund, und der Khazalim biß ihm vor Schmerz in die Finger, aber ungeachtet seines eigenen Schmerzes hielt Schiannath ihn fest, bis seine Schreie verklungen waren. Er bezweifelte, daß der Lärm außerhalb der Höhle zu hören war, aber er war doch erleichtert, als der Mann schließlich wieder bewußtlos wurde. Hastig ergriff er die Chance, seine Arbeit ungehindert fortsetzen zu können, und spülte die Wunde mit einem Gebräu aus heilenden Kräutern aus. Dann tat er dasselbe mit dem Schnitt, den der Krieger im Oberschenkel hatte. »Ein kleines Stück höher, mein Freund, und sie hätten dich kastriert«, murmelte er.
Als Schiannath die Wunden verband, kostete er den sauberen Duft der Kräuter aus, die den Übelkeit erregenden Gestank versengten Fleisches verscheuchten. Der Duft bescherte ihm jedoch auch eine Erinnerung an den Tag, an dem er aus dem Land der Xandim geflohen war. Mit nichts als seinen Waffen und den Kleidern auf seinem Rücken hatte er sich wie benommen an Iscaldas Hals geklammert, blutend und geschunden von den Steinen, die sie ihm nachgeworfen hatten. Als er auf dem Gipfel des Windschleiers an der Wegmarkierung vorbeigekommen war, die die Grenze seines Landes bezeichnete, hatte er plötzlich ein seltsames Schimmern in der Luft gesehen, und Chiamh, das verhaßte Windauge, war auf ihn zugetreten.
Iscalda, deren menschliche Erinnerungen noch immer unversehrt gewesen waren, hatte sich schreiend vor Zorn aufgebäumt. Schiannath hatte nach seinem Bogen gegriffen und einen Pfeil abgefeuert, aber dieser Pfeil ging mitten durch Chiamhs Körper hindurch und grub sich in den Schnee dahinter. »Ich bedauere meine Taten an diesem Tag aus ganzem Herzen«, flüsterte das Windauge mit beschämtem Gesicht. Dann zeichnete es einen Segen in die Luft und verschwand.
Obwohl der Seher nur eine Erscheinung gewesen war, war an dem Inhalt des Bündels, das Schiannath neben dem Stein gefunden hatte, nichts Übernatürliches gewesen. Kleider, Decken, Nahrung; und, was das beste von allem gewesen war, die Beutel mit Chiamhs heilenden Kräutern. Auf jedem dieser Beutel standen in den groben Xandim-Hieroglyphen Anweisungen. Einige der Kräuter waren gegen Fieber, andere gegen Infektionen oder zur Schmerzlinderung. Obwohl Schiannath es nicht vermochte, dem Windauge zu verzeihen, hatte er oft Grund gehabt, Chiamh für sein Geschenk dankbar zu sein.
Mit einem Ruck kehrte Schiannath in die Gegenwart zurück und legte dem Krieger ein in eisiges Wasser getauchtes Tuch auf die bläuliche Schwellung seiner Schläfe. Diese Verletzung mochte sich gefährlicher als die anderen Wunden erweisen, aber er konnte nichts tun, als seinen Patienten ruhigzuhalten und das Beste zu hoffen. Zum ersten Mal in seinem Leben war Schiannath zuversichtlich, daß seine Gebete erhört werden würden. War die Göttin nicht zu ihm gekommen in der tierischen Verkleidung eines schwarzen Geistes der Berge? Hatte sie ihn nicht auf die Probe gestellt? Und hatte sie nicht selbst zu ihm gesprochen und ihm befohlen, das Leben dieses Mannes zu retten, der eigentlich sein Feind war?
Plötzlich überkam Schiannath eine Woge religiöser Ehrfurcht. Vielleicht hatte es einen Grund für sein Exil gegeben und für das der armen Iscalda! O Göttin, hatte das alles womöglich doch einen Sinn?
Yazour öffnete seine verklebten Augen, nur um das Gesicht eines Feindes zu erblicken. Sein Magen krampfte sich vor Angst zusammen. Die Xandim haben mich gefangengenommen! Während er nach seinem Schwert tastete, versuchte er, sich zu erheben, und schrie vor Schmerz laut auf. Er hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand eine flammende Fackel in die Schulter gerammt und noch eine in die Muskeln seines Oberschenkels. Der Pferderitter drückte ihn sanft und mit einem warnenden Kopfschütteln wieder auf sein Lager. »Nein. Nicht.«