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›Aber du willst mir keine Fragen über die Descolada stellen?‹

»Nein.« Es ging um das Problem der überlichtschnellen Reise. Grego hatte sich das Gehirn zermartert. Im Gefängnis konnte er sowieso an nichts anderes denken. Als Ender das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte, hatte er geweint – vor Erschöpfung wie auch vor Enttäuschung. Er hatte Papierbahnen auf dem gesamten Boden des Sicherheitsraums, der als Gefängniszelle benutzt wurde, ausgebreitet und mit Gleichungen vollgeschrieben. »Möchtest du den Überlichtflug nicht haben?«

›Es wäre sehr nett.‹

Die Zurückhaltung ihrer Antwort tat fast weh, so sehr enttäuschte sie ihn. So sieht also Verzweiflung aus, dachte er. Quara mauert, wenn es um die Natur der Descolada-Intelligenz geht. Pflanzer stirbt am Descolada-Entzug. Han Fei-tzu und Wang-mu bemühen sich, Jahre des höheren Studiums mehrerer Fachgebiete auf einmal nachzuholen. Grego ist ausgebrannt. Und es liegen keine Ergebnisse vor.

Sie mußte seinen Schmerz so deutlich gehört haben, als hätte er ihn hinausgeschrien.

›Nicht.‹

›Nicht.‹

»Du hast es getan«, sagte er. »Es muß also möglich sein.«

›Wir sind nie schneller als das Licht gereist.‹

»Du hast etwas über Lichtjahre hinweg getan. Du hast mich gefunden.«

›Du hast uns gefunden, Ender.‹

»Nein«, sagte er. »Ich wußte nicht einmal, daß wir geistigen Kontakt miteinander hatten, bis ich die Nachricht fand, die du für mich hinterlassen hast.« Es war der befremdlichste Augenblick in seinem Leben gewesen, als er auf einer fremden Welt gestanden und ein Modell, eine Replikation der Landschaft gesehen hatte, die es nur an einem einzigen anderen Ort gab – in dem Computer, auf dem er seine persönliche Version des Fantasyspiels gespielt hatte. Es war, als käme ein völlig Fremder auf einen zu und erzählte einem den Traum, den man letzte Nacht gehabt hatte. Sie waren in seinem Kopf gewesen. Es machte ihm Angst, erregte ihn aber auch. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er den Eindruck, gekannt zu werden. Nicht, daß man von ihm wußte – er war bei der gesamten Menschheit bekannt, und in jenen Tagen war sein Ruhm groß gewesen, er galt als größter Held aller Zeiten. Andere Menschen hatten von ihm gehört. Doch bei diesem Krabbler-Artefakt fand er zum ersten Mal heraus, daß man ihn kannte.

›Denke nach, Ender. Ja, wir haben nach unserem Feind gegriffen, doch wir suchten nicht nach dir. Wir suchten nach jemandem, der so war wie wir. Nach einem Netzwerk verbundener Geistesinhalte, mit einem Zentralverstand, der es kontrolliert. Wir finden uns einander, ohne uns anstrengen zu müssen, weil wir das Muster erkennen. Eine Schwester zu finden ist genauso, als würde man sich selbst finden.‹

»Wie hast du mich dann gefunden?«

›Über das Wie dachten wir nie nach. Wir haben es einfach getan. Fanden eine helle, heiße Quelle. Ein Netzwerk, aber ein sehr seltsames, mit sich verändernden Mitgliedern. Und im Mittelpunkt davon nicht etwas wie uns, sondern einfach ein weiterer… Gewöhnlicher. Dich. Aber mit solch einer Intensität. Innerlich auf dein Computerspiel konzentriert. Und äußerlich in erster Linie auf uns. Du hast nach uns gesucht.‹

»Ich habe nicht nach dir gesucht, ich habe dich studiert.« Er hatte sich jedes Video angesehen, das die Kampfschule zur Verfügung stellen konnte, hatte zu verstehen versucht, wie der Verstand der Krabbler funktioniert. »Ich habe mir dich vorgestellt.«

›Das sagen wir ja. Nach uns gesucht. Uns vorgestellt. So suchen wir einander. So hast du uns gerufen.‹

»Und das war alles?«

›Nein, nein. Du warst so seltsam. Wir wußten nicht, was du warst. Wir konnten nichts in dir lesen. Unsere Sicht war so begrenzt. Deine Vorstellungen wechselten so rapide, und du dachtest immer nur an eine Sache gleichzeitig. Und das Netzwerk um dich herum veränderte sich so stark. Die Verbindung eines jeden seiner Mitglieder mit dir veränderte sich, ließ mit der Zeit nach, manchmal sogar sehr schnell…‹

Er hatte Schwierigkeiten, ihren Worten Sinn zu entnehmen. Mit was für einem Netzwerk war er verbunden?

›Die anderen Soldaten. Dein Computer.‹

»Ich war nicht mit ihnen verbunden. Es waren meine Soldaten, mehr nicht.«

›Was glaubst du, wie wir miteinander verbunden sind? Siehst du irgendwelche Kabel?‹

»Aber Menschen sind im Gegensatz zu deinen Arbeitern Individuen.«

›Viele Königinnen, viele Arbeiter, die sich immer wieder verwandeln. Sehr verwirrend. Schreckliche Zeiten des Kampfes. Was wäre, wenn diese Ungeheuer unser Kolonieschiff ausgemerzt hätten? Was für ein Geschöpf? Du warst so seltsam, daß wir dich uns nicht vorstellen konnten. Wir konnten nur fühlen, wenn du nach uns suchtest.‹

Ganz und gar nicht hilfreich. Es hatte nichts mit dem Überlichtflug zu tun, klang wie Hokuspokus, gar nicht nach Wissenschaft. Grego würde es nicht mathematisch ausdrücken können.

›Ja, das stimmt. Wir gehen dieses Problem nicht wissenschaftlich an. Nicht technologisch. Keine Zahlen oder gar Gedanken. Wir stellten fest, daß du gern eine neue Königin hervorbringen würdest. Einen neuen Schwarm beginnen würdest.‹

Ender verstand nicht, wie die Errichtung einer Verkürzerverbindung mit seinem Hirn eine neue Königin schlüpfen lassen konnte. »Erzähle es mir.«

›Wir denken nicht darüber nach. Wir tun es einfach.‹

»Aber was tut ihr, wenn ihr es tut?«

›Was wir immer tun.‹

»Und was tut ihr immer?«

›Wie füllst du deinen Penis mit Blut, um dich zu paaren, Ender? Wie bringst du deine Bauchspeicheldrüse dazu, Enzyme auszuschütten? Wie gleitest du in die Pubertät? Wie konzentrierst du deinen Blick?‹

»Dann erinnere dich daran, was du tust, und zeige es mir.«

›Du vergißt, daß es dir nicht gefällt, wenn wir dir etwas durch unsere Augen zeigen.‹

Das stimmte. Sie hatte es nur ein paar Mal versucht, als er sehr jung war und gerade ihren Kokon entdeckt hatte. Er kam einfach nicht damit zurecht, konnte der Sache keinen Sinn entnehmen. Blitze, ein paar Blicke waren klar, aber es war so verwirrend, daß er in Panik geraten und wahrscheinlich ohnmächtig werden würde, obwohl er allein war und, klinisch gesehen, nicht sicher sein konnte, was geschehen war.

»Wenn du es mir nicht sagen kannst, müssen wir etwas tun.«

›Bist du wie Pflanzer? Willst du sterben?‹

»Nein. Ich sage dir, wann du aufhören sollst. Es hat mich zuvor auch nicht umgebracht.«

›Wir werden es versuchen – etwas abgemildert. Wir werden uns erinnern und dir sagen, was geschieht. Dir Teile zeigen. Dich schützen. Sicherheit.‹

»Ja, versuche es.«

Sie ließ ihm nicht die Zeit, es sich anders zu überlegen oder vorzubereiten. Plötzlich hatte er den Eindruck, mit zusammengesetzten Augen zu sehen, nicht viele Linsen mit demselben Bild, sondern jede mit ihrem eigenen. Es erzeugte dasselbe Gefühl von Schwindel in ihm wie vor so vielen Jahren zuvor. Doch diesmal verstand er es etwas besser – zum Teil, weil sie die Eindrücke nicht ganz so intensiv wie zuvor machte, und zum Teil, weil er nun etwas über die Schwarmkönigin wußte und darüber, was sie mit ihm machte.

Die vielen verschiedenen Bilder zeigten, was immer ein Arbeiter sah, als sei jedes einzelne Auge mit demselben Gehirn verbunden. Es bestand nicht die geringste Hoffnung, daß Ender so vielen Bildern gleichzeitig Sinn entnehmen konnte.

›Wir werden dir das zeigen, worauf es ankommt.‹

Die meisten Bilder fielen augenblicklich weg. Dann wurden die übriggebliebenen eins nach dem anderen aussortiert. Er vermutete, daß sie für die Arbeiter irgendein Organisationsprinzip hatte. Sie konnte die vernachlässigen, die nicht damit beschäftigt waren, neue Königinnen hervorzubringen. Danach mußte sie, um Enders willen, auch die aussortieren, die damit beschäftigt waren, und das fiel ihr schwerer, da sie normalerweise die Ansichten aufgrund der jeweiligen Aufgabe und nicht nach den einzelnen Arbeitern sortierte. Endlich war sie jedoch imstande, ihm ein einziges Bild zu zeigen, und er konnte sich darauf konzentrieren, indem er das Flackern und Aufblitzen am Rand des Sichtfeldes einfach ignorierte.