Yazour erkannte die Worte; alle Krieger der Khazalim, die die Länder der Xandim überfielen, hatten die Grundlagen dieser Sprache gelernt. Er blinzelte in das flackernde Licht des Feuers, das die zerklüfteten Steine ein wenig erhellte – es war eindeutig das Dach einer Höhle. Eine Höhle, die nach Pferden stank. Wo bin ich? dachte er. Wer ist dieser Mann? Nach seiner Kleidung und seinen Waffen zu urteilen, war er eindeutig ein Xandim, und doch schien der Fremde sich von den anderen Mitgliedern seines Stammes zu unterscheiden, die Yazour früher zu Gesicht bekommen hatte. Seine Haut war hell unter der wettergegerbten Bräune, und er hatte wachsame, graue Augen mit Krähenfüßen in den Augenwinkeln; ein feines Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer geschwungenen, spitzen Nase und eine von silbernen Fäden durchzogene Mähne schwarzer Locken.
Yazours Retter lächelte und hielt ihm eine randvoll mit Wasser gefüllte Schale entgegen. Der Khazalim hatte bereits herausgefunden, daß ihm die Stelle, an der der Pfeil seine Schulter durchbohrt hatte, höllisch weh tat, wenn er den Arm hob. Yazour nahm die Schale mit seiner gesunden Hand entgegen und trank gierig, während der Fremde seinen Kopf mit sanften Händen stützte. Das Wasser war höchst willkommen. Als er fertig war, legte der junge Krieger sich zurück in das Nest warmer Pelze, die man um ihn herumgewickelt hatte. Auch wenn es ihm nicht gefiel, er mußte der schrecklichen Schwäche, die seine Wunden verursachten, nachgeben. Er wollte dem Mann tausend Fragen stellen, aber bevor er noch die erste über die Lippen bekommen konnte, glitt er abermals zurück in die Bewußtlosigkeit.
Als er wieder erwachte, kitzelte ein köstlicher Duft ihm in der Nase. Yazour lief das Wasser im Mund zusammen. Der Fremde mußte ihn beobachtet haben. Beinahe bevor er Zeit hatte, seine Augen zu öffnen, war der Xandim an seiner Seite und hielt ihm eine Schale mit Suppe hin. Abermals stützte er Yazours Kopf, während dieser trank. Er half ihm mit so sanfter Vorsicht, daß der Krieger an seine Mutter denken mußte, die ihn, wenn er als Kind krank gewesen war, mit der gleichen Zärtlichkeit versorgt hatte. Seine Mutter, die sich das Leben genommen hatte, als Yazour fünfzehn war, nachdem sein Vater, ein Krieger, in Xiangs Diensten getötet worden war – bei einem Überfall auf die Xandim, durch eine Lanze der Xandim.
Fluchend versuchte Yazour, sich von der verhaßten Hand zu befreien. Suppe ergoß sich über seine Brust, und ein scharfer Schmerz durchstach seine Schulter. Ein gedämpftes Wimmern des Schmerzes drang durch seine zusammengebissenen Zähne, bevor er erschöpft wieder zurückfiel. Er spürte, wie frisches Blut klebrig durch den Verband seiner Schulter sickerte. Verband? Yazour war vorher zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, um ihn zu bemerken. Auch sein Oberschenkel war verbunden, dort wo ein Schwert ihn bei seiner Flucht aus dem Turm erwischt hatte. Der Krieger runzelte die Stirn. Dieser Feind hatte ihn gerettet, hatte seine Wunden verarztet und versuchte jetzt, ihm zu essen zu geben.
Yazours Feind schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er fest. »Nicht …« Er sagte noch ein anderes Wort, das der junge Krieger nicht kannte, und machte dann mit ausladenden Gesten Yazours Bemühungen nach, sich zu befreien. »Nicht Gefangener, …«
Ah, Gefangener. Das war ein Wort der Xandim, das der Krieger verstand, aber das Wort, das ihm folgte, hatte er noch nie gehört. Der Xandim runzelte die Stirn, dachte nach und streckte dann eine Hand aus, um mit einem warmen Lächeln Yazours eigene Hand zu ergreifen.
Freund? Könnte er mein Freund sein? Yazour hatte nicht die Absicht, sich mit einem der verfluchten Xandim zu befreunden, die seinen Vater getötet hatten. Mit einem Fluch riß er seine Hand zurück. Dann erstarrte er und fragte sich zu spät, ob er vielleicht einen fatalen Fehler gemacht hatte. Aber sein Retter seufzte nur und hielt ihm noch einmal die Suppe hin. Diesmal siegte sein gesunder Menschenverstand. Wenn Yazour entkommen wollte, um seinen Freunden zu Hilfe zu eilen, mußte er wieder zu Kräften kommen. Er riß dem Fremden die Schale aus der Hand und funkelte ihn wütend an, als er versuchte, ihm wieder seine Hilfe anzubieten.
Dieser Mann mochte zwar ein Feind sein, aber beim Schnitter, er konnte kochen. Yazour war vollkommen ausgehungert. Er schlang die Suppe so hastig in sich hinein, daß er sich die Zunge verbrannte. So sehr es ihm auch widerstrebte, von einem Xandim einen Gefallen zu erbitten, streckte er doch die Schale aus, um noch mehr zu bekommen, aber der Fremde schüttelte den Kopf. »Bastard«, murmelte der junge Krieger. Dann wandte er sich ab, zog sich die Felle übers Gesicht und tat so, als würde er wieder einschlafen. In Wirklichkeit wollte er sich Zeit zum Nachdenken verschaffen.
Warum? Warum hatte dieser Xandim sich solche Mühe gegeben, einem Feind zu helfen? Yazour haßte die Rasse des Fremden aus ganzem Herzen, und doch hatte ihm dieser Sohn eines Schweines das Leben gerettet. Der Krieger wälzte sich ruhelos auf seinem Lager herum, verstört von der Richtung, die seine Gedanken einschlugen, und von der Wunde in seinem Oberschenkel, die schmerzhaft pochte. Einer seiner eigenen Leute hatte Yazour diese Wunde beigebracht, einer seiner früheren Kameraden und Freunde. Beim Barte des Schnitters, was für ein Durcheinander! Der Krieger fragte sich, ob das der Grund war, warum der Mann ihn gerettet hatte. Die Khazalim waren Feinde der Xandim, daher war Yazour ein Opfer der Feinde des Fremden … Aber nein, dachte er. Selbst wenn er mich zuerst nicht erkannt hätte, hätte er gewußt, daß ich ein Khazalim bin, sobald er mich hierhergebracht hatte – und trotzdem hat er sich um mich gekümmert. Im Namen des Schnitters, warum?
Yazour konnte es nicht mehr aushalten. Er wälzte sich auf die andere Seite, schob die Pelze weg und versuchte, seinem Wohltäter in die Augen zu sehen. »Warum?« fragte er in Xandim und wünschte sich, er beherrschte die Sprache besser. Er zeigte auf das Feuer, auf die Höhle, auf seine verbundenen Wunden. Der Mann lächelte und hielt ihm abermals die Hand hin. »Freund«, wiederholte er.
Yazour war in der Gewalt des Fremden, und außerdem hatte der Mann ihm das Leben gerettet. Er zwang sich zu einem Lächeln und ergriff die dargebotene Hand. »Freund«, pflichtete er ihm bei. Zumindest für den Augenblick, du Xandim-Bastard, dachte er.
Schiannaths Patient war schon bald wieder eingeschlafen, aber es schien ihm viel besser zu gehen, und der Gesetzlose beschloß, es zu wagen, sich nach den langen Stunden des Wachens endlich ebenfalls auszuruhen. Vorsichtig stand er auf – es gab nur eine Stelle in der Höhle, an der er das tun konnte, ohne sich den Kopf an der Decke zu stoßen – und räkelte sich die Steifheit aus seinen Gliedern. Dann fachte er das Feuer an, brühte aus einigen Blättern und Beeren, die er in freundlicheren Monaten gesammelt hatte, einen Tee auf und aß ein spärliches Mahl, das er sich aus seinen gehorteten Vorräten zubereitet hatte.
Iscalda wieherte von ihrem Platz in der Nähe des Höhleneingangs, und Schiannath ging zu ihr hinüber, um ihr über ihren seidigen Nacken zu streichen. »Nun?« fragte er sie. »Was hältst du von unserem neuen Kameraden?«
Es war unheimlich, daß die Stute gerade in diesem Augenblick schnaubte, so als antwortete sie ihm auf seine Frage. Der Gesetzlose mußte sich das Lachen verkneifen, um seinen Patienten nicht zu wecken. »Ich hätte es selbst nicht besser ausdrücken können«, sagte er zu ihr. »Ein Freund, wahrhaftig – dieser Khazalim-Abschaum!« Aber die Göttin hatte ihm befohlen, diesem Mann zu helfen, und daher würde Schiannath ihm helfen – jedenfalls für den Augenblick.
12
Der Betrunkene Hund
Der Betrunkene Hund, eine typische Hafentaverne, war die schmutzigste Bierschänke in Nexis. Die Fenster, die bei zahllosen Schlägereien wieder und wieder zu Bruch gegangen waren, waren nun mit einem unbeholfenen Sammelsurium von Brettern vernagelt, und die Schankstube stank nach Qualm, Fett und ungewaschenen Leibern. Der Boden war glitschig, ein widerlicher Morast aus Sägespänen, verschütteten Getränken und in der Regel auch Blut. Wenn der Fluß niedrig war, war die Luft hier angefüllt mit dem ekelhaften Gestank nach toten Fischen und Abwässern. Der Zustand der Taverne, die unten zwischen den Lagerhäusern des nördlichen Flußufers lag, hätte ausgereicht, um einen starken Mann zum Erbleichen zu bringen und einen weisen dazu, sich hastig abzuwenden. Selbst in dieser Gegend, einer der rauhesten in der Stadt, hatte der ›Hund‹ einen schlechten Ruf – und war stolz darauf.