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»Eine Löwin, die ihre Jungen schützt.«

»Davon gehe ich aus.«

»Oder ein tollwütiger Hund, der unsere Kinder anfällt.«

Quara schwieg, dachte einen Augenblick lang nach. »Oder beides. Warum kann nicht beides möglich sein? Die Descolada versucht, einen Planeten zu regulieren. Aber die Menschen werden immer gefährlicher. Für sie sind wir der tollwütige Hund. Wir entwurzeln die Pflanzen, die Teil ihres Kontrollprogramms sind, und pflanzen unsere eigenen, auf die sie keinen Einfluß nehmen kann. Wir bringen einige Pequeninos dazu, sich seltsam zu benehmen und ihr nicht mehr zu gehorchen. Zu einer Zeit, da sie versucht, mehr Wälder aufzubauen, brennen wir einen nieder. Natürlich will sie uns loswerden!«

»Also hat sie vor, uns zu vernichten.«

»Wir können ihr den Versuch nicht übelnehmen! Wann wirst du einsehen, daß die Descolada gewisse Rechte hat?«

»Und wir haben keine? Und die Pequeninos?«

Erneut hielt sie inne. Kein sofortiges Gegenargument. Es gab ihm die Hoffnung, daß sie ihm tatsächlich zuhörte.

»Weißt du was, Miro?«

»Was?«

»Sie haben recht daran getan, dich zu schicken.«

»Ach ja?«

»Weil du keiner von ihnen bist.«

Das stimmt allerdings, dachte Miro. Ich werde nie wieder ›einer von‹ irgend etwas sein.

»Vielleicht können wir nicht mit der Descolada sprechen. Und vielleicht ist sie wirklich nur ein Artefakt. Ein biologischer Roboter, der sein Programm ausführt. Aber vielleicht auch nicht. Und sie verhindern, daß ich es herausfinde.«

»Und wenn sie dir wieder Zutritt zum Labor gestatten?«

»Das werden sie nicht«, sagte Quara. »Wenn du das glaubst, kennst du Ela und Mutter nicht. Sie sind zum Schluß gekommen, daß sie mir nicht vertrauen können, und damit ist die Sache erledigt. Nun ja, andererseits bin ich auch zum Schluß gekommen, ihnen nicht vertrauen zu können.«

»Also stirbt eine ganze Spezies wegen dieses dummen Familienstolzes.«

»Meinst du, das wäre alles, Miro? Stolz? Meinst du, ich würde nur wegen einer lächerlichen Familienzwistigkeit durchhalten?«

»Unsere Familie hat sehr viel Stolz.«

»Gleichgültig, was du glaubst, ich halte durch, weil mein Gewissen es mir vorschreibt, ganz egal, ob du es Stolz oder Sturheit oder sonstwie nennst.«

»Ich glaube dir«, sagte Miro.

»Aber glaube ich dir, wenn du sagst, daß du mir glaubst? Wir stecken in einer furchtbaren Klemme.« Sie wandte sich wieder ihrem Terminal zu. »Geh jetzt, Miro. Ich habe dir gesagt, daß ich darüber nachdenken werde.«

»Sprich mit Pflanzer.«

»Auch darüber werde ich nachdenken.« Ihre Finger schwebten über der Tastatur. »Du weißt, daß er mein Freund ist. Ich bin nicht unmenschlich. Ich werde ihn aufsuchen. Du kannst dich darauf verlassen.«

»Gut.« Er ging zur Tür.

»Miro«, sagte sie.

Er drehte sich um und wartete.

»Danke dafür, daß du mir nicht angedroht hast, euer Computerprogramm würde meine Speicher öffnen, wenn ich es nicht selbst tue.«

»Das war doch klar«, sagte er.

»Weißt du, Andrew hätte damit gedroht. Alle halten ihn für einen Heiligen, aber er bedrängt ständig Leute, die nicht nach seiner Pfeife tanzen wollen.«

»Er droht nicht.«

»Ich habe es schon selbst gesehen.«

»Er warnt.«

»Oh. Entschuldigung. Ist das etwas anderes?«

»Ja«, sagte Miro.

»Der einzige Unterschied zwischen einer Warnung und einer Drohung ist, ob man die Person ist, die sie gibt, oder die, die sie bekommt«, sagte Quara.

»Nein«, sagte Quara. »Der Unterschied besteht darin, wie die Person es meint.«

»Geh«, sagte sie. »Während ich darüber nachdenke, muß ich arbeiten. Also geh.«

Er öffnete die Tür.

»Trotzdem vielen Dank«, sagte sie.

Er schloß die Tür hinter sich.

Er hatte Quaras Wohnung kaum verlassen, als sich Jane auch schon in seinem Ohr meldete. »Wie ich sehe, hast du ihr nicht gesagt, daß ich schon längst in ihre Speicher eingebrochen bin.«

»Nun ja«, sagte Miro. »Ich kam mir wie ein scheinheiliger Heuchler vor, als sie mir dankte, ihr nicht etwas anzudrohen, was ich schon längst getan hatte.«

»Was ich getan habe.«

»Was wir getan haben. Du und ich und Ender. Eine verstohlene Gruppe.«

»Wird sie wirklich darüber nachdenken?«

»Vielleicht«, sagte Miro. »Oder sie hat schon darüber nachgedacht, ist zum Schluß gelangt, mit uns zusammenarbeiten zu wollen, und hat nur noch nach einer Entschuldigung gesucht. Oder sie hat den Schluß gefaßt, niemals mit uns zusammenarbeiten, und hat diese netten Worte beim Abschied nur gesagt, weil ich ihr leid tue.«

»Was wird sie deiner Meinung nach tun?«

»Ich weiß nicht, was sie tun wird«, sagte Miro. »Ich weiß nur, was ich tun werde. Ich werde mich jedesmal schämen, wenn ich daran denke, daß ich sie glauben machte, ich würde ihre Privatsphäre respektieren, wo wir doch schon ihre Computerspeicher ausgeplündert haben. Manchmal halte ich mich nicht für einen sehr guten Menschen.«

»Wie dir sicher aufgefallen ist, hat sie dir nicht gesagt, daß sie alle wichtigen Ergebnisse außerhalb des Computers versteckt hat, so daß die einzigen Speicher, die ich erreichen kann, nur wertlosen Schrott enthalten. Sie war auch nicht gerade offen zu dir.«

»Ja, aber sie ist eine Fanatikerin ohne Gefühl für Verhältnismäßigkeit.«

»Das erklärt alles.«

»Einige Wesenszüge treten eben bei allen Familienmitgliedern auf«, sagte Miro.

Diesmal war die Schwarmkönigin allein. Sie wirkte erschöpft – von der Paarung? Der Produktion der Eier? Doch anscheinend verbrachte sie ihre gesamte Zeit damit. Sie schien keine Wahl zu haben. Nun, da Arbeiter die Grenzen der menschlichen Kolonie bewachen mußten, schien sie mehr produzieren zu müssen, als sie geplant hatte. Ihre Nachkommen bedurften keiner Ausbildung – sie traten schnell ins Erwachsenenalter und hatten alle Kenntnisse, die auch alle anderen Erwachsenen hatten. Doch das Eierlegen, Ausschlüpfen und Einspinnen in Kokons beanspruchte Zeit. Wochen für jeden Erwachsenen. Verglichen mit einem Menschen produzierte sie eine schier unerschöpfliche Anzahl von Jungen. Doch verglichen mit der Stadt Milagre, in der es über tausend Frauen im gebärfähigen Alter gab, verfügte die Krabblerkolonie nur über eine gebärfähige Frau.

Es hatte Ender immer gestört, ihn unbehaglich gemacht, daß es nur eine Königin gab. Was, wenn ihr etwas zustieß? Andererseits jedoch fühlte sich die Schwarmkönigin bei dem Gedanken unbehaglich, daß Menschen kaum eine Handvoll Kinder bekamen. Aber wenn ihnen etwas zustieß? Beide Spezies praktizierten eine Kombination aus Pflege und Überfluß, um ihre genetische Herkunft zu schützen. Die Menschen hatten einen Überfluß an Eltern und pflegten dann den wenigen Nachwuchs. Die Schwarmkönigin hatte einen Überfluß an Nachwuchs, der dann die Eltern pflegte. Jede Spezies hatte ihre eigene, ausgeglichene Strategie gefunden.

›Warum belästigst du uns damit?‹

»Weil wir in einer Sackgasse stecken. Weil alle anderen es auch versuchen und für dich genausoviel auf dem Spiel steht wie für uns.«

›Ja?‹

»Die Descolada bedroht dich genau wie uns. Eines Tages wirst du sie wahrscheinlich nicht mehr kontrollieren können, und dann bist du verloren.«