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›Ein Scherz?‹

›Es gibt Geschichten von verschlagenen Brüdern, die die Vaterbäume belügen, doch sie werden immer ertappt und schrecklich bestraft.‹

›Andrew verriet mir, daß solche Geschichten erzählt werden, um zu einem zivilisierten Verhalten anzuregen.‹

›Es ist stets eine Versuchung, die Vaterbäume zu belügen. Ich habe es selbst manchmal getan. Keine Lügen. Nur Übertreibungen. Sie machen es jetzt manchmal bei mir.‹

›Und du bestrafst sie?‹

›Ich erinnere mich daran, welche gelogen haben.‹

›Wenn wir einen Arbeiter haben, der nicht gehorcht, lassen wir ihn allein, und er stirbt.‹

›Ein Bruder, der zuviel lügt, hat keine Chance, ein Vaterbaum zu werden. Das wissen sie. Sie lügen nur, um mit uns zu spielen. Schlußendlich sagen sie uns immer die Wahrheit.‹

›Was wäre, wenn ein ganzer Stamm seine Vaterbäume belügt? Wie würdet ihr es jemals erfahren?‹

›Sprich lieber von einem Stamm, der seine eigenen Vaterbäume fällt oder abbrennt.‹

›Ist das jemals passiert?‹

›Haben sich die Arbeiter jemals gegen die Schwarmkönigin gestellt und sie getötet?‹

›Wie könnten sie das? Dann würden sie sterben.‹

›Jetzt verstehst du. Es gibt einige Dinge, die zu schrecklich sind, als daß man darüber nachdenken könnte. Statt dessen denke ich daran, wie es sich anfühlen wird, wenn ein Vaterbaum zum ersten Mal seine Wurzeln in den Boden eines anderen Planeten steckt und seine Äste in einen fremden Himmel streckt und Sonnenlicht von einem fremden Stern trinkt.‹

›Du wirst bald lernen, daß es keine fremden Sterne gibt, keine fremden Himmel.‹

›Nein?‹

›Nur Himmel und Sterne, mit all ihren Unterschieden. Ein jeder mit seinem eigenen Geschmack, und alle schmecken gut.‹

›Jetzt denkst du wie ein Baum. Der Geschmack des Himmels!‹

›Ich habe die Wärme vieler Sterne gekostet, und sie alle schmeckten süß.‹

»Du bittest mich, mir bei deiner Rebellion gegen die Götter zu helfen?«

Wang-mu blieb vor ihrer ehemaligen Herrin knien und schwieg. Im Herzen hatte sie Worte, die sie hätte sagen können. Nein, meine Herrin, ich bitte dich, uns bei unserem Kampf gegen die schrecklichen Ketten zu helfen, in die der Kongreß die Gottberührten gelegt hat. Nein, meine Herrin, ich bitte dich, dich an die angemessenen Pflichten gegenüber deinem Vater zu erinnern, die selbst Gottberührte nicht ignorieren dürfen, wenn sie rechtschaffen sein wollen. Nein, meine Herrin, ich bitte dich, uns dabei zu helfen, eine Möglichkeit zu finden, ein anständiges und hilfloses Volk, die Pequeninos, vor dem Xenozid zu retten.

Doch Wang-mu sagte nichts, denn das war eine der ersten Lektionen, die sie von Meister Han gelernt hatte. Wenn du Kenntnisse hast, von denen eine andere Person weiß, daß sie sie braucht, gibst du sie bereitwillig. Doch wenn die andere Person noch nicht weiß, daß sie deine Kenntnisse braucht, behältst du sie für dich. Nahrung sieht nur für einen Hungrigen gut aus. Quin-jao war nicht hungrig auf Kenntnisse, die Wang-mu hatte, und würde es niemals sein. Also konnte Wang-mu lediglich Schweigen anbieten und nur hoffen, daß Quing-jao ihren Weg zu angemessenem Gehorsam, nüchternem Anstand oder dem Kampf für die Freiheit finden würde.

Jedes einzelne dieser Motive würde genügen, solange sie Qing-jaos brillanten Verstand auf ihre Seite ziehen konnten. Wang-mu war sich noch nie in ihrem Leben so nutzlos vorgekommen, während sie Meister Han über die Fragen nachdenken sah, die Jane ihm gestellt hatte. Um über die überlichtschnelle Reise nachdenken zu können, studierte er Physik; wie konnte Wang-mu ihm helfen, wenn sie gerade erst in Geometrie unterrichtet wurde? Um über den Descolada-Virus nachdenken zu können, studierte er Mikrobiologie; Wang-mu wußte gerade erst, was Gaialogie und Evolution bedeuteten. Und wie konnte sie eine Hilfe sein, wenn er über Janes Natur nachsann? Sie war ein Kind von Arbeitern, und ihre Hände, nicht ihr Verstand enthielten ihre Zukunft. Philosophie stand so weit über ihr wie der Himmel über der Erde. »Aber der Himmel scheint nur weit entfernt zu sein«, sagte Meister Han, als sie ihm dies gestand. »In Wirklichkeit ist er überall um dich herum. Du atmest ihn ein und aus, selbst wenn du mit den Händen im Schlamm wühlst. Das ist wahre Philosophie.« Aber sie entnahm daraus nur, daß Meister Han freundlich war und nicht wollte, daß sie sich wegen ihrer Nutzlosigkeit Vorwürfe machte.

Qing-jao jedoch wäre nicht nutzlos. Also hatte Wang-mu ihr ein Papier mit den Projektnamen und den Paßwörtern dafür gegeben.

»Weiß Vater, daß du mir das gibst?«

Wang-mu sagte nichts. In Wirklichkeit hatte Meister Han dies selbst vorgeschlagen, doch Wang-mu hielt es für besser, wenn Qing-jao zu diesem Zeitpunkt nicht wußte, daß Wang-mu als Gesandte ihres Vaters kam.

Qing-jao interpretierte Wang-mus Schweigen genau so, wie Wang-mu vermutet hatte – als Eingeständnis, daß Wang-mu insgeheim gekommen war, um Qing-jao um Hilfe zu bitten.

»Wenn Vater selbst mich gefragt hätte, hätte ich eingewilligt, denn es ist meine Pflicht als Tochter«, sagte Qing-jao.

Doch Wang-mu wußte, daß Qing-jao dieser Tage nicht mehr auf ihren Vater hörte. Sie würde vielleicht sagen, sie wolle gehorsam sein, doch in Wirklichkeit erfüllte ihr Vater sie mit solchem Unbehagen, daß sich Qing-jao zu Boden geworfen und wegen des schrecklichen Konflikts in ihrem Herzen den ganzen Tag lang Linien verfolgt hätte, weil ihr Vater von ihr verlangte, daß sie den Göttern gegenüber ungehorsam war.

»Ich schulde dir nichts«, sagte Qing-jao. »Du warst falsch und eine treulose Dienerin. Es gab nie eine unwürdigere und nutzlosere geheime Magd als dich. Für mich ist deine Anwesenheit in diesem Haus wie die Anwesenheit von Mistkäfern beim Mittagstisch.«

Erneut hielt Wang-mu die Zunge im Zaum. Doch sie verbeugte sich auch nicht tiefer. Zu Beginn dieses Gesprächs hatte sie die bescheidene Haltung einer Dienerin eingenommen, doch sie würde sich nicht mit dem verzweifelten Kotau einer Büßerin erniedrigen. Selbst die bescheidensten von uns haben ihren Stolz, und ich weiß, Herrin Qing-jao, daß ich dir keinen Schaden verursacht habe, daß ich dir jetzt treuer ergeben bin als du selbst.

Qing-jao wandte sich wieder ihrem Terminal zu und gab den ersten Projektnamen ein, der ›LOSLOESEN‹ lautete, eine wörtliche Übersetzung des Begriffs Descolada. »Das ist sowieso alles Unsinn«, sagte sie, während sie die Dokumente und Schaubilder betrachtete, die Lusitania geschickt hatte. »Es ist kaum vorstellbar, daß jemand den Verrat begehen würde, mit Lusitania zu kommunizieren, nur um so einen Unsinn zu bekommen. Es ist wissenschaftlich unmöglich. Keine Welt könnte nur einen Virus entwickelt haben, der so komplex ist, daß er im genetischen Kode jeder anderes Spezies des Planeten enthalten ist. Es wäre Zeitverschwendung für mich, überhaupt darüber nachzudenken.«

»Warum?« fragte Wang-mu. Jetzt durfte sie sprechen – denn obwohl Qing-jao erklärt hatte, sie weigere sich, die Angelegenheit zu diskutieren, diskutierte sie sie doch. »Schließlich hat die Evolution auch nur eine menschliche Rasse hervorgebracht.«

»Aber auf der Erde gab es Dutzende verwandter Spezies. Es gibt keine Spezies, die nicht mit einer anderen verwandt ist – wärest du nicht ein so dummes, rebellisches Mädchen, würdest du das verstehen. Die Evolution hätte niemals ein so spärliches System wie das hervorbringen können.«

»Wie erklärst du dir dann diese Dokumente der Bewohner Lusitanias?«

»Woher willst du wissen, daß sie wirklich von dort kommen? Du hast dafür nur das Wort dieses Computerprogramms. Vielleicht glaubt es, das sei alles. Oder vielleicht sind die Wissenschaftler dort sehr schlecht und haben nicht das nötige Pflichtgefühl, um alle verfügbaren Informationen zu sammeln. In dem ganzen Bericht gibt es keine zwei Dutzend Spezies – und sieh doch, sie hängen auf die absurdeste Art und Weise paarweise zusammen. Es ist unmöglich, so wenig Spezies zu haben.«