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Die wirklichen Wissenschaftler hatten nicht die Zeit, sich gegenseitig abzuwechseln und über ihn zu wachen, einfach in dem Anzug neben ihm zu sitzen, ihn zu beobachten, mit ihm zu sprechen. Nur Leute wie Miro, und Jakts und Valentines Kinder – Syfte, Lars, Ro, Varsam – und die seltsam stille Frau namens Plikt; Leute, die sich keinen anderen dringenden Pflichten widmen mußten, die geduldig genug waren, um das Warten zu ertragen, und jung genug, um ihre Aufgabe mit Präzision zu erledigen – nur sie wechselten sich ab. Sie hätten gern noch einen Pequenino über Pflanzer wachen lassen, doch alle Brüder, die genug über menschliche Technik wußten, um die Aufgabe richtig zu erledigen, gehörten zu Elas oder Ouandas Teams und hatten zuviel zu tun. Von allen, die im Isolierraum über Pflanzer wachten, ihm Gewebeproben entnahmen, ihn fütterten, die Fusionsflaschen wechselten und ihn säuberten, kannte nur Miro die Pequeninos gut genug, um mit ihm kommunizieren zu können. Miro konnte sich in der Sprache der Brüder mit ihm unterhalten. Das bot ihm einen gewissen Trost, obwohl sie sich praktisch gar nicht kannten; Pflanzer war geboren worden, nachdem Miro zu seiner dreißigjährigen Reise von Lusitania aufgebrochen war.

Pflanzer schlief nicht. Seine Augen waren halb geöffnet, sahen ins Nichts, doch Miro erkannte anhand der Bewegungen seiner Lippen, daß er sprach. Er rezitierte Passagen aus einem der Epen seines Stammes. Manchmal stimmte er Gesänge über die Stammesgenealogie an. Als er damit angefangen hatte, hatte Ela befürchtet, daß er in ein Delirium fiel. Doch er beharrte darauf, damit nur sein Gedächtnis auf die Probe stellen zu wollen. Sich vergewissern zu wollen, daß er mit der Descolada nicht auch seinen Stamm verloren hatte – was für ihn genauso wäre, als hätte er sich selbst verloren.

Miro stellte die Lautstärke in seinem Schutzanzug höher und konnte hören, wie Pflanzer die Geschichte eines schrecklichen Krieges mit dem Wald Himmelzerreißers, »dem Wald, der den Donner rief«, erzählte. Mitten in der Geschichte des Krieges schweifte er ab und erklärte, wie Himmelzerreißer seinen Namen bekommen hatte. Dieser Teil der Erzählung klang sehr alt und mythisch, eine magische Geschichte über einen Bruder, der kleine Mütter an den Ort trug, an dem der Himmel aufriß und die Sterne zu Boden fielen. Obwohl sich Miro in Gedanken mit den Erkenntnissen des Tages beschäftigte – Janes Herkunft, Gregos und Olhados Idee von der Reise durch Gedankenkraft –, stellte er fest, daß er aus irgendeinem Grund Pflanzers Worten Aufmerksamkeit schenkte. Und als die Geschichte ihr Ende fand, mußte Miro nachfragen.

»Wie alt ist diese Geschichte?«

»Alt«, flüsterte Pflanzer. »Du hast zugehört?«

»Bis zum Schluß.« Es stellte kein Problem dar, ausführlich mit Pflanzer zu sprechen. Entweder wurde er mit Miros langsamer Sprache nicht ungeduldig, oder seine Aufnahmefähigkeit war auf die Stufe von Miros schleppenden Worten gesunken. Pflanzer ließ Miro jedenfalls aussprechen und antwortete dann, als habe er aufmerksam zugehört. »Habe ich dich richtig verstanden, als du gesagt hast, dieser Himmelzerreißer habe kleine Mütter mit sich getragen?«

»Das stimmt«, flüsterte Pflanzer.

»Aber er ging nicht zum Vaterbaum.«

»Nein. Er hatte einfach kleine Mütter auf seinen Wanderungen dabei. Ich habe diese Geschichte vor Jahren gehört. Bevor ich die menschliche Wissenschaft kennenlernte.«

»Weißt du, wie das für mich klingt? Diese Geschichte stammt vielleicht aus einer Zeit, als ihr noch keine kleinen Mütter zum Vaterbaum getragen habt. Als die kleinen Mütter noch nicht ihre Nahrung aus dem saftigen Inneren des Mutterbaums leckten. Statt dessen hingen sie an Vorsprüngen am Unterleib der Männer, bis die Kinder groß genug waren, um hervorzukommen und ihren Platz an den Zitzen der Mütter einzunehmen.«

»Deshalb habe ich dir das Lied gesungen«, sagte Pflanzer. »Ich habe darüber nachgedacht, wie es vielleicht gewesen ist, falls wir intelligent waren, bevor die Descolada kam. Und schließlich fiel mir dieser Teil der Geschichte von Himmelzerreißers Krieg ein.«

»Er ging zu dem Ort, wo der Himmel aufriß.«

»Die Descolada muß irgendwie hierher gekommen sein, nicht wahr?«

»Wie alt ist diese Geschichte?«

»Himmelzerreißers Krieg fand vor neunundzwanzig Generationen statt. Unser Wald ist nicht so alt. Aber es wurden uns Lieder und Geschichten von unserem Vater-Wald überliefert.«

»Aber der Teil mit dem Himmel und den Sternen könnte viel alter sein, nicht wahr?«

»Sehr alt. Der Vaterbaum Himmelzerreißer starb vor langer Zeit. Er war wahrscheinlich schon sehr alt, als der Krieg stattfand.«

»Hältst du es für möglich, daß es sich dabei um eine Erinnerung des Pequenino handelt, die die Descolada als erster entdeckte? Daß sie mit einem Sternenschiff hierher gebracht wurde und er eine Art Fähre gesehen hat?«

»Deshalb habe ich das Lied gesungen.«

»Wenn das stimmt, wart ihr schon vor der Descolada eindeutig intelligent.«

»Jetzt sind alle weg«, sagte Pflanzer.

»Was ist weg? Ich verstehe nicht.«

»Unsere Gene aus dieser Zeit. Wir können nicht einmal Vermutungen anstellen, was die Descolada uns nahm und wegwarf.«

Das stimmte. Vielleicht enthielt jeder Descolada-Virus den kompletten genetischen Code jeder einheimischen Lebensform Lusitanias in sich, doch dabei handelte es sich lediglich um den genetischen Code von heute, in seinem von der Descolada beherrschten Zustand. Wie der Code ausgesehen hatte, bevor die Descolada kam, konnte nicht mehr rekonstruiert oder wiederhergestellt werden.

»Trotzdem eine faszinierende Möglichkeit«, sagte Miro. »Wenn ihr schon vor dem Virus Sprache, Lieder und Geschichten gehabt habt…« Und obwohl er wußte, daß er es eigentlich nicht tun sollte, fügte er hinzu: »Vielleicht mußt du jetzt nicht mehr die Unabhängigkeit der Pequenino-Intelligenz beweisen.«

»Noch ein Versuch, das Schweinchen zu retten«, sagte Pflanzer.

Eine Stimme erklang über den Lautsprecher. Eine Stimme von draußen.

»Du kannst jetzt herauskommen.« Es war Ela. Sie sollte während Miros Schicht eigentlich schlafen.

»Meine Schicht ist erst in drei Stunden vorüber«, erwiderte Miro.

»Jemand löst dich ab.«

»Dann soll er einen anderen Anzug nehmen.«

»Ich brauche dich hier draußen, Miro.« Elas Stimme machte jeden Widerspruch unmöglich. Und sie war die leitende Wissenschaftlerin dieses Experiments.

Als er ein paar Minuten später herauskam, begriff er sofort, was passiert war. Quara stand mit eisigem Blick dort, und Ela war mindestens genauso wütend. Sie hatten sich offensichtlich wieder gestritten, doch das war keine Überraschung. Die Überraschung bestand darin, daß Quara überhaupt gekommen war.

»Du kannst genausogut wieder hineingehen«, sagte Quara, kaum daß Miro die Sterilisationskammer verlassen hatte.

»Ich weiß nicht einmal, warum ich herausgekommen bin«, sagte Miro.

»Sie besteht darauf, ein privates Gespräch zu führen«, sagte Ela.

»Sie hat dich herausgerufen«, sagte Quara, »aber sie wollte nicht das Tonüberwachungssystem ausschalten.«

»Wir müssen der Klarheit halber jeden Augenblick von Pflanzers Gespräch aufzeichnen.«

Miro seufzte. »Ela, werde erwachsen.«

Sie wäre fast explodiert. »Ich! Erwachsen werden! Sie stürmt hier herein, als wäre sie die Nossa Senhora auf ihrem Thron…«

»Ela«, sagte Miro. »Halt den Mund und hör zu. Quara ist Pflanzers einzige Hoffnung, dieses Experiment zu überleben. Kannst du allen Ernstes behaupten, es würde dem Zweck dieses Experiments nicht dienen, wenn du sie…«

»Na schön«, sagte Ela und unterbrach ihn, weil sie seine Argumentation bereits begriffen und sich ihr gebeugt hatte. »Sie ist der Feind jedes lebenden, vernunftbegabten Wesens auf diesem Planet, doch ich schalte das Tonüberwachungssystem aus, weil sie ein Gespräch unter vier Augen mit dem Bruder führen will, den sie umbringt.«