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»Wird gemacht, Jarvas.« Der Junge stürmte davon und rief seine Freunde herbei, die ihm helfen sollten.

»Und mach keinen Unfug mit der Leiter!« Jarvas drehte sich mit einem kläglichen Grinsen zu der Hure um. »Ich verschwende nur meinen Atem, wenn ich einem Jungen seines Alters so etwas sage. Ist mit dir alles in Ordnung?«

»Rauch!« stieß Tilda mühsam wimmernd hervor.

»Das tut mir leid, aber wir bringen das schnell wieder in Ordnung. Irgend jemand soll Wasser kochen und ein paar saubere Lumpen von irgendwoher auftreiben«, bellte er in das Zimmer hinein, ohne sich an jemand bestimmten zu richten.

Jarvas ging an das andere Ende des Raums, während Tilda sich blind an dem Saum seines Umhangs festklammerte. Dann legte er den Verwundeten auf eine Pritsche in der Nähe des Feuers. »Benziorn sollte sich besser beeilen«, murmelte er, und Tilda machte sich daran, den verletzten Fremden mit einem Lumpen zuzudecken. »Er verliert eine Menge Blut.«

Tilda hörte das Quietschen und Scheppern der Leiter, als sie aufgestellt wurde, und daneben das schrille Geplapper kindlicher Stimmen. Ihre Flüche störten sie nicht; sie war mit solchen Rauheiten auf der Straße aufgewachsen. Nach ein paar Minuten besänftigte die hochwillkommene, frische Luft ihre Lungen. Der Rauch hob sich, aber die Fenster waren so hoch, daß sie den schlimmsten Teil der Kälte aus dem Raum fernhielten.

»Na schön. Was soll ich denn diesmal wieder zusammenflicken?« Die Stimme war tief und weich wie Samt, aber der Tonfall war eher streitlustig und von offenkundiger Müdigkeit gezeichnet. »Wieder mal irgendein idiotisches Opfer von einer Schlägerei Betrunkener?«

Tilda blickte auf und sah einen Mann von durchschnittlicher Größe und mittleren Jahren, das blonde Haar durchzogen mit noch helleren, silbrigen Strähnen. Sein ausdrucksvolles Gesicht war, wenn auch erschöpft und von Entbehrungen gezeichnet, doch überaus angenehm und gut geschnitten, aber seine hellblauen Augen blitzten gereizt. Ohne auf eine Antwort zu warten, riß er die Decke, die den Fremden einhüllte, zur Seite und fluchte. »Melisanda sei uns gnädig, was für ein abscheuliches Durcheinander! Seid ihr Schwachköpfe denn so unglaublich blöd, daß ihr nicht einmal einen einfachen Verband zuwege bringt? Ihr hättet den armen Teufel auch genausogut irgendwo verbluten lassen und mir ausnahmsweise einmal eine Nacht lang einen ordentlichen Schlaf gönnen können. So oder so hätte es für diesen armen Tropf hier nichts geändert. Wenigstens ist er bewußtlos, so daß ich mir nicht auch noch seine Schreie anhören muß.«

Die ganze Zeit über, während er geredet hatte, war Benziorn damit beschäftigt gewesen, die Tasche, die er immer bei sich trug, auszupacken und seine Instrumente an das Mädchen weiterzureichen, das ihn herbeigeholt hatte. Nachdem sie sich aus ihrem gewaltigen Umhang befreit hatte, entpuppte sie sich als ein zartes, blondes Mädchen mit einem Hang zu unbarmherziger Tüchtigkeit. Sie tauchte die Instrumente und Verbände in kochendes Wasser, während der Arzt die Wunden des Fremden säuberte, ohne auch nur einen Augenblick lang in seinem gereizten Brummen innezuhalten.

»Seine Brust ist kein Problem, die Wunde ist nur ein Schnitt quer über die Rippen; es ist keine Stichwunde, und sein Lederwams hat ihn offensichtlich vor dem Schlimmsten bewahrt. Allerdings hat er einen Schock von dem Blutverlust – konntet ihr Idioten ihn nicht wärmer halten? Scheußliche Kopfwunde … Wenn ich schnell mache und wir Glück haben, können wir das Ohr vielleicht noch retten … Was ist los mit dir, Emmie?« fragte er, aber das blonde Mädchen reagierte lediglich mit einem Lächeln.

»Ich bin jetzt fertig, Benziorn.«

»Du! Wer immer du bist«, fuhr der Arzt auf. »Hol mir mehr Lichter. Kerzen, Lampen, was auch immer. Und beeil dich!«

Tilda fuhr mit einem Ruck auf, als sie bemerkte, daß er mit ihr sprach. Da sein gereizter Ton keine Frage zuließ, eilte sie davon, um seinen Wunsch zu erfüllen. Als sie zurückkehrte und ihre Handvoll Kerzen wie geheißen um den Kopf des Fremden herum aufstellte, hatte Benziorn bereits begonnen, die Wunde mit schnellen, sparsamen Bewegungen zu nähen. Als sie näher kam, bemerkte Tilda den vertrauten Geruch seines Atems und begriff erschrocken, daß der Arzt getrunken hatte. O ihr Götter, dachte sie, wo bin ich bloß gelandet?

Tarvas betrachtete sein kleines Königtum und ließ seinen Blick über Bilder des Schmutzes und der Armut gleiten. Etwa drei Dutzend Familien hatten ihr Lager in der Halle aufgeschlagen und teilten sich den Raum mit schlaff herunterhängenden Trennwänden aus Lumpen, Säcken oder was immer sie gerade zur Hand hatten. Kinder schliefen wie kleine Hündchen, zusammengedrängt in einem Durcheinander von Nestern aus Decken, während die Mütter in Eintöpfen rührten oder hoffnungslos an Kleidern herumflickten, deren ursprünglicher Stoff unter den vielen regenbogenfarbigen Schichten der Flicken überhaupt nicht mehr zu erkennen war. Alte Leute, eingehüllt in Umhänge und Schals, schnarchten irgendwo in den Ecken oder wetteiferten mit der dampfenden, frisch gewaschenen Wäsche um den Platz am Feuer, während Gruppen von Männern mit überkreuzten Beinen im Lampenlicht saßen und mit Glaskugeln um Kieselsteine spielten. Die topasfarbenen Augen mehrerer Katzen blinzelten und funkelten im Feuerschein. Irgendwo in der Dunkelheit schrie ein Baby. Jedes Gesicht war ausgemergelt und von Hunger und Elend gezeichnet.

Jarvas spürte, daß sich jemand zu ihm gesellte. Tilda stand neben ihm und betrachtete mit einer Mischung aus Entsetzen und Mitleid die Menschen vor ihr.

»Zumindest verhungern sie im Augenblick nicht.« Seine Stimme hatte eine gereizte Note, als wolle er sich verteidigen. »Und sie werden heute nacht nicht irgendwo auf der Straße erfrieren.«

»Aber es sind so viele«, murmelte Tilda. Dann biß sie die Lippen zusammen und wandte den Blick ab. »Dein kostbarer Arzt ist betrunken!« fügte sie hinzu.

Jarvas nickte. »Das ist er meistens. Früher einmal war er der beste Arzt in ganz Nexis. Er hat sich recht behaglich seinen Lebensunterhalt verdient, indem er die Kaufleute und die anderen Reichen behandelt hat – bis zu der Nacht, als diese gräßlichen Ungeheuer zuschlugen.« Er seufzte. »Benziorn war gerade nicht zu Hause gewesen, weil er sich irgendwo um einen Kranken kümmern mußte, als eins der Geschöpfe in sein Haus eingedrungen war und seine Frau und seine Kinder ermordet hatte. Seit diesem Tag trinkt er. Es hat ihn sein Haus und seinen Lebensunterhalt gekostet. Als ich ihn von der Straße geholt hatte, war er nur noch ein stinkendes, halb verhungertes Wrack.« Jarvas zuckte mit den Schultern. »Aber wir können uns glücklich schätzen, ihn zu haben. Betrunken oder nüchtern, er ist immer noch der Beste.«

»Das freut mich zu hören.« Eine Spur Bitterkeit schwang in Tildas Stimme mit. »Es würde mir überhaupt nicht gefallen, wenn wir unseren Hals für irgendeinen Fremden riskiert hätten, nur damit ein betrunkener Arzt ihm schließlich den Rest gibt. Warum haben wir es überhaupt getan? Wir müssen Verrückte gewesen sein!« Tiefe Verzweiflung klang durch ihre Wort hindurch.

Jarvas schüttelte den Kopf. »Wenn ich das nur wüßte!« In dem Augenblick, als er eingegriffen hatte, war es ihm als die einzige Möglichkeit erschienen, aber indem er diesem einen Mann geholfen hatte, hatte er wahrscheinlich den Untergang seiner Herberge besiegelt und damit Not und Leid über viele andere Menschen gebracht. »Pendral wird vielleicht ein oder zwei Tage brauchen, um herauszufinden, wer ich bin«, fuhr er grimmig fort, »aber dann werden sie hierherkommen, das steht fest.« Er seufzte. »Ruh dich jetzt etwas aus, Tilda. Morgen früh werde ich gleich als erstes Emmie hinausschicken, damit sie deinen Sohn holt – und dann müssen wir anfangen, darüber nachzudenken, wie wir hier herauskommen.«

Tildas Zuhause war ein Schweinestall in einer schmutzigen Gasse flußaufwärts, jenseits der großen, weißen Brücke, die in der Nähe des Felsens der Akademie über den Fluß reichte. Emmie, die Tarvas ausgeschickt hatte, um den Sohn der Straßendirne zu holen, ging mit schnellen Schritten durch das verwirrenden Labyrinth und zitterte in der Kälte einer feuchten, grauen Morgendämmerung. Heute kam ihr der dicke Stock, den sie immer zum Schutz bei sich trug, gut zustatten und wurde ausnahmsweise einmal zu dem Zweck benutzt, zu dem er ursprünglich gedacht war, denn ihre gut beschuhten Füße rutschten in dem dicken Schneematsch, der die Pflastersteine jetzt mit einer schlüpfrigen Schicht überzog, immer wieder aus. Die Gassen stanken nach Verwesung, Moder und Verfall, nach menschlichem Schmutz und Exkrementen. Emmie kannte ihn nur allzugut – diesen Geruch tiefster Armut.