Ein Teil der Verdrossenheit resultiert wahrscheinlich aus der Scham, dachte Valentine. Mittlerweile wies jedes Gebäude in der Stadt ein Loch auf, wo man Steine oder Ziegel herausgebrochen hatte, um sie für den Bau der Kapelle zu verwenden. Viele der Löcher waren von der Praca aus zu sehen, auf der Valentine ging.
Sie vermutete jedoch, daß eher die Furcht als die Scham das vibrierende Leben hier abgetötet hatte. Niemand sprach offen darüber, doch sie erhaschte genug verstohlene Blicke zu den Hügeln im Norden der Stadt, um Bescheid zu wissen. Es war nicht die Scham über das Niederbrennen des Pequenino-Waldes. Es waren die Krabbler. Die dunklen Gestalten waren nur selten auf den Hügeln oder im Gras draußen vor der Stadt zu sehen. Es waren die Alpträume der Kinder, die sie gesehen hatten. Das widerwärtige Entsetzen in den Herzen der Erwachsenen. Historische Romane und Videos, die zu den Zeiten der Krabblerkriege spielten, waren in der Bibliothek ständig ausgeliehen; die Leute waren besessen davon, Menschen zu sehen, die Siege über Krabbler errungen. Und während sie zusahen, gaben sie ihren schlimmsten Träumen Nahrung. Bei vielen Leuten, wenn nicht sogar den meisten, war die theoretische Vorstellung, die Schwarmkultur sei wunderschön und würdig und das Bild, das Ender in seinem ersten Buch von der Schwarmkönigin gezeichnet hatte, verschwunden, während sie in der unausgesprochenen Einkerkerung lebten, die von den Arbeitern der Schwarmkönigin durchgesetzt wurde.
War unsere Arbeit schließlich doch völlig vergeblich? dachte Valentine. Ich, der Philosoph Demosthenes, habe versucht, die Menschen zu lehren, daß sie nicht alle Außerirdischen fürchten müssen, sondern sie als Ramänner sehen können. Und Ender mit seinen eindringlichen Büchern über die Schwarmkönigin, den Hegemon und Menschs Leben – welche Macht hatten sie wirklich, verglichen mit dem instinktiven Schrecken beim Anblick dieser gefährlichen, übergroßen Insekten? Die Zivilisation ist nur ein Vorwand; in einer Krise werden wir wieder zu bloßen Affen, vergessen wir die rationalen Zweifüßler, die wir angeblich sind, und werden wieder zu den haarigen Primaten an der Höhlenöffnung, die den Feind anschreien, sich wünschen, er würde verschwinden, und den schweren Stein umklammern, den wir in dem Augenblick benutzen werden, da er in Reichweite kommt.
Nun war sie wieder an einem sauberen, sicheren Ort, nicht ganz so beunruhigend, auch wenn er als Gefängnis wie auch als Hauptsitz der Stadtverwaltung diente. An einem Ort, wo die Krabbler als Verbündete gesehen wurden – oder zumindest als unerläßliche Friedenstruppe, die die Antagonisten zu ihrem gegenseitigen Schutz voneinander trennte. Es gibt Menschen, erinnerte sich Valentine, die sich über ihre tierische Abstammung erheben können.
Als sie die Zellentür öffnete, lagen Olhado wie auch Grego auf Pritschen. Sie hatten Papiere auf dem Boden und dem Tisch zwischen ihnen ausgebreitet; sie bedeckten sogar das Computerterminal, so daß das Display, falls das Gerät eingeschaltet war, nicht funktionieren konnte. Es sah aus wie das typische Kinderzimmer eines Teenagers. Grego hatte die Beine gegen die Wand gelehnt. Seine nackten Füße tanzten einen seltsamen Rhythmus, zuckten in der Luft hin und her. Was für eine innere Musik hörte er?
»Boa tarde, Tia Valentina«, sagte Olhado.
Grego sah nicht einmal auf.
»Störe ich?«
»Sie kommen gerade rechtzeitig«, sagte Olhado. »Wir sind drauf und dran, ein neues Konzept für das Universum zu entwickeln. Wir haben gerade das erleuchtende Prinzip entdeckt, daß man sich einfach alles wünschen kann und Lebewesen aus dem Nichts fallen, wenn sie gerade gebraucht werden.«
»Wenn man sich einfach alles wünschen kann«, sagte Valentine, »könnten wir uns ja auch den Überlichtflug wünschen.«
»Grego rechnet gerade herum«, sagte Olhado, »deshalb reagiert er im Augenblick nicht auf Sie. Aber ich glaube, er ist da einer Sache auf der Spur – vor einer Minute hat er geschrien und herumgetanzt. Wir hatten eine Nähmaschinenerfahrung.«
»Ah ja«, sagte Valentine.
»Das ist eine alte Geschichte aus der Physikklasse«, sagte Olhado. »Leute, die eine Nähmaschine erfinden wollten, sind immer wieder gescheitert, weil sie versuchten, die Bewegungen des Nähens mit der Hand zu imitieren. Sie stießen die Nadel durch das Gewebe und zogen den Faden durch das Öhr am Ende der Nadel hinterher. Das schien ja ganz offensichtlich zu sein. Bis dann jemand auf die Idee kam, das Öhr am Kopf der Nadel anzubringen und zwei Fäden statt nur einem zu benutzen. Ein völlig unnatürlicher, indirekter Annäherungsversuch, wenn man es so will, den ich noch immer nicht verstehe.«
»Also wollen wir uns unseren Weg durch das All nähen?«
»Gewissermaßen. Die kürzeste Entfernung zwischen zwei Punkten ist nicht unbedingt eine Gerade. Diese Idee stammt von dem, was Andrew von der Schwarmkönigin gelernt hat. Wie sie ein Geschöpf aus einer alternativen Raumzeit ruft, wenn sie eine neue Schwarmkönigin erschaffen will. Grego hat das als Beweis dafür genommen, daß es einen echten realen irrealen Raum gibt. Fragen Sie mich nicht, was er damit meint. Ich bin von Beruf Ziegelmacher.«
»Einen irrealen Realraum«, sagte Grego. »Du hast es umgedreht.«
»Die Toten erwachen«, sagte Olhado.
»Setz dich, Valentine«, erklärte Grego. »Meine Zelle ist nicht viel, aber mein Heim. Die mathematischen Formeln sind noch immer völlig verrückt, doch sie scheinen zu passen. Ich muß noch einige Zeit mit Jane damit verbringen, die wirklich komplizierten Berechnungen vorzunehmen und einige Simulationen zu fahren, aber wenn die Schwarmkönigin recht hat, gibt es einen Raum, der so universell an unseren Raum angrenzt, daß Philoten aus dem anderen Raum an jeder Stelle in unseren Raum überwechseln können. Wenn wir davon ausgehen, daß dieses Wechseln auch in die andere Richtung möglich ist, und wenn die Schwarmkönigin ebenfalls damit recht hat, daß der andere Raum genau wie der unsrige Philoten enthält, nur daß sie in dem anderen Raum – nennen wir ihn das Außen – nicht den Naturgesetzen entsprechend angeordnet sind, sondern statt dessen bloße Möglichkeiten sind, dann könnten wir…«
»Das sind schrecklich viele Wenns«, sagte Valentine.
»Sie vergessen«, sagte Olhado, »daß wir von der Prämisse ausgehen, uns einfach etwas wünschen zu müssen.«
»Richtig, das vergaß ich zu erwähnen«, sagte Grego. »Wir gehen ebenfalls davon aus, daß die Schwarmkönigin recht damit hat, daß die unorganisierten Philoten auf Muster im Verstand eines Menschen reagieren und damit augenblicklich die Rolle einnehmen, die in diesem Muster möglich ist. Dinge, die also im Außen begriffen werden, werden hier sofort Wirklichkeit.«
»Das ist mir alles völlig klar«, sagte Valentine. »Es überrascht mich nur, daß ihr nicht früher darauf gekommen seid.«
»Genau«, sagte Grego. »Wir machen es also folgendermaßen. Anstatt zu versuchen, alle Partikel, aus denen das Sternenschiff, seine Passagiere und die Fracht bestehen, physikalisch von Stern A nach Stern B zu versetzen, stellen wir uns einfach alles – das gesamte Muster, einschließlich aller Menschen – als nicht im Innen, sondern im Außen existent vor. In diesem Augenblick desorganisieren sich alle Philoten, die das Sternenschiff und die Menschen darin bilden, fallen ins Außen und setzten sich dem entsprechenden Muster zufolge wieder zusammen. Dann machen wir dasselbe noch einmal und fallen wieder ins Innen – nur, daß wir jetzt beim Stern B sind. Vorzugsweise in sicherer Orbitentfernung.«
»Wenn jeder Punkt in unserem Raum einem Punkt im Außen entspricht«, sagte Valentine, »könnten wir doch einfach dort reisen anstatt hier.«
»Dort sind die Regeln etwas anders«, sagte Grego. »Dort gibt es keine Räumlichkeit. Nehmen wir einmal an, daß in unserem Raum die Räumlichkeit – die relative Anordnung – einfach ein Ausdruck der Ordnung ist, der die Philoten folgen. Eine Konvention. Das gilt also auch für Entfernungen. Wir messen eine Entfernung nach der Zeit, die wir benötigen, um sie zu überwinden – aber dieser Zeitraum ist nur erforderlich, weil die Philoten, aus denen Materie und Energie bestehen, gezwungen sind, den Konventionen der Naturgesetze zu folgen. Zum Beispiel der Lichtgeschwindigkeit.«