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»Und nun behauptet die Schwarmkönigin, du seiest so groß und komplex geworden, daß sie dein Muster nicht mehr mit ihren Geist erfassen kann.«

»Ich muß während der Jahre der Pubertät noch einen gewaltigen Wachstumsschub gehabt haben.«

»Genau.«

»Was kann ich dafür, daß die Menschen immer mehr Computer hinzufügten und miteinander verbanden?«

»Aber es liegt nicht an der Hardware, Jane, sondern an den Programmen. Dem Geisteszustand.«

»Ich muß den körperlichen Speicherplatz haben, um das alles zu enthalten.«

»Du hast den Speicherplatz. Die Frage ist nur, ob du ohne die Verkürzer auch Zugriff darauf hast.«

»Ich kann es versuchen. Wie du zu ihr gesagt hast, muß ich lernen, einen Muskel zu beugen, von dem ich gar nicht wußte, daß ich ihn habe.«

»Oder lernen, ohne ihn zu leben.«

»Ich werde sehen, was möglich ist.«

Was möglich ist. Auf dem Rückweg, während der Wagen über das Capim flog, war Ender begeistert darüber, daß überhaupt etwas möglich war, wo er doch bislang nur Verzweiflung empfunden hatte. Doch als er nach Hause kam und den abgebrannten Wald sah, die beiden einsamen Vaterbäume, die Experimentalfarm und die neue Hütte mit dem Isolationsraum, in dem der sterbende Pflanzer lag, begriff er, wieviel es noch zu verlieren gab, wie viele noch sterben würden, auch wenn sie nun eine Möglichkeit gefunden hatten, daß Jane überlebte.

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Han Fei-tzu war erschöpft, seine Augen brannten, weil er soviel gelesen hatte. Er hatte die Farben des Computerdisplays ein Dutzend Mal angepaßt, versucht, eine Einstellung zu finden, die seine Augen schonte, doch es hatte nicht geholfen. Als er das letzte Mal so intensiv gearbeitet hatte, war er noch Student gewesen. Und damals war er immer zu Ergebnissen gelangt. Damals war ich schneller und klüger. Es war mir Lohn genug, etwas erreicht zu haben. Jetzt bin ich alt und langsam, ich arbeite auf Gebieten, die Neuland für mich sind, und vielleicht haben diese Probleme gar keine Lösungen. Also habe ich keinen Lohn zu erwarten.

Er sah zu Wang-mu hinüber, die zusammengerollt auf dem Boden neben ihm lag. Sie bemühte sich so sehr, doch ihre Ausbildung hatte erst vor so kurzer Zeit begonnen, daß sie die Dokumente noch nicht verstehen konnte, die über das Computerdisplay glitten, während er nach Rahmenbedingungen suchte, unter denen ein Überlichtflug möglich sein konnte. Schließlich hatte ihre Müdigkeit über ihre Willenskraft gesiegt; sie hielt sich für nutzlos, da sie nicht einmal genug verstand, um Fragen stellen zu können. Also gab sie auf und schlief.

Aber du bist nicht nutzlos, Si Wang-mu. Selbst mit deiner Verwirrung hast du mir geholfen. Ein kluger Geist, für den alles neu ist. Als kauere meine verlorene Jugend an meinem Ellbogen.

Qing-jao war genauso, als sie klein war, bevor die Frömmigkeit und der Stolz sie ergriffen.

Es war nicht richtig, so über seine eigene Tochter zu urteilen. War er bis vor ein paar Wochen nicht völlig zufrieden mit ihr gewesen? Stolz auf sie, über alle Vernunft hinaus? Die beste und klügste der Gottberührten, alles, wofür ihr Vater gearbeitet, alles, was sich ihre Mutter erhofft hatte.

Das bereitete ihm die meisten Schmerzen. Bis vor ein paar Wochen war er so stolz darauf gewesen, daß er sein Versprechen Jiang-qing gegenüber gehalten hatte. Es war nicht leicht gewesen, seine Tochter so fromm zu erziehen, daß sie niemals eine Periode des Zweifels oder der Rebellion gegen die Götter durchlief. Es gab zwar andere, genauso fromme Kinder – doch ihre Frömmigkeit wurde normalerweise auf Kosten ihrer Ausbildung erreicht. Han Fei-tzu hatte Qing-jao alles lernen lassen und sie dann geschickt zu der Erkenntnis geführt, daß all ihre Kenntnisse mit ihrem Glauben an die Götter übereinstimmten.

Doch damit hatte er sich ins eigene Fleisch geschnitten. Er hatte ihr eine Weltsicht gegeben, die nun, da er herausgefunden hatte, daß die »Stimmen der Götter« nichts anderes waren als genetische Ketten, an die der Kongreß sie gelegt hatte, so grundlegend ihren Glauben stützte, daß nichts sie überzeugen konnte. Würde Jiang-qing noch leben, hätte sich Fei-tzu zweifellos mit ihr im Konflikt wegen seines Glaubensverlust befunden. In ihrer Abwesenheit hatte er ihre Tochter so gut in Jiang-qings Sinn erzogen, daß Qing-jao nun die Weltsicht ihrer Mutter ohne jeden Makel übernommen hatte.

Jiang-qing hätte mich auch verlassen, dachte Han Fei-tzu. Auch wenn ich kein Witwer wäre, wäre ich an diesem Tag ohne Frau.

Die einzige Gefährtin, die mir geblieben ist, ist dieses Dienstmädchen, das sich gerade rechtzeitig in meinen Haushalt gedrängt hat, um nun zum einzigen Aufflackern von Hoffnung in meinem dunklen Herzen zu werden.

Nicht meine Tochter-des-Körpers, doch vielleicht wird die Zeit und Gelegenheit kommen, wenn diese Krise vorbei ist, um Wang-mu zu meiner Tochter-des-Geistes zu machen. Meine Arbeit für den Kongreß ist beendet. Sollte ich dann nicht ein Lehrer mit einer einzigen Schülerin sein? Sollte ich sie nicht darauf vorbereiten, die Revolutionärin zu sein, die das gewöhnliche Volk zur Freiheit von der Tyrannei der Gottberührten und dann Weg zur Freiheit vom Kongreß führen kann? Sollte sie so eine werden, kann ich in Frieden sterben, im Bewußtsein, daß ich am Ende meines Lebens all meine frühere Arbeit aufgehoben habe, die den Kongreß gestärkt und dazu beigetragen hat, daß er jede Opposition seiner Macht überwinden konnte.

Das leise Atmen des Mädchens war wie sein eigener Atem, wie das Geräusch einer Brise im hohen Gras. Sie ist ganz Bewegung, Hoffnung, Frische.

»Han Fei-tzu, ich glaube, du schläfst nicht.«

Nein; aber er hatte vor sich hingedöst, und der Klang von Janes Stimme, der aus dem Computer kam, erschreckte ihn, als habe er ihn aufgeweckt.

»Nein, aber Wang-mu schläft«, sagte er.

»Dann wecke sie.«

»Warum? Sie hat ihren Schlaf verdient.«

»Sie hat es auch verdient, dies zu hören.«

Elas Gesicht erschien im Display neben Jane. Han Fei-tzu erkannte sie sofort als die Xenobiologin, der man die Untersuchung der genetischen Proben anvertraut hatte, die er und Wang-mu gesammelt hatten. Es mußte einen Durchbruch gegeben haben.

Er verbeugte sich, griff nach dem schlafenden Mädchen und schüttelte es. Wang-mu bewegte und streckte sich, erinnerte sich dann zweifellos an ihre Pflichten und setzte sich kerzengerade auf. »Habe ich verschlafen? Was ist los? Vergebt mir, daß ich eingeschlafen bin, Meister Han.«

Sie hätte sich in ihrer Verwirrung vielleicht sogar verbeugt, doch das ließ Fei-tzu nicht zu. »Jane und Ela haben mich gebeten, dich aufzuwecken. Sie möchten, daß du etwas hörst.«

»Ich möchte Ihnen zuerst sagen«, ergriff Ela das Wort, »daß das, worauf wir gehofft haben, möglich ist. Die genetischen Veränderungen waren grobschlächtig und leicht festzustellen – ich verstehe nun, warum der Kongreß alles getan hat, um zu verhindern, daß gute Genetiker mit der menschlichen Bevölkerung von Weg arbeiten. Das UZV-Gen war nicht an der normalen Stelle, was der Grund dafür ist, daß es nicht augenblicklich von Natologen identifiziert wurde, doch es arbeitet fast genauso wie die in der Natur vorkommenden UZV-Gene. Es kann problemlos separat von den Genen behandelt werden, die den Gottberührten ihre verstärkten intellektuellen und kreativen Fähigkeiten geben. Ich habe bereits ein Spleißerbakterium entwickelt, das ins Blut einer Person injiziert werden kann. Es wird eine Samen- oder Eizelle der Person suchen, in sie eindringen, das UZV-Gen entfernen und mit einem normalen ersetzen, wobei es den Rest des genetischen Codes unberührt läßt. Dann wird es schnell absterben. Es basiert auf einem häufig vorkommenden Bakterium, das es bereits in zahlreichen Laboratorien auf Weg geben wird, die sich mit normaler Immunologie und der Verhinderung von Geburtsdefekten befassen. In Zukunft kann also jeder Gottberührte, der das möchte, Kinder bekommen, bei denen das UZV-Gen nicht mehr vorhanden ist.«