Doch solch ein Wesen zu sein – wie konnte jemand wie Wang-mu über einen Gott urteilen? Sie konnte ihre Ziele nicht begreifen, auch wenn sie sie ihr verrieten. Wie konnte sie also jemals wissen, daß es gute Ziele waren? Doch alle anderen Möglichkeiten – ihnen zu vertrauen und absolut an sie zu glauben – war das nicht genau das, was Qing-jao tat?
Nein. Wenn sie wirklich Götter waren, würden sie niemals handeln, wie Qing-jao es annahm – andere Menschen versklaven, quälen und erniedrigen.
Außer, wenn Qualen und Erniedrigungen gut für sie waren…
Nein! Sie hätte fast laut aufgeschrien und drückte erneut die Hände vors Gesicht.
Ich kann nur nach dem, was ich verstehe, ein Urteil fällen. Wenn die Götter, an die Qing-jao glaubt, nach dem, was ich verstehen kann, nur böse sind, dann irre ich mich vielleicht, ja, dann verstehe ich vielleicht das große Ziel nicht, das sie erreichen wollen, indem sie die Gottberührten zu hilflosen Sklaven degradierten oder eine ganze Spezies vernichteten. Aber in meinem Herzen habe ich keine andere Wahl, als solche Götter abzulehnen, weil ich nichts Gutes in dem sehen kann, was sie tun. Vielleicht bin ich so dumm und töricht, daß ich immer der Feind der Götter sein und gegen ihre hohen und unverständlichen Ziele arbeiten werde. Aber ich muß mein Leben nach dem leben, was ich verstehe, und ich verstehe, daß es keine solchen Götter gibt, wie die Gottberührten uns weismachen wollen. Wenn sie doch existieren, finden sie Vergnügen an Unterdrückung und Täuschung, Erniedrigung und Unwissenheit. Sie wollen andere Menschen kleiner und sich selbst größer machen. Das wären dann keine Götter, selbst wenn es sie gäbe. Es wären Feinde. Teufel.
Dasselbe gilt für die Wesen, die den Descolada-Virus geschaffen haben. Ja, sie müssen schon sehr mächtig sein, um so ein Werkzeug schaffen zu können. Doch sie müssen auch herzlos, selbstsüchtig und arrogant sein, um zu glauben, sie könnten alles Leben im Universum manipulieren, wie sie es für richtig halten. Auch das können keine Götter sein.
Jane – nun, Jane mochte eine Göttin sein. Ihr stand eine gewaltige Menge an Informationen zur Verfügung, und sie handelte zum Wohl von anderen, selbst wenn es sie das Leben kosten sollte. Und Andrew Wiggin, er mochte auch ein Gott sein, so klug und freundlich, wie er wirkte, und er suchte nicht seinen eigenen Nutzen, sondern das Wohl der Pequeninos. And Valentine, die sich Demosthenes nannte – sie hatte versucht, anderen Menschen zu helfen, die Wahrheit zu finden und auf dieser Grundlage selbst kluge Entscheidungen treffen zu können. Und Meister Han, der immer versuchte, das Richtige zu tun, selbst wenn es ihn seine Tochter kostete. Vielleicht sogar Ela, die Wissenschaftlerin, obwohl sie nicht alles gewußt hatte, was sie hätte wissen sollen – denn es beschämte sie nicht, die Wahrheit von einem Dienstmädchen zu erfahren.
Natürlich waren das nicht die Götter, die im Unendlichen Westen lebten, im Palast der Königlichen Mutter. Noch hielten sie sich selbst für Götter – sie hätten schon allein über diesen Gedanken gelacht. Doch im Vergleich zu ihr waren sie in der Tat Götter. Sie waren um so vieles klüger als Wang-mu, und soweit Wang-mu ihre Ziele verstehen konnte, versuchten sie, anderen Menschen zu helfen, so klug und mächtig wie möglich zu werden. Obwohl sich Wang-mu vielleicht also irren mochte, wußte sie, daß ihre Entscheidung, mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten, die richtige war.
Kapitel 15
Leben und Tod
›Ender kommt, um mit uns zu sprechen.‹
›Zu mir kommt er ständig, um mit mir zu sprechen.‹
›Und wir können direkt in seinen Geist sprechen. Aber er besteht darauf, zu uns zu kommen. Wenn er uns nicht sieht, hat er nicht das Gefühl, mit uns zu sprechen. Es fällt ihm schwerer, zwischen seinen Gedanken und denen, die wir seinem Geist eingeben, zu unterscheiden, wenn wir uns aus der Ferne unterhalten. Deshalb kommt er.‹
›Und dir gefällt das nicht?‹
›Er will, daß wir ihm Antworten geben, und wir kennen keine.‹
›Du weißt alles, was die Menschen wissen. Du bist ins All vorgestoßen, nicht wahr? Du brauchst nicht einmal ihre Verkürzer, um von einer Welt zur anderen zu sprechen.‹
›Diese Menschen sind so hungrig auf Antworten. Sie haben so viele Fragen.‹
›Du weißt, daß auch wir Fragen haben.‹
›Sie wollen ständig wissen, warum, warum, warum. Oder wie. Wollen alles zu einem hübschen kleinen Bündel verschnüren, wie einen Kokon. Wir tun das nur, wenn wir eine Metamorphose zu einer Königin durchleben.‹
›Sie wollen alles verstehen. Aber du weißt, daß das auch bei uns der Fall ist.‹
›Ja, ihr würdet gern glauben, ihr wäret genau wie die Menschen, nicht wahr? Aber du bist nicht wie Ender. Nicht wie die Menschen. Er muß den Grund von allem wissen, muß aus allem eine Geschichte machen, und wir kennen keine Geschichten. Wir kennen Erinnerungen. Wir kennen Dinge, die gerade geschehen. Aber wir wissen nicht, warum sie geschehen, nicht so, wie er es gern hätte.‹
›Natürlich weißt du das.‹
›Uns ist es sogar gleichgültig, warum etwas geschieht, jedenfalls so, wie die Menschen es verstehen. Wir finden soviel heraus, wie wir wissen müssen, um etwas bewerkstelligen zu können, aber sie wollen immer mehr wissen, als sie wissen müssen. Nachdem sie etwas zum Funktionieren gebracht haben, wollen sie immer noch herausfinden, warum es funktioniert, und was der Grund dafür ist, daß es funktioniert.‹
›Sind wir nicht genauso?‹
›Vielleicht werdet ihr so sein, wenn sich die Descolada nicht mehr bei euch einmischt.‹
›Oder wir werden vielleicht wie deine Arbeiter sein.‹
›Wenn es so kommen sollte, wird es euch gleichgültig sein. Ihr werdet alle sehr glücklich sein. Die Intelligenz macht euch unglücklich. Die Arbeiter sind entweder hungrig oder nicht hungrig. Haben Schmerzen oder keine Schmerzen. Sie sind niemals neugierig oder enttäuscht oder erzürnt oder beschämt. Und wenn es um solche Dinge geht, lassen diese Menschen euch und mich wie Arbeiter aussehen.‹
›Ich glaube, du kennst uns einfach nicht gut genug, um einen Vergleich ziehen zu können.‹
›Wir waren in deinem Kopf, und wir waren in Enders Kopf, und wir sind seit tausend Generationen in unseren eigenen Köpfen, und im Vergleich mit diesen Menschen scheinen wir zu schlafen. Selbst wenn sie schlafen, schlafen sie nicht. Erdgeborene Tiere machen das in ihren Gehirnen – eine Art verrücktes Abfeuern von Synapsen, kontrollierter Wahnsinn. Der Teil ihres Gehirns, der Anblicke oder Geräusche speichert, feuert alle zwei oder drei Stunden los, während sie schlafen; selbst wenn alle Anblicke oder Geräusche völliger, zufälliger Unsinn sind, versucht ihr Gehirn trotzdem noch, es zu etwas Sinnvollem zu verarbeiten. Sie versuchen, Geschichten daraus zu machen. Es ist ein völlig zufälliger Unsinn mit keiner möglichen Beziehung zur echten Welt, und doch verwandeln sie es in diese verrückten Geschichten. Und dann vergessen sie sie. Aber wenn sie sich erinnern, versuchen sie, Geschichten aus diesen verrückten Geschichten zu machen und sie in ihr echtes Leben einzufügen.‹
›Wir wissen von ihren Träumen.‹
›Vielleicht werdet ihr ohne die Descolada auch träumen.‹