Ender erhob einen Einwand – da die Descolada die Pequeninos in einen kriegerischen, aggressiven Zustand versetzt haben mußte, würde der neue Virus sie vielleicht in diesem Zustand halten. Doch Ela und Quara antworteten übereinstimmend, daß sie absichtlich eine ältere Version der Descolada als Modell genommen hatten, aus einer Zeit, da die Pequeninos entspannter gewesen waren – ›mehr sie selbst‹. Die Pequeninos, die an dem Projekt mitarbeiteten, hatten zugestimmt; und sie hatten zu wenig Zeit, noch jemanden hinzuzuziehen außer Mensch und Wühler, die ebenfalls beipflichteten.
Mit den Informationen, die Quara ihnen über die Vorgehensweise der Descolada verraten hatte, ließ Ela auch ein Team an einem Killerbakterium arbeiten, das sich schnell in der gesamten Gaialogie des Planeten ausbreiten, die normale Descolada an jedem Ort und in jeder Form aufspüren, sie zerreißen und töten würde. Dieses Bakterium würde die alte Descolada an genau jenen Bestandteilen erkennen, die der neuen fehlte. Wenn sie die Recolada und das Killerbakterium gleichzeitig aussetzten, müßten sie die Descolada ausmerzen können.
Nur ein Problem blieb noch – die eigentliche Konstruktion des neuen Virus. An diesem Projekt arbeitete Ela von Mittag an. Quara brach zusammen und schlief, die meisten Pequeninos taten es ihr gleich. Doch Ela machte weiter, benutzte alle Werkzeuge, die ihr zur Verfügung standen, um den Virus aufzubrechen und so wieder zusammenzusetzen, wie sie ihn brauchte.
Als Ender am frühen Abend kam, um ihr zu sagen, daß sie den neuen Virus jetzt einsetzen mußten, wollten sie Pflanzer retten, brach sie ebenfalls zusammen und konnte nur noch vor Erschöpfung und Frustration weinen.
»Ich schaffe es nicht«, sagte sie.
»Dann sage ihm, daß du Erfolg gehabt hast, aber den neuen Virus nicht mehr rechtzeitig hinbekommst und…«
»Ich meine, es geht nicht.«
»Du hast ihn entworfen.«
»Wir haben ihn geplant, wir haben ihn entworfen, aber wir können ihn nicht herstellen. Die Descolada ist eine wirklich gemeine Konstruktion. Wir können ihn nicht aus Einzelteilen zusammensetzen, weil es zu viele Teile gibt, die nicht zusammenhalten, wenn wir in diese Teile nicht schon die Fähigkeit eingebaut haben, sich einander wieder aufzubauen, während sie noch zusammenbrechen. Und wir können keine Modifikationen des derzeitigen Virus vornehmen, wenn die Descolada nicht mindestens bruchstückhaft aktiv ist. Doch in diesem Fall hebt sie unsere Veränderungen schneller wieder auf, als wir sie durchführen können. Sie wurde so angelegt, daß sie sich ständig selbst überwacht, damit sie nicht verändert werden kann, und ist gleichzeitig in all ihren Einzelteilen so unstabil, daß man sie nicht neu herstellen kann.«
»Aber sie haben sie hergestellt.«
»Ja, aber ich weiß nicht, wie. Im Gegensatz zu Grego kann ich nicht einfach meine Wissenschaft aufgeben, auf einen metaphysischen Einfall zurückgreifen und mir Dinge herbeiwünschen. Ich muß mich an die Naturgesetze halten, wie sie hier und jetzt gelten, und die Naturgesetze lassen die Herstellung des Virus nicht zu.«
»Also kennen wir unser Ziel, finden aber nicht den richtigen Weg dorthin.«
»Bis gestern abend wußte ich nicht genug, um Vermutungen darüber anstellen zu können, ob wir diese neue Recolada überhaupt entwerfen können, und konnte daher auch nicht wissen, ob wir es überhaupt schaffen würden. Ich habe gedacht, wenn wir den Virus entwerfen können, können wir ihn auch bauen. Ich habe nur den Augenblick abgewartet, in dem Quara nachgibt, um es zu versuchen. Bislang haben wir jedoch nur festgestellt, daß es unmöglich ist. Quara hatte recht. Wir wissen jetzt eindeutig genug, um jeden Descolada-Virus auf Lusitania töten zu können. Aber wir können nicht die Recolada herstellen, die die Descolada ersetzen und das Leben auf Lusitania funktionsfähig halten könnte.«
»Wenn wir also das Mordbakterium einsetzen…«
»Würden innerhalb von einer oder zwei Wochen alle Pequeninos auf Lusitania dort sein, wo Pflanzer jetzt ist. Und alle Gräser und Vögel und Ranken und alles. Versengte Erde. Eine ungeheuerliche Tat. Quara hatte recht.« Sie weinte wieder.
»Du bist nur übermüdet.« Es war Quara, die gerade erwacht war. Sie sah schrecklich aus; der Schlaf hatte sie nicht erfrischt.
Ela konnte ihrer Schwester nicht antworten.
Quara sah aus, als wolle sie etwas Grausames sagen, etwa: Na, habe ich es dir nicht gesagt? Doch sie überlegte es sich anders, ging zu Ela und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Du bist müde, Ela. Du mußt schlafen.«
»Ja«, sagte Ela.
»Aber zuerst wollen wir es Pflanzer sagen.«
»Uns von ihm verabschieden, meinst du.«
»Ja, das meine ich.«
Sie begaben sich zu dem Labor, in dem sich Pflanzers Isolierraum befand. Die Pequenino-Forscher, die geschlafen hatten, waren wieder wach und hatten sich zusammengefunden, um in Pflanzers letzten Stunden über ihn zu wachen. Miro war wieder bei Pflanzer, und diesmal baten sie ihn nicht zu gehen, obwohl Ender wußte, daß sowohl Ela als auch Quara gern zu ihm gegangen wären. Statt dessen sprachen sie über das Lautsprechersystem mit ihm und erklärten ihm, was sie entdeckt hatten. Dieser halbe Erfolg war auf seine Art schlimmer als ein kompletter Fehlschlag, denn er konnte leicht zur Vernichtung aller Pequeninos führen, wenn die Menschen auf Lusitania nur verzweifelt genug sein würden.
»Ihr werdet es nicht benutzten«, flüsterte Pflanzer. Die Mikrofone konnten trotz ihrer Empfindlichkeit seine Stimme kaum aufnehmen.
»Wir nicht«, sagte Quara. »Aber wir sind nicht die einzigen Menschen hier.«
Seine letzten Worte waren nicht verständlich; sie lasen später seine Lippenbewegungen von der Holoaufzeichnung ab, um zu erfahren, was er gesagt hatte. Und nachdem er es gesagt und ihre Abschiedsworte vernommen hatte, starb er.
In dem Augenblick, da die Überwachungsgeräte seinen Tod bestätigten, stürmten die Pequeninos der Forschergruppe in den Isolierraum. Sterilisation war jetzt überflüssig; im Gegenteil, sie wollten die Descolada mit sich bringen. Sie schoben Miro barsch aus dem Weg und machten sich an die Arbeit, injizierten den Virus in jeden Teil von Pflanzers Körper, Hunderte von Injektionen in ein paar Augenblicken. Sie hatten sich offensichtlich darauf vorbereitet. Sie würden Pflanzers Opfer im Leben respektieren – doch sobald er erst tot und seine Ehre gewahrt war, versuchten sie alles, um ihn für das dritte Leben zu retten, falls dies möglich sein sollte.
Sie brachten ihn auf die Lichtung, auf der Mensch und Wühler standen, und legten ihn auf eine vorher markierte Stelle, so daß er mit den beiden jungen Vaterbäumen ein gleichschenkliges Dreieck bildete. Sie zogen ihm die Haut ab und öffneten seine Leiche. Innerhalb von ein paar Stunden wuchs ein Baum, und kurze Zeit über bestand Hoffnung, daß es sich um einen Vaterbaum handelte. Doch die Brüder, die darin erfahren waren, einen jungen Vaterbaum zu erkennen, brauchten nur ein paar Tage, um zu erkennen, daß der Versuch gescheitert war. Der Baum verfügte über Leben und enthielt Pflanzers Gene; doch die Erinnerungen, der Wille, die Person waren verloren. Der Baum war stumm; er verfügte über keinen Verstand, der mit den anderen Vaterbäumen ständig Zwiesprache halten konnte. Pflanzer hatte den Entschluß gefaßt, sich von der Descolada zu befreien, selbst wenn es bedeutete, daß er das dritte Leben verlor, das das Geschenk der Descolada an jene war, die sie besaß. Er hatte Erfolg gehabt und, indem er verloren hatte, gewonnen.
Er hatte auch noch mit etwas anderem Erfolg gehabt. Die Pequeninos nahmen Abstand von der Gewohnheit, den Namen eines bloßen Bruderbaums schnell zu vergessen. Obwohl keine kleine Mutter jemals über seine Borke kriechen würde, wurde der Bruderbaum, der aus seiner Leiche gewachsen war, als Pflanzer bekannt und mit Respekt behandelt, als wäre er ein Vaterbaum. Überdies wurde seine Geschichte immer und immer wieder auf ganz Lusitania erzählt, überall, wo Pequeninos lebten. Er hatte bewiesen, daß die Pequeninos auch ohne die Descolada intelligent waren; er hatte ein edles Opfer gebracht, und der Name Pflanzer erinnerte alle Pequeninos an ihre grundlegende Freiheit von dem Virus, der sie in Ketten gelegt hatte.