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»Nicht nichts«, sagte Ender.

»… zu verteilen«, fuhr Valentine fort, »besteht ihre vernünftigste Reproduktionsstrategie darin, ihn in jeder verfügbaren Frau zu deponieren – und besondere Anstrengungen zu unternehmen, ihn in den gesundesten Frauen zu deponieren, bei denen es am wahrscheinlichsten ist, daß ihr Nachwuchs ein reproduktionsfähiges Alter erreicht. Rein von der Fortpflanzung her gesehen, täte ein Mann am besten daran, so weit wie möglich herumzuziehen und zu kopulieren.«

»Herumgezogen bin ich«, sagte Ender. »Irgendwie muß ich das Kopulieren verpaßt haben.«

»Ich spreche von allgemein gültigen Trends«, sagte Valentine. »Es gibt immer seltsame Individuen, die die Normen nicht befolgen. Die weibliche Strategie ist genau umgekehrt, Pflanzer. Anstelle von Abermillionen Spermien haben sie nur ein Ei im Monat, und jedes Kind stellt eine gewaltige Investition dar. Also brauchen Frauen Stabilität. Sie müssen sicher sein, immer genug Nahrung zu bekommen. Einen Großteil der Zeit über sind wir relativ hilflos und unfähig, Nahrung zu sammeln oder zu suchen. Wir Frauen ziehen also nicht herum, sondern bleiben an Ort und Stelle und gründen eine Familie. Wenn wir das nicht können, besteht unsere nächstbeste Strategie daraus, uns mit dem stärksten und gesundesten zur Verfügung stehenden Mann zu paaren. Aber am besten ist es, einen starken, gesunden Mann zu haben, der bei uns bleibt und für uns sorgt, anstatt herumzuziehen und frei zu kopulieren.

Männer werden also zweierlei Druck ausgesetzt. Der eine besteht darin, ihren Samen zu verbreiten, der andere, anziehend auf Frauen zu wirken, indem sie stabile Versorger sind – indem sie also das Bedürfnis unterdrücken, herumzuziehen und sich gewaltsam fortzupflanzen. Genauso sind die Frauen zweierlei Druck ausgesetzt. Der eine besteht darin, den Samen des stärksten, lebenstüchtigsten Mannes zu bekommen, damit ihre Kinder gute Gene bekommen; daher wirken die starken, gewalttätigen Männer attraktiv auf sie. Der andere besteht darin, den Schutz des ausgeglichensten, gewaltlosesten Mannes zu bekommen, damit er ihre Kinder beschützt und für sie sorgt und so viele wie möglich von ihnen ein fortpflanzungsfähiges Alter erreichen.

Unsere gesamte Geschichte, alles, was ich auf meinen Wanderungen als reisende Historikerin gefunden habe, bevor ich mich von meinem Bruder löste und eine Familie gründete – all das kann man dahingehend interpretieren, daß die Menschen blindlings diese genetischen Strategien befolgen. Wir werden in diese beiden Richtungen gezerrt.

Unsere großen Zivilisationen sind nichts weiter als Sozialmaschinerien, die den idealen Familienhintergrund schaffen sollen, in der eine Frau auf die Stabilität zählen kann; unser Rechts- und Moralkodex ist der Versuch, die Gewalttätigkeit abzuschaffen, dauernden Besitz zu fördern und Verträge durchzusetzen, und repräsentiert damit die primäre weibliche Strategie, die Zähmung des Mannes.

Und die Stämme wandernder Barbaren außerhalb der Reichweite der Zivilisation verfolgen hauptsächlich die männliche Strategie. Verbreitet den Samen. Innerhalb des Stammes nimmt der stärkste, dominanteste Mann von den besten Frauen Besitz, entweder durch formelle Polygamie oder durch Kopulationen aus dem Augenblick heraus, denen die anderen Männer nichts entgegenzusetzen haben. Doch diese Männer mit niedrigerem Status werden bei der Stange gehalten, indem die Herrscher sie in den Krieg führen und sie ausgiebig vergewaltigen lassen, nachdem sie einen Sieg errungen haben. Sie vollziehen sexuelle Erwünschtheit, indem sie sich einem Gegner im Kampf stellen, dann alle männlichen Rivalen töten und im Falle eines Sieges mit den verwitweten Frauen kopulieren. Ein schreckliches, monströses Verhalten – aber auch ein wachstumsfähiges Ausführen der genetischen Strategie.«

Ender fühlte sich sehr unbehaglich, als er Valentine so reden hörte. Er wußte, daß soweit alles zutraf, und er hatte alles schon einmal gehört, doch es machte ihn betroffen, daß Pflanzer nun ähnliche Dinge über sein eigenes Volk erfahren mußte. Ender wollte alles abstreiten, wollte sagen: Einige Männer sind von Natur aus zivilisiert. Doch war er in seinem Leben nicht auch den Gesetzen der Dominanz und Kriegsführung gefolgt? War er nicht herumgezogen? In diesem Zusammenhang war seine Entscheidung, auf Lusitania zu bleiben, in Wirklichkeit die Entscheidung, sein männlich-dominantes Rollenmodell aufzugeben, das ihm als junger Soldat in der Kampf schule eingegeben worden war, und ein zivilisierter Mann in einer stabilen Familie zu werden.

Doch selbst dann hatte er eine Frau geheiratet, die kein Interesse daran hatte, weitere Kinder zu bekommen. Eine Frau, die sich in der Ehe letztendlich alles andere als zivilisiert erwiesen hatte. Wenn ich dem männlichen Modell folge, bin ich ein Versager. Kein Kind gibt meine Gene weiter. Keine Frau akzeptiert meine Herrschaft. Ich bin eindeutig atypisch.

Doch da ich mich nicht reproduziert habe, werden meine atypischen Gene mit mir sterben, und daher sind die männlichen und weiblichen Sozialmodelle sicher vor einer Person wie mir, die zwischen allen Stühlen steht.

Noch während Ender für sich Valentines Interpretation der Menschheitsgeschichte abschätzte, brachte Pflanzer seine Erwiderung zum Ausdruck, indem er sich auf seinem Stuhl zurücklehnte, eine Geste, die von Verachtung kündete. »Soll ich mich besser fühlen, weil auch die Menschen Werkzeuge eines genetischen Moleküls sind?«

»Nein«, sagte Ender. »Du sollst nur begreifen, daß nicht das gesamte Verhalten der Pequeninos bedeutungslos ist, nur weil ein Großteil dieses Verhaltens als Reaktion auf die Bedürfnisse einiger genetischer Moleküle erklärt werden kann.«

»Die Menschheitsgeschichte kann als Kampf zwischen den Bedürfnissen der Frauen und denen der Männer erklärt werden«, sagte Valentine, »doch ich bin der Meinung, daß es trotzdem Helden und Ungeheuer, große Ereignisse und edle Taten gibt.«

»Wenn ein Bruderbaum sein Holz gibt«, sagte Pflanzer, »sollte es eigentlich bedeuten, daß er sich für den Stamm opfert. Und nicht für einen Virus.«

»Wenn du über den Stamm hinaus zum Virus schauen kannst, dann schau über den Virus hinaus zur Welt«, sagte Ender. »Die Descolada hält diesen Planeten bewohnbar. Also opfert sich der Bruderbaum, um die ganze Welt zu retten.«

»Sehr klug«, sagte Pflanzer. »Doch du vergißt – um den Planeten zu retten, spielt es keine Rolle, welcher Bruderbaum sich opfert, solange es nur eine bestimmte Anzahl tut.«

»Richtig«, sagte Valentine. »Es ist der Descolada gleichgültig, welche Bruderbäume ihr Leben geben. Aber für die Bruderbäume spielt es eine Rolle, oder? Und es spielt eine Rolle für die Brüder wie euch, die sich in diese Häuser kuscheln, um nicht zu erfrieren. Ihr wißt die edle Geste des Bruderbaums, der für euch gestorben ist, zu schätzen, auch wenn die Descolada keinen Bruderbaum vom anderen unterscheiden kann.«

Pflanzer antwortete nicht. Ender hoffte, das als Anzeichen für gewisse Fortschritte sehen zu können.

»Und in den Kriegen«, sagte Valentine, »ist es der Descolada gleichgültig, wer gewinnt oder verliert, solange genug Brüder sterben und genug Bäume aus den Leichen wachsen. Oder? Aber das ändert nichts daran, daß einige Brüder edel und andere feige oder grausam sind.«

»Pflanzer«, sagte Ender, »die Descolada veranlaßt vielleicht all eure Gefühle – daß ihr zum Beispiel viel schneller in eine mörderische Wut fallt –, so daß sich Zwistigkeiten zu Kriegen entwickeln, anstatt unter den Vaterbäumen beigelegt zu werden. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß einige Wälder einfach zur Selbstverteidigung kämpfen und andere einfach blutdürstig sind. Ihr habt noch immer eure Helden.«

»Ich gebe einen Scheißdreck um Helden«, sagte Ela. »Helden neigen dazu, früh zu sterben, wie mein Bruder Quim. Wo ist er jetzt, da wir ihn brauchen? Ich wünschte, er wäre kein Held gewesen.« Sie schluckte und kämpfte gegen die Trauer an.