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Valentine unternahm keine Anstrengungen, ihre Tränen zurückzuhalten. »Also hat Ender doch Kinder«, sagte sie.

»Ich habe von ihm gelernt, wie man ein Vater ist, und ich bin ein verdammt guter.«

Valentine beugte sich vor. Es war an der Zeit, zur Sache zu kommen. »Das bedeutet, daß Sie mehr als alle anderen in Gefahr sind, etwas wahrhaft Schönes und Gutes zu verlieren, wenn wir mit unseren Unternehmungen keinen Erfolg haben.«

»Ich weiß«, sagte Olhado. »Meine Wahl war auf lange Sicht selbstsüchtig. Ich bin glücklich, aber ich kann nichts tun, um zur Rettung Lusitanias beizutragen.«

»Falsch«, sagte Valentine. »Sie können etwas tun, wissen es aber nicht.«

»Was kann ich tun?«

»Unterhalten wir uns noch eine Weile und stellen wir fest, ob wir es herausfinden können. Und wenn Sie einverstanden sind, Laura, sollte Ihre Jaqueline jetzt damit aufhören, uns aus der Küche zu belauschen, und sich zu uns gesellen.«

Jaqueline kam beschämt herein und setzte sich neben ihren Mann. Valentine gefiel es, wie sie Händchen hielten. Nach so vielen Kindern – es erinnerte sie daran, wie sie mit Jakt Händchen hielt und wie glücklich es sie machte.

»Lauro«, sagte sie. »Andrew hat mir erzählt, als Sie jünger waren, waren Sie das klügste der Ribeira-Kinder. Daß Sie sich mit ihm über die wildesten philosophischen Spekulationen unterhalten haben. Und jetzt, Lauro, mein Adoptivneffe, brauchen wir wilde Philosophien. Hat Ihr Gehirn aufgehört zu arbeiten, seit Sie ein Kind waren? Oder haben Sie noch tiefgründige Gedanken?«

»Ich habe meine Gedanken«, sagte Olhado, »aber ich glaube nicht mehr daran.«

»Wir arbeiten am Überlichtflug, Lauro. Wir arbeiten daran, die Seele einer Computerwesenheit zu finden. Wir versuchen, einen künstlichen Virus umzubauen, in den man die Fähigkeit der Selbstverteidigung eingebaut hat. Wir arbeiten an Magie und Wundern: Also wäre ich dankbar für alle Einblicke, die Sie mir über die Natur des Lebens und der Wirklichkeit geben können.«

»Ich weiß nicht einmal, über welche Ideen Andrew gesprochen hat«, erwiderte Olhado. »Ich habe nicht Physik studiert, ich…«

»Wollte ich studieren, würde ich Bücher lesen. Also will ich Ihnen sagen, was wir einem sehr klugen chinesischen Dienstmädchen auf der Welt Weg gesagt haben. Lassen Sie mich Ihre Gedanken wissen, und ich werde selbst entscheiden, welche nützlich sind und welche nicht.«

»Wie? Sie sind auch keine Physikerin.«

Valentine ging zu dem Computer, der stumm in der Ecke wartete. »Darf ich ihn einschalten?«

»Pois nao«, sagte er. Natürlich.

»Sobald ich ihn eingeschaltet habe, wird Jane bei uns sein.«

»Enders persönliches Programm.«

»Die Computerwesenheit, deren Seele wir zu finden versuchen.«

»Ah«, sagte er. »Vielleicht sollten Sie mir etwas erklären.«

»Ich weiß schon, was ich weiß. Also fangen wir an. Sprechen wir über die Ideen, die Sie als Kind hatten, und was aus ihnen geworden ist.«

Von dem Augenblick an, da Miro das Zimmer betrat, war Quara abweisend. »Gib dir keine Mühe«, sagte sie.

»Womit?«

»Mich an meine Pflicht der Menschheit oder der Familie gegenüber zu erinnern – bei denen es sich übrigens um zwei verschiedene, sich nicht überlappende Gruppen handelt.«

»Bin ich deshalb gekommen?« fragte Miro.

»Ela hat dich geschickt, um mich zu überreden, ihr zu verraten, wie man die Descolada kastrieren kann.«

Miro versuchte es mit Humor. »Ich bin kein Biologe. Ist das überhaupt möglich?«

»Stell dich nicht dumm«, sagte Quara. »Wenn du ihnen die Fähigkeit nimmst, Informationen von einem Virus zum anderen weiterzuleiten, ist es so, als würdest du ihnen die Zungen abschneiden und ihnen ihr Gedächtnis nehmen und alles, was sie intelligent macht. Wenn sie wissen will, was ich darüber weiß, kann sie studieren, was ich studiert habe. Ich habe nur fünf Jahre Arbeit gebraucht, um soweit zu kommen.«

»Eine Flotte ist im Anmarsch.«

»Also bist du ein Unterhändler.«

»Und die Descolada könnte vielleicht herausbekommen, wie…«

Sie unterbrach ihn und beendete den Satz. »… sie all unsere Strategien umgehen kann, sie zu bändigen. Ich weiß.«

Miro war verärgert, doch er war es gewöhnt, mit Leuten umzugehen, die ungeduldig mit seiner langsamen Sprache wurden und ihn unterbrachen. Und zumindest hatte sie ganz richtig vermutet, worauf er hinauswollte. »Jeden Tag«, sagte er. »Ela spürt den Zeitdruck.«

»Dann sollte sie mir helfen zu lernen, mit dem Virus zu sprechen. Ihn zu überreden, uns in Ruhe zu lassen. Einen Vertrag schließen, wie Andrew es mit den Pequeninos getan hat. Statt dessen hat sie mich aus dem Labor verbannt. Aber dieses Spiel können auch zwei spielen. Sie schneidet mich von allen Informationen ab, und ich schneide sie ab.«

»Du hast Geheimnisse an die Pequeninos verraten.«

»O ja, Mutter und Ela, die Hüterinnen der Wahrheit! Sie entscheiden, wer was wissen darf. Nun, Miro, jetzt will ich dir ein Geheimnis verraten. Du kannst die Wahrheit nicht schützen, indem du verhinderst, daß andere sie erfahren.«

»Das weiß ich«, sagte Miro.

»Wegen ihrer verdammten Geheimnisse hat Mutter unsere ganze Familie zerstört. Sie wollte nicht einmal Libo heiraten, weil sie entschlossen war, ein dummes Geheimnis zu bewahren, das ihm vielleicht das Leben gerettet hätte, wenn er es gekannt hätte.«

»Ich weiß«, sagte Miro.

Diesmal sprach er mit solchen Nachdruck, daß Quara zurückprallte. »Na schön, ich glaube, dieses Geheimnis war dir wichtiger als mir. Aber bei dieser Sache solltest du auf meiner Seite stehen, Miro. Dein Leben wäre wesentlich besser, unser aller Leben wäre wesentlich besser, wenn Mutter Libo geheiratet und ihm all ihre Geheimnisse verraten hätte. Dann würde er wahrscheinlich noch leben.«

Eine sehr saubere Lösung. Hübsche kleine Was-wäre-wenns. Und so falsch wie irgend etwas. Hätte Libo Novinha geheiratet, hätte er Bruxinha, Quandas Mutter, nicht geheiratet, und dann hätte sich Miro niemals ahnungslos in seine eigene Halbschwester verlieben können, weil es sie gar nicht gegeben hätte. Doch es war viel zu kompliziert, ihr das mit seiner schleppenden Aussprache begreiflich zu machen, und so beschränkte er sich nur darauf, »Quanda wäre nicht geboren worden!« zu sagen und zu hoffen, daß sie die richtigen Schlußfolgerungen ziehen würde.

Sie überlegte einen Augenblick lang, und dann zog sie die Schlußfolgerung. »Da hast du recht«, sagte sie. »Es tut mit leid. Ich war damals nur ein Kind.«

»Das ist alles Vergangenheit«, sagte Miro.

»Nichts ist Vergangenheit«, sagte Quara. »Wir spielen es noch immer durch, immer und immer wieder. Immer wieder dieselben Fehler. Mutter glaubt noch immer, daß man Menschen vor Schaden bewahren kann, indem man ihnen Geheimnisse vorenthält.«

»Und du glaubst es auch«, sagte Miro.

Quara dachte kurz darüber nach. »Ela hat versucht, den Pequeninos zu verheimlichen, daß sie daran arbeitet, die Descolada zu vernichten. Dieses Geheimnis hätte die gesamte Pequenino-Gesellschaft zerstören können, und sie wurden nicht einmal um Rat gefragt. Sie hat verhindert, daß die Pequeninos sich selbst schützen konnten. Doch ich bewahre ein Geheimnis, das vielleicht eine Möglichkeit darstellt, die Descolada intellektuell zu kastrieren, ihr die Hälfte ihres Lebens zu nehmen.«

»Um die Menschheit zu retten, ohne die Pequeninos zu vernichten.«

»Menschen und Pequeninos, die drauf und dran sind, einen Kompromiß zu schließen, wie sie eine hilflose dritte Spezies ausmerzen können!«

»Nicht gerade hilflos.«

Sie ignorierte ihn. »Genauso, wie Spanien und Portugal in den alten Zeiten direkt nach Kolumbus den Papst dazu brachten, die Welt zwischen Ihren katholischen Majestäten aufzuteilen. Eine Linie auf der Landkarte, und da ist Brasilien, in dem Portugiesisch und kein Spanisch gesprochen wird. Was interessiert es schon, daß neun von zehn Indianern sterben mußten und die anderen jahrhundertlang ihre Rechte und Macht verloren, sogar ihre Sprachen…«