›Warum sollten wir träumen wollen? Träume sind bedeutungslos. Zufällige Aktivitäten der Neuronensynapsen ihrer Gehirne.‹
›Sie praktizieren es. Sie machen es ständig. Stoßen dabei auf Geschichten. Ziehen Verbindungen. Machen Sinn aus dem Unsinn.‹
›Was für einen Nutzen haben Träume, wenn sie nichts bedeuten?‹
›Das ist es ja gerade. Sie haben einen Hunger, von dem wir nichts wissen. Den Hunger nach Antworten. Den Hunger, Sinn zu finden. Den Hunger nach Geschichten.‹
›Wir haben Geschichten.‹
›Ihr erinnert euch an Taten. Sie erfinden Taten. Sie verändern die Bedeutung ihrer Geschichten. Sie wandeln Dinge um, so daß dieselbe Erinnerung tausend verschiedene Dinge bedeuten kann. Selbst in der Zufälligkeit ihrer Träume finden sie manchmal etwas, das alles erhellt. Kein einziger Mensch hat einen Verstand, der dem deinen auch nur nahe kommt. Oder unserem. Nicht annähernd so mächtig. Und ihr Leben ist so kurz, sie sterben so schnell. Doch in dem Jahrhundert, das sie vielleicht haben, finden sie zehntausend Bedeutungen für jede eine, die wir gefunden haben.‹
›Die meisten davon sind falsch.‹
›Selbst wenn die überwältigende Mehrzahl davon falsch ist, selbst wenn neunundneunzig von hundert dumm und falsch sind, bleiben ihnen von zehntausend Ideen immer noch hundert gute. So gleichen sie aus, daß sie so dumm sind und ein so kurzes Leben und kleines Gedächtnis haben.‹
›Träume und Wahnsinn.‹
›Magie und Mysterien und Philosophie.‹
›Du willst doch nicht behaupten, daß du nie Geschichten ersonnen hast. Was du mir gerade erzählt hast, ist eine Geschichte.‹
›Ich weiß.‹
›Siehst du? Die Menschen können nichts, was du nicht auch kannst.‹
›Verstehst du denn nicht? Selbst diese Geschichte habe ich aus Enders Geist. Es ist seine Geschichte. Und er hat ihren Kern von einem anderen Menschen, aus einem Buch, das er gelesen hat. Er hat es mit Dingen kombiniert, die ihm einfielen, bis alles Sinn für ihn ergab. Es ist alles in seinem Kopf. Wir hingegen sind wie du. Wir haben eine klare Sicht der Welt. Ich habe keine Probleme, meinen Weg durch deinen Geist zu finden. Alles ist ordentlich, vernünftig und klar. Du würdest dich in meinem Geist genauso zu Hause fühlen. In deinem Kopf ist die Wirklichkeit, so gut du sie verstehst. Doch in Enders Geist ist Wahnsinn. Tausende miteinander im Wettstreit liegender, gegensätzlicher, unmöglicher Visionen, die überhaupt keinen Sinn ergeben, weil sie nicht alle zusammenpassen können. Doch irgendwie passen sie zusammen; er sorgt dafür, daß sie zusammenpassen, heute so, morgen so, wie es gerade nötig ist. Als ob er für jedes neue Problem, dem er gerade gegenübersteht, eine neue Ideen-Maschinerie in seinem Kopf erzeugen könnte. Als ob er ein neues Universum entwirft, in dem er leben kann, jede Stunde ein neues, oftmals hoffnungslos falsches. Und er macht Fehler und trifft Fehlurteile, doch irgendwann findet er ein so perfekt richtiges, daß es die Dinge öffnet wie ein Wunder, und dann schaue ich durch seine Augen und sehe die Welt auf seine neue Art und Weise, und das verändert alles. Wahnsinn und dann Erleuchtung. Wir wissen alles, was es zu wissen gab, bevor wir auf diese Menschen stießen, bevor wir unsere Verbindung mit Enders Verstand errichteten. Jetzt stellen wir fest, daß es so viele Möglichkeiten gibt, ein und dieselbe Sache zu wissen, daß wir nie wieder alle Möglichkeiten finden können.‹
›Außer, die Menschen bringen es euch bei.‹
›Siehst du? Auch wir sind Aasfresser.‹
›Du bist ein Aasfresser. Wir sind Bittsteller.‹
›Wenn sie nur ihrer geistigen Fähigkeiten würdig wären.‹
›Sind sie es nicht?‹
›Vergiß nicht, sie haben vor, dich in die Luft zu jagen. Es gibt so viele Möglichkeiten in ihren Köpfen, doch letztendlich sind sie dumm, halb blind und halb verrückt. Es gibt immer noch die neunundneunzig Prozent ihrer Geschichten, die schrecklich falsch sind und sie zu schrecklichen Fehlern führen. Manchmal wünschen wir, wir könnten sie zähmen, wie die Arbeiter. Du weißt ja, bei Ender haben wir es versucht. Aber es gelang uns nicht. Wir konnten keinen Arbeiter aus ihm machen.‹
›Warum nicht?‹
›Zu dumm? Konnte uns nicht lange genug seine Aufmerksamkeit widmen. Dem menschlichen Verstand mangelt es an Konzentrationsfähigkeit. Sie langweilen sich und lassen ihre Gedanken schweigen. Wir mußten eine Brücke von ihm zu uns bauen und haben dazu den Computer benutzt, mit dem er am engsten verbunden war. Ja, Computer können sich konzentrieren. Und ihre Speicher, ihre Erinnerungen, sind sauber und ordentlich. Alles ist organisiert und läßt sich finden.‹
›Aber sie träumen nicht.‹
›Kein Wahnsinn. Zu schade.‹
Valentine erschien ungebeten an Olhados Tür. Es war früher Morgen. Er würde erst am Nachmittag zur Arbeit gehen – er war Schichtleiter und Geschäftsführer in der kleinen Ziegelei. Aber er war schon wach und auf, wahrscheinlich weil seine Familie auch schon aufgestanden war. Die Kinder kamen eins nach dem anderen zur Tür hinaus. Ich habe das damals, in den uralten Zeiten, im Fernsehen gesehen, dachte Valentine. Die Familie verläßt morgens das Haus, Vater mit seiner Aktentasche ist der letzte. Auf ihre eigene Art führten meine Eltern solch ein Leben. Sie kümmerten sich nicht darum, wie überaus seltsam ihre Kinder waren. Sie kümmerten sich nicht darum, daß Peter und ich, nachdem wir morgens zur Schule gegangen waren, die Netzwerke durchstöberten und versuchten, mit Hilfe von Pseudonymen die Welt zu übernehmen. Ihnen war es gleichgültig, daß Ender als kleiner Junge von seiner Familie fortgerissen wurde und keinen von ihnen je wiedergesehen hat, auch auf seinem einzigen Besuch auf der Erde nicht – abgesehen von mir. Ich glaube, meine Eltern stellten sich vor, richtig zu handeln, weil sie ein Ritual vollzogen, das sie im Fernsehen gesehen hatten.
Und hier haben wir es wieder. Die Kinder stürmen durch die Tür. Dieser Junge da muß Nimbo sein, der bei der Konfrontation mit dem Mob bei Grego war. Aber jetzt ist er wieder ein ganz typisches Kind – niemand würde vermuten, daß er an jenem schrecklichen Abend eine wichtige Rolle gespielt hat.
Mutter gab jedem Kind einen Kuß. Sie war noch immer eine schöne junge Frau, selbst mit so vielen Kindern. So gewöhnlich und doch eine bemerkenswerte Frau, denn sie hatte ja Vater geheiratet. Sie hatte an seiner Mißbildung vorbeigeschaut.
Und Vater, der noch nicht zur Arbeit gegangen war. Deshalb konnte er dort stehen, sie beobachten, ihnen einen Klaps geben, sie küssen, ein paar Worte sagen. Gut gelaunt, klug, liebevoll – ganz der Vater. Was stimmt also nicht mit diesem Bild? Der Vater ist Olhado. Er hat keine Augen. Nur die silbernen Metallkreise mit den beiden Linsenöffnungen in dem einen Auge, und der Computer-Input/Output-Stecker im anderen. Die Kinder schienen nicht darauf zu achten. Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt.
»Valentine«, sagte er, als er sie sah.
»Wir müssen reden«, sagte sie.
Er bat sie hinein und stellte sie seiner Frau Jaqueline vor. Die Haut so schwarz, daß sie fast blau war, lachende Augen, ein schönes, breites Lächeln, in das man eintauchen wollte, so freundlich war es. Sie brachte eiskalte Limonade auf und zog sich dann diskret zurück. »Sie können bleiben«, sagte Valentine. »So privat ist es nun auch wieder nicht.« Doch sie wollte nicht bleiben. Sie mußte arbeiten, sagte sie. Und war verschwunden.
»Ich wollte Sie schon seit langem kennenlernen«, sagte Olhado.
»Sie wußten doch, wo ich war«, erwiderte sie.
»Sie hatten zu tun.«
»Hatte ich nicht«, sagte Valentine.
»Sie müssen sich um Andrews Belange kümmern.«
»Dann lernen wir uns eben jetzt kennen. Ich war neugierig auf Sie, Olhado. Oder ziehen Sie Ihren Taufnamen Lauro vor?«