Das war zuviel für Quara. »Du mußt wegen mir überhaupt nichts ausschalten«, sagte sie. »Es tut mir leid, daß ich gekommen bin. Es war ein dummer Fehler.«
»Quara!« rief Miro.
Sie blieb an der Labortür stehen.
»Lege den Anzug an und sprich mit Pflanzer. Was hat er mit ihr zu tun?«
Quara funkelte Ela erneut an, ging jedoch zu dem Sterilisationsraum, aus dem Miro gerade gekommen war.
Er fühlte sich sehr erleichtert. Da er wußte, daß er hier nicht die geringsten Befugnisse hatte und beide Frauen ihm hätten sagen können, wohin er sich seine Befehle stecken sollte, verriet die Tatsache, daß sie ihm gehorchten, daß sie in Wirklichkeit gehorchen wollten. Quara wollte wirklich mit Pflanzer sprechen. Und Ela wollte, daß sie mit ihm sprach. Vielleicht waren sie mittlerweile so erwachsen, daß sie mit ihren persönlichen Differenzen nicht das Leben anderer Leute gefährden wollten. Vielleicht bestand doch noch Hoffnung für diese Familie.
»Sobald ich drinnen bin, wird sie das System wieder einschalten«, sagte Quara.
»Nein, das wird sie nicht tun«, sagte Miro.
»Sie wird es versuchen«, sagte Quara.
Ela sah sie verächtlich an. »Ich pflege mein Wort zu halten.«
Beide schwiegen. Quara ging in die Sterilisationskammer, um sich umzuziehen. Ein paar Minuten später war sie im Isolierraum; sie tropfte noch von der Lösung zum Abtöten der Descolada, mit der sie besprüht worden war.
Miro konnte Quaras Schritte hören.
»Schalte ab«, sagte er.
Ela drückte einen Knopf. Die Schritte verstummten.
»Soll ich dir alles abspielen, was sie sagen?« fragte Jane in seinem Ohr.
Er subvokalisierte. »Du kannst auch dort drinnen mithören?«
»Der Computer ist mit mehreren Monitoren verbunden, die auf Schwingungen reagieren. Ich habe mittlerweile ein paar Tricks gelernt, mit denen ich auch aus den schwächsten Schwingungen die menschliche Sprache dekodieren kann. Und diese Instrumente sind sehr empfindlich.«
»Worauf wartest du dann?« sagte Miro.
»Keine moralischen Bedenken wegen der Verletzung der Privatsphäre?«
»Nicht die geringsten«, erwiderte er. Ihr Überleben stand auf dem Spiel. Und er hatte sein Wort gehalten – die Tonüberwachung war ausgeschaltet. Ela konnte nicht hören, was gesprochen wurde.
Das Gespräch war anfangs nicht sehr ergiebig. Wie geht es dir? Sehr krank. Starke Schmerzen? Ja.
Schließlich durchbrach Pflanzer die freundlichen Formalitäten und kam zur Sache.
»Warum willst du, daß mein ganzes Volk versklavt bleibt?«
Quara seufzte – doch zu ihren Gunsten klang das Geräusch nicht aufgesetzt. Für Miros geübte Ohren schien es, als sei sie wirklich hin und her gerissen. Keineswegs so trotzig, wie sie es ihrer Familie vormachte. »Das will ich nicht«, sagte sie.
»Vielleicht hast du die Ketten nicht geschmiedet, doch du hast den Schlüssel dafür und weigerst dich, ihn zu benutzen.«
»Die Descolada ist keine Kette«, erwiderte sie. »Eine Kette ist ein Ding. Die Descolada lebt.«
»Ich auch. Mein ganzes Volk lebt. Warum ist das Leben der Descolada wichtiger als unseres?«
»Die Descolada tötet euch nicht. Euer Feind ist Ela und meine Mutter. Sie sind diejenigen, die euch alle töten würden, um zu verhindern, daß die Descolada sie tötet.«
»Natürlich«, sagte Pflanzer. »Natürlich würden sie das. Wie ich jeden von ihnen töten würde, um mein Volk zu schützen.«
»Also hast du keinen Streit mit mir.«
»Doch. Ohne das, was du weißt, werden sich die Menschen und Pequeninos schließlich töten. Sie haben keine Wahl. Solange die Descolada nicht gezähmt werden kann, wird sie schließlich die Menschheit töten, oder die Menschheit muß sie vernichten – und uns mit ihr.«
»Sie werden sie niemals vernichten«, sagte Quara.
»Weil du es nicht zuläßt.«
»Genausowenig, wie ich zulassen würde, daß sie euch vernichten. Vernunftbegabtes Leben ist nun mal vernunftbegabtes Leben.«
»Nein«, sagte Pflanzer. »Mit Ramännern kann man leben. Aber mit Varelse kann es keine Verständigung geben. Nur Krieg.«
»Das ist Unsinn!« sagte Quara. Dann führte sie die gleichen Argumente an wie im Gespräch mit Miro.
Als sie fertig war, herrschte einen Augenblick lang Stille.
»Unterhalten sie sich noch?« flüsterte Ela den Leuten zu, die die Sichtmonitore überwachten. Miro hörte keine Antwort – wahrscheinlich hatte jemand den Kopf geschüttelt.
»Quara«, flüsterte Pflanzer.
»Ich bin noch hier«, erwiderte sie. Der streitsüchtige Tonfall war wieder aus ihrer Stimme gewichen. Ihre grausame moralische Korrektheit hatte ihr keine Freude bereitet.
»Nicht deshalb weigerst du dich, uns zu helfen«, sagte er.
»Doch.«
»Du würdest mir sofort helfen, wenn du dich damit nicht deiner Familie beugen müßtest.«
»Das ist nicht wahr!« rief sie.
»Du bist dir nur so sicher, recht zu haben, weil sie sich so sicher sind, daß du dich irrst.«
»Ich habe recht!«
»Wann hast du jemanden gesehen, der keine Zweifel hatte, ob er recht hat?«
»Ich habe Zweifel«, flüsterte Quara.
»Höre auf deine Zweifel«, sagte Pflanzer. »Rette mein Volk. Und deins.«
»Wer bin ich, daß ich zwischen der Descolada und unserem Volk entscheiden kann?«
»Genau«, sagte Pflanzer. »Wer bist du, daß du so eine Entscheidung treffen kannst?«
»Ich treffe keine Entscheidung«, sagte sie. »Ich halte sie zurück.«
»Du weißt, was die Descolada bewerkstelligen kann. Du weißt, was sie bewerkstelligen wird. Indem du eine Entscheidung zurückhältst, triffst du eine.«
»Es ist keine Entscheidung. Es ist keine Tat.«
»Ist es kein Mord, wenn du einen Mord nicht verhinderst, den du leicht verhindern könntest?«
»Wolltest du mich deshalb sprechen? Als eine weitere Person, die mir sagt, was ich zu tun habe?«
»Ich habe das Recht dazu.«
»Weil du es auf dich genommen hast, ein Märtyrer zu werden und zu sterben?«
»Ich habe noch nicht den Verstand verloren«, sagte Pflanzer.
»Genau. Du hast deine Auffassung bewiesen. Jetzt können sie dir die Descolada injizieren und dich retten.«
»Nein.«
»Warum nicht? Bist du so sicher, daß du recht hast?«
»Über mein eigenes Leben kann ich entscheiden. Ich bin nicht wie du – ich treffe nicht die Entscheidung, daß andere sterben müssen.«
»Wenn die Menschheit stirbt, werde ich mit ihr sterben«, sagte Quara.
»Weißt du, warum ich sterben will?« sagte Pflanzer.
»Warum?«
»Damit ich nicht zusehen muß, wie Menschen und Pequeninos wieder einander töten.«
Quara senkte den Kopf.
»Du und Grego – ihr seid beide gleich.«
Tränen tropften auf die Sichtscheibe des Helms. »Das ist eine Lüge.«
»Beide weigert ihr euch, auf andere zu hören. Ihr wißt alles besser. Und wenn ihr fertig seid, sind viele unschuldige Geschöpfe tot.«
Sie stand auf, als wolle sie gehen. »Dann stirb doch«, sagte sie. »Warum sollte ich um dich weinen, wenn ich eine Mörderin bin?« Doch sie machte keinen Schritt. Sie will nicht gehen, dachte Miro.
»Verrate es ihnen«, sagte Pflanzer.
Sie schüttelte den Kopf, so heftig, daß Tränen aus ihren Augen flogen und ihr Visier benetzten. Wenn sie so weitermachten, konnte sie bald nichts mehr sehen.
»Wenn du sagst, was du weißt, sind alle klüger. Wenn du es geheimhältst, sind alle verloren.«
»Wenn ich es sage, wird die Descolada sterben!«
»Soll sie doch sterben!« schrie Pflanzer.