Nun war es an Miro, ungeduldig zu werden. »Die Descolada ist nicht die Indianer.«
»Sie ist eine vernunftbegabte Spezies.«
»Das ist sie nicht«, sagte Miro.
»Ach? Wie kannst du dir da so sicher sein? Ich dachte, du hättest Xenologie studiert. Allerdings vor dreißig Jahren, so daß dein Wissensstand hinterherhinkt.«
Miro antwortete nicht. Er wußte genau, daß sie genau wußte, wie hart er nach seiner Rückkehr gearbeitet hatte, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Es war ein dummer Versuch gewesen, ihre Autorität auszuspielen. Er wartete darauf, daß sie sich wieder zu einer vernünftigen Diskussion bereit zeigte.
»Na schön«, sagte sie. »Das war ein Tiefschlag. Aber es ist auch nicht fair, dich zu schicken, um Zugang zu meinen Unterlagen zu bekommen. Sie versuchen, an mein Mitleid zu appellieren.«
»Mitleid?« fragte Miro.
»Weil du ein… ein…«
»Krüppel bist«, sagte Miro. Er hatte nicht daran gedacht, daß Mitleid alles komplizieren konnte. Aber was konnte er daran ändern? Was immer er tat, er war und blieb ein Krüppel.
»Nun ja…«
»Ela hat mich nicht geschickt«, sagte Miro.
»Dann Mutter.«
»Mutter auch nicht.«
»Oh, hast du dich freiwillig hierher begeben? Oder willst du mir sagen, daß die ganze Menschheit dich geschickt hat? Oder bist du der Gesandte eines abstrakten Wertes? ›Der Anstand hat mich geschickt.‹«
»Wenn dem so wäre, hätte er mich zur falschen Person geschickt.«
Sie prallte zurück, als habe er ihr eine Ohrfeige gegeben. »Ach, bin ich etwa die Unanständige?«
»Andrew hat mich geschickt«, sagte Miro.
»Noch ein Manipulator.«
»Er wäre selbst gekommen.«
»Aber er ist so beschäftigt, weil er sich überall einmischen muß. Nossa Senhora, er ist ein Prediger, der sich in wissenschaftliche Dinge einmischt, die so hoch über ihm stehen…«
»Halt die Klappe«, sagte Miro.
Er sprach so nachdrücklich, daß sie tatsächlich verstummte – wenngleich sie nicht glücklich darüber war.
»Du weißt genau, was Andrew ist. Er hat die Schwarmkönigin geschrieben…«
»… und den Hegemon und Menschs Leben.«
»Sag mir nicht, er habe keine Ahnung.«
»Nein. Ich weiß, daß das nicht stimmt«, sagte Quara. »Ich bin nur so wütend. Ich habe den Eindruck, daß alle gegen mich sind.«
»Gegen das, was du tust, ja«, sagte Miro.
»Warum sieht niemand die Dinge so, wie ich sie sehe?«
»Ich sehe sie so.«
»Wie kannst du dann…«
»Aber ich sehe sie auch so, wie sie sie sehen.«
»Ach ja. Der Unparteiische. Du tust so, als würdest du mich verstehen. Die einfühlsame Tour.«
»Pflanzer stirbt, damit wir Informationen bekommen, die du wahrscheinlich schon hast.«
»Stimmt nicht. Ich weiß nicht, ob die Intelligenz der Pequeninos vom Virus stammt oder nicht.«
»Einen gestutzten Virus könnten wir untersuchen, ohne daß er sterben muß.«
»Gestutzt – ist das jetzt das neue Wort? Es klingt besser als kastriert. Alle Gliedmaßen abschneiden. Und auch den Kopf. Nur der Körper bleibt noch übrig. Machtlos. Geistlos. Ein sinnlos schlagendes Herz.«
»Pflanzer ist…«
»Pflanzer ist in die Vorstellung verliebt, ein Märtyrer zu sein. Er will sterben.«
»Pflanzer bittet dich, ihn aufzusuchen und mit ihm zu sprechen.«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Komm schon, Miro. Sie haben einen Krüppel zu mir geschickt. Sie wollen, daß ich mit einem sterbenden Pequenino spreche. Als würde ich eine ganze Spezies verraten, weil ein sterbender Freund – überdies ein Freiwilliger – mich mit dem letzten Atemzug darum bittet.«
»Quara.«
»Ja, ich höre dir zu.«
»Wirklich?«
»Disse que sim!« schnappte sie. Ich habe es doch gesagt.
»Du könntest vielleicht recht haben.«
»Wie freundlich von dir.«
»Aber sie vielleicht auch.«
»Wie unparteiisch du wieder bist.«
»Du sagst, sie hätten einen Fehler begangen, indem sie eine Entscheidung trafen, die die Pequeninos töten könnte, ohne sich mit ihnen zu beratschlagen. Machst du…«
»… nicht dasselbe? Was sollte ich deiner Meinung nach denn tun? Meinen Standpunkt veröffentlichen und eine Umfrage durchführen? Ein paar tausend Menschen, Millionen von Pequeninos auf deiner Seite – aber es gibt Billiarden Descolada-Viren. Mehrheitsbeschluß. Fall abgeschlossen.«
»Die Descolada ist nicht vernunftbegabt.«
»Zu deiner Information«, sagte Quara. »Ich weiß alles über diesen neuesten Schachzug. Ela hat mir die Abschriften geschickt. Irgendein chinesisches Mädchen auf einem Kolonialplaneten, das von Xenobiologie nicht die geringste Ahnung hat, kommt mit einer wilden Hypothese hervor, und ihr benehmt euch so, als sei alles schon bewiesen.«
»Dann beweise das Gegenteil.«
»Das kann ich nicht. Ich habe keinen Zutritt zum Labor mehr. Ihr müßt beweisen, daß es stimmt.«
»Occams Skalpell beweist, daß es stimmt. Die einfachste Erklärung, die zu allen Tatsachen paßt.«
»Occam war ein Scheißer aus dem Mittelalter. Die einfachste Erklärung, die zu allen Tatsachen paßt, lautet immer: Gott hat es getan. Oder auch – die alte Frau am Ende der Straße ist eine Hexe. Sie hat es getan. Mehr ist diese Hypothese auch nicht – nur, daß ihr noch nicht einmal wißt, wo die Hexe ist.«
»Die Descolada trat zu plötzlich auf.«
»Ich weiß, sie hat sich nicht entwickelt. Sie ist nicht aus der Evolution hervorgegangen, muß von irgendwo her kommen. Na schön. Selbst wenn sie künstlich ist, heißt das nicht, daß sie jetzt nicht vernunftbegabt ist.«
»Sie versucht, uns zu töten. Sie ist varelse, nicht ramännisch.«
»Ach ja, Valentines Hierarchie. Aber woher soll ich wissen, daß die Descolada die Varelse ist und wir die Ramänner sind? Soweit ich es sagen kann, ist Intelligenz einfach nur Intelligenz. Varelse ist nur ein Begriff, den Valentine erfunden hat. Er soll bedeuten: Intelligenz, die wir töten wollen. Und Ramann heißt: Intelligenz, bei der wir uns noch nicht entschlossen haben, sie zu töten.«
»Die Descolada ist gefühlloser Feind, der keiner Vernunft zugänglich ist.«
»Gibt es einen anderen?«
»Die Descolada hat keinen Respekt für irgendwelches Leben. Sie will uns töten. Sie beherrscht bereits die Pequeninos. Alles nur, damit sie diesen Planeten regulieren und sich auf andere Welten ausbreiten kann.«
Endlich einmal hatte sie ihn eine lange Erklärung beenden lassen. Bedeutete das, daß sie ihm tatsächlich zuhörte?
»Ich gestehe ein, daß ein Teil von Wang-mus Hypothese richtig ist«, sagte Quara. »Es ergibt Sinn, daß die Descolada die Gaialogie Lusitanias reguliert. Nun, wo ich darüber nachdenke, ist es sogar offensichtlich. Es erklärt die meisten Gespräche, die ich beobachtet habe – die Informationsweitergabe von einem Virus zum anderen. Es dürfte wohl nur ein paar Monate dauern, bis jeder Virus auf dem Planeten die Nachricht bekommen hat – es würde funktionieren. Aber daß die Descolada die Gaialogie beherrscht, heißt noch lange nicht, daß sie nicht vernunftbegabt ist. Es könnte sogar genau andersherum sein – indem die Descolada die Verantwortung zur Regulierung der Gaialogie einer ganzen Welt auf sich nimmt, zeigt sie Selbstlosigkeit. Und sie hat eine Beschützerrolle inne. Wenn wir sehen, wie eine Löwin einen Eindringling angreift, um ihre Jungen zu schützen, bewundern wir sie. Und genau das macht auch die Descolada – sie greift die Menschen an, um ihrer Verantwortung nachzukommen. Ein lebender Planet.«