»Wenn wir schon metaphysische Spielchen treiben«, sagte Valentine, »wann hat das alles angefangen? Wenn wir uns die Wirklichkeit als Muster vorstellen, das jemand ins Außen gebracht hat, und das Universum einfach in die Existenz stürzte, dann wandert derjenige, der es einmal getan hat, wahrscheinlich noch immer herum und erzeugt Universen, wo immer er geht. Aber woher kommt er? Und was war vorhanden, bevor er damit anfing? Und wie hat das Außen angefangen zu existieren?«
»Das ist Innen-Denken«, sagte Olhado. »So stellt man sich die Dinge vor, wenn man Raum und Zeit noch immer für absolut hält. Du stellst dir vor, alles habe einen Anfang und ein Ende, alles habe einen Ursprung, denn so ist es in dem Universum, das wir beobachten können. Aber im Außen gibt es keinerlei derartigen Gesetze. Das Außen war immer und wird immer sein. Die Anzahl der Philoten dort ist unendlich, und sie alle haben schon immer existiert. Ganz gleich, wie viele von ihnen du herausziehst und in organisierte Universen zerrst, es werden immer genauso viele sein, wie es schon immer waren.«
»Aber jemand muß doch damit angefangen haben, Universen zu schaffen.«
»Warum?« fragte Olhado.
»Weil… weil ich…«
»Niemand hat jemals damit angefangen. Es ging schon immer so. Ich meine, wenn es nicht schon immer so wäre, könnte es gar nicht anfangen. Draußen, wo es keine Muster gibt, wäre es unmöglich, sich ein Muster vorzustellen. Sie können unserer Definition zufolge nicht handeln, da sie sich buchstäblich nicht einmal selbst finden können.«
»Aber wie kann es denn schon immer so gewesen sein?«
»Stelle dir vor, daß dieser Augenblick in der Zeit, die Wirklichkeit, in der wir in diesem Augenblick leben, dieser Zustand des gesamten Universums… aller Universen…«
»Du meinst das Jetzt.«
»Genau. Stelle dir vor, dieses jetzt wäre die Oberfläche einer Kugel. Die Zeit bewegt sich vorwärts durch das Chaos des Außen wie die Oberfläche einer sich ausdehnenden Kugel, eines Ballons, der aufgeblasen wird. Außen Chaos, Innen Wirklichkeit. Und die Kugel dehnt sich ständig aus. Wie du es gesagt hast, Valentine – sie läßt die ganze Zeit über neue Universen entstehen.«
»Aber woher ist dieser Ballon gekommen?«
»Na schön, du hast den Ballon. Die sich ausdehnende Kugel. Jetzt stelle dir einmal eine Kugel mit einem unendlichen Radius vor.«
Valentine überlegte, was er damit meinen konnte. »Ihre Oberfläche wäre völlig flach.«
»Ganz genau.«
»Und man könnte sie niemals ganz umkreisen.«
»Ebenfalls richtig. Unendlich groß. Es ist sogar unmöglich, alle Universen zu zählen, die es auf der Wirklichkeitsseite gibt. Und wenn du jetzt ein Sternenschiff besteigst und vom Rand aus zum Mittelpunkt fliegst, wird alles älter, je weiter du kommst. All die alten Universen, jedes älter als das vorherige. Wann wirst du das erste erreichen?«
»Nie«, sagte Valentine. »Nicht, wenn man mit endlicher Geschwindigkeit fliegt.«
»Du wirst die Mitte einer Kugel mit unendlichem Radius niemals erreichen, wenn du an der Oberfläche losfliegst, denn ganz gleich, wie schnell du fliegst, die Mitte, der Anfang, ist immer unendlich weit entfernt.«
»Und da hat das Universum begonnen.«
»Ich glaube schon«, sagte Olhado. »Ich bin dieser Ansicht.«
»Also funktioniert das Universum so, weil es schon immer so funktioniert hat«, sagte Valentine.
»Die Wirklichkeit funktioniert so, weil das Wirklichkeit ist. Alles, was nicht so funktioniert, stürzt ins Chaos zurück. Alles, was so funktioniert, kommt in die Wirklichkeit hinüber. Die Scheidelinie ist immer dort.«
»Mir gefällt eine ganz andere Vorstellung«, sagte Grego. »Was hindert uns daran, wenn wir erst einmal ohne Zeitverlust in unserer Wirklichkeit herumfliegen, auch andere zu finden? Ganz neue Universen?«
»Oder andere zu schaffen«, sagte Olhado.
»Ha«, sagte Grego. »Als ob wir das Muster für ein ganzes Universum in unserem Verstand enthielten.«
»Aber vielleicht könnte Jane es«, sagte Olhado. »Oder nicht?«
»Ihr behauptet damit«, warf Valentine ein, »daß Jane vielleicht Gott ist.«
»Wahrscheinlich hört sie in diesem Augenblick zu«, sagte Grego. »Der Computer ist eingeschaltet, auch wenn das Display blockiert ist. Ich wette, das wird sie auf einige Gedanken bringen.«
»Vielleicht hat jedes Universum lange genug Bestand, um so etwas wie Jane hervorzubringen«, sagte Valentine. »Und dann geht sie her und schafft neue Universen…«
»Und es geht immer so weiter«, sagte Olhado. »Warum nicht?«
»Aber sie ist zufällig entstanden«, sagte Valentine.
»Nein«, sagte Grego. »Das ist auch etwas, was Andrew heute herausgefunden hat. Du mußt mit ihm sprechen. Jane war kein Zufall. Nach allem, was wir wissen, gibt es keine Zufälle. Nach allem, was wir wissen, war alles von Anfang an Teil des Musters.«
»Alles außer uns«, sagte Valentine. »Unsere… wie lautet der Begriff für das Philot, der uns kontrolliert?«
»Aiua«, sagte Grego und buchstabierte es ihr.
»Ja«, sagte sie. »Unser Wille jedenfalls, der schon immer existiert hat, mit allen Stärken und Schwächen, die er zufällig hat. Und aus diesem Grund sind wir, solange wir Teil des Realitätsmusters sind, auch frei.«
»Das klingt ganz so, als käme die Ethikerin endlich zum Zug«, sagte Olhado.
»Das alles ist wahrscheinlich kompletter Unsinn«, sagte Grego. »Jane wird herzlich über uns lachen. Aber Nossa Senhora, es macht Spaß, nicht wahr?«
»He, nach allem, was wir wissen, hat genau deshalb das Universum vielleicht nur angefangen«, sagte Olhado. »Weil es ein Heidenspaß ist, durchs Chaos zu gehen und Wirklichkeiten zu schaffen. Vielleicht findet Gott einfach nur Vergnügen daran.«
»Oder er wartet vielleicht nur darauf, daß Jane hier herauskommt und ihm Gesellschaft leistet«, sagte Valentine.
Es war Miros Schicht bei Pflanzer. Es war spät – nach Mitternacht. Im Isolierraum mußte Miro einen Schutzanzug tragen, nicht, um nicht selbst verseucht zu werden, sondern um zu verhindern, daß der Descolada-Virus, den er in sich trug, Pflanzer verseuchte.
Wenn ich nur einen kleinen Riß in meinen Anzug machen würde, dachte Miro, könnte ich ihm das Leben retten.
Ohne die Descolada vollzog sich der Zusammenbruch von Pflanzers Körper schnell und mit verheerender Wirkung. Sie alle wußten, daß die Descolada Einfluß auf den Reproduktionszyklus der Pequeninos hatte, den Pequeninos ihr drittes Leben als Bäume schenkte, doch bis jetzt war ihnen nicht klar gewesen, wieviel vom alltäglichen Leben der Pequeninos von der Descolada abhing. Wer immer diesen Virus entworfen hatte, er war ein kaltherziges, rein nach Begriffen der Wirksamkeit denkendes Ungeheuer. Ohne die tägliche, stündliche, minütliche Intervention der Descolada arbeiteten die Zellen nur noch träge, hörte die Produktion von lebenswichtigen, energiespeichernden Molekülen auf und arbeiteten die Synapsen des Gehirns nicht mehr so schnell. Pflanzer war mit Röhren und Elektroden gespickt, und er lag inmitten mehrerer Scanner-Felder, so daß Ela und ihre Pequenino-Assistenten von außen jeden Aspekt seines Sterbens aufzeichnen konnten. Darüber hinaus wurden ihm rund um die Uhr Gewebeproben entnommen. Seine Schmerzen waren so stark, daß er, schlief er überhaupt einmal, nicht aufwachte, wenn man ihm die Proben entnahm. Und doch blieb Pflanzer trotz aller Schmerzen verbissen klar. Als wolle er durch reine Willenskraft beweisen, daß ein Pequenino auch ohne die Descolada intelligent sein konnte. Pflanzer tat dies natürlich nicht für die Wissenschaft. Er tat es für die Würde.