Kapitel 16
Die Reise
›Also steht den Menschen ihr Sternenschiff schon jetzt zur Verfügung, während das, was du für uns baust, noch nicht fertig ist.‹
›Sie wollen einen Kasten mit einer Tür. Kein Antrieb, kein Lebenserhaltungssystem, keine Frachträume. Das eure und das unsrige sind viel komplizierter. Wir haben es nicht langsam angehen lassen, und sie werden bald fertig sein.‹
›Ich beschwere mich wirklich nicht. Ich will auch, daß Enders Schiff zuerst fertig ist. Es ist dasjenige, das wirkliche Hoffnung trägt.‹
›Für uns auch. Wir stimmen mit Ender und seinen Leuten überein, daß die Descolada hier auf Lusitania niemals getötet werden darf, außer es gelingt irgendwie, die Recolada zu schaffen. Doch wenn wir neue Schwarmköniginnen zu anderen Welten schicken, werden wir an Bord der Sternenschiffe, die sie befördern, die Descolada töten, damit keine Gefahr besteht, unsere neue Heimat zu verseuchen. Damit wir ohne Furcht vor der Vernichtung durch diese künstlichen Varelse leben können.‹
›Was ihr auf eurem Schiff tut, geht uns nichts an.‹
›Mit etwas Glück wird es nicht soweit kommen. Ihr neues Sternenschiff wird den Weg ins Außen finden, mit der Recolada zurückkehren, euch und auch uns befreien, und dann wird das neue Schiff uns zu so vielen Welten transportieren, wie wir wollen.‹
›Wird der Kasten funktionieren, den du für sie gebaut hast?‹
›Wir wissen, daß es den Ort, an den sie gehen, wirklich gibt; wir rufen unser Selbst von dort. Und die Brücke, die wir geschaffen haben, jene, die Ender Jane nennt, ist ein Muster, wie wir es noch nie zuvor gesehen haben. Wenn es jemand kann, dann eine wie sie. Wir könnten es nie.‹
›Werdet ihr gehen? Wenn das neue Schiff funktioniert?‹
›Wir werden Tochter-Königinnen schaffen, die meine Erinnerungen mit auf andere Welten nehmen. Doch wir selbst werden hier bleiben. Dieser Ort, an dem ich aus meinem Kokon kam, ist auf ewig meine Heimat.‹
›Also bist du hier genauso verwurzelt wie ich.‹
›Dafür sind ja die Töchter da. Um dorthin zu gehen, wohin wir niemals gehen werden, um unsere Erinnerungen an Orte mitzunehmen, die wir niemals sehen werden.‹
›Aber wir werden sie sehen. Oder nicht? Du hast gesagt, daß die philotischen Verbindungen bestehen bleiben werden.‹
›Wir haben über die Reise durch die Zeit nachgedacht. Wir leben lange, wir Schwärme, ihr Bäume. Aber unsere Töchter und ihre Töchter werden uns überleben. Nichts kann das ändern.‹
Qing-jao hörte ihnen zu, als sie ihr erklärten, welche Wahlmöglichkeiten sie hatten.
»Warum sollte es mich interessieren, wie ihr euch entscheidet?« sagte sie, als sie fertig waren. »Die Götter werden über euch lachen.«
Vater schüttelte den Kopf. »Das werden sie nicht, meine Tochter, ›Strahlend Helle‹. Die Götter geben nicht mehr um Weg als um jede andere Welt auch. Die Menschen von Lusitania werden einen Virus schaffen, der uns alle befreien kann. Keine Rituale mehr, keine Fesseln aufgrund der Unordnung in unseren Gehirnen. Also frage ich dich noch einmal. Sollen wir es tun, wenn es uns möglich ist? Es würde hier Unordnung schaffen. Wang-mu und ich haben geplant, wie wir vorgehen werden, wie wir ankündigen werden, was wir tun, damit das Volk es versteht, damit die Gottberührten nicht dahingemetzelt werden, sondern ihre Privilegien mit der Zeit aufgeben können.«
»Privilegien bedeuten nichts«, sagte Qing-jao. »Das hast du selbst mich gelehrt. Durch sie drücken die Menschen nur ihre Ehrfurcht vor den Göttern aus.«
»Ach, meine Tochter, wenn ich doch nur wüßte, daß auch die anderen Gottberührten unsere bescheidene Sicht der Dinge mit uns teilen. Aber zu viele von ihnen glauben, es sei ihr Recht, Forderungen zu stellen und andere Menschen zu unterdrücken, weil die Götter zu ihnen und nicht zu den anderen sprechen.«
»Dann werden die Götter sie bestrafen. Ich fürchte mich nicht vor deinem Virus.«
»Doch, du fürchtest dich davor, Qing-jao. Ich sehe es.«
»Wie kann ich meinem Vater sagen, daß er nicht sieht, was zu sehen er behauptet? Ich kann nur sagen, daß ich blind sein muß.«
»Ja, meine Qing-jao, du bist blind. Betriebsblind. Blind in deinem Herzen. Denn du zitterst sogar in diesem Augenblick. Du hast niemals mit Sicherheit gewußt, daß ich mich irre. Von dem Augenblick an, da Jane uns die wahre Natur der sprechenden Götter gezeigt hat, bist du dir nicht mehr sicher, was die Wahrheit ist.«
»Dann bin ich mir nicht mehr sicher, daß die Sonne aufgehen wird. Daß ich atme.«
»Wir alle wissen nicht, ob wir gleich noch atmen werden, und die Sonne bleibt an ihrer Stelle, Tag und Nacht. Sie geht weder auf, noch versinkt sie. Wir sind diejenigen, die auf- und untergehen.«
»Vater, ich habe von diesem Virus nichts zu befürchten.«
»Dann ist unsere Entscheidung gefallen. Wenn die Lusitanier uns den Virus geben können, werden wir ihn einsetzen.« Han Fei-tzu erhob sich, um ihr Zimmer zu verlassen.
Doch ihre Stimme hielt ihn auf, bevor er die Tür erreichte. »Dann ist das also die Verkleidung, die die Strafe der Götter annehmen wird, nicht wahr?«
»Was?«
»Wenn sie Weg bestrafen, weil du gegen die Götter gearbeitet hast, die dem Kongreß ihr Mandat gegeben haben – werden sie ihre Strafe dann als Virus verkleiden, der sie anscheinend verstummen läßt?«
»Ich wünschte, Hunde hätten mir die Zunge herausgerissen, bevor ich dich lehrte, so zu denken.«
»Die Hunde reißen bereits an meinem Herz«, antwortete Qing-jao. »Vater, ich bitte dich, tue es nicht. Laß nicht zu, daß deine Aufsässigkeit die Götter dazu bewegt, auf dem gesamten Antlitz dieser Welt zu schweigen.«
»Ich werde es tun, Qing-jao, damit keine Töchter oder Söhne mehr als Sklaven aufwachsen müssen, wie es bei dir der Fall war. Wenn ich daran denke, wie du dein Gesicht fast auf den Boden drückst und die Linien im Holz verfolgst, möchte ich die Körper derjenigen zerschneiden, die dir dies aufgezwungen haben, bis ihr Blut Linien erzeugt, die ich dann gern verfolgen werde, um zu wissen, daß sie bestraft worden sind.«
Sie weinte. »Vater, ich bitte dich, erzürne die Götter nicht.«
»Jetzt bin ich mehr denn je entschlossen, den Virus freizusetzen, falls er kommt.«
»Was kann ich tun, um dich zu überzeugen? Wenn ich nichts sage, wirst du es tun, und wenn ich dich bitte, es nicht zu tun, wirst du es nur um so sicherer tun.«
»Weißt du, wie du mich aufhalten könntest? Du könntest zu mir sprechen, als wüßtest du, daß die Stimmen der Götter das Produkt einer Geisteskrankheit sind. Und wenn ich dann wüßte, daß du die Welt klar und deutlich siehst, könntest du mich mit guten Argumenten überzeugen, daß solch eine schnelle, vollständige und verheerende Veränderung nur schädlich sein würde.«
»Also muß ich meinen Vater belügen, um ihn zu überzeugen?«
»Nein, meine ›Strahlend Helle‹. Um deinen Vater zu überzeugen, muß du ihm zeigen, daß du die Wahrheit verstehst.«
»Ich verstehe die Wahrheit«, sagte Qing-jao. »Ich verstehe, daß du mir von einem Feind gestohlen wurdest. Ich verstehe, daß ich jetzt nur noch die Götter habe, und Mutter, die unter ihnen ist. Ich bitte die Götter, mich sterben zu lassen, damit ich mich zu ihr gesellen kann und nicht mehr die Schmerzen ertragen mußt, die du mir zufügst, doch sie lassen mich noch auf dieser Welt verweilen. Ich glaube, es bedeutet, daß ich sie noch verehren soll. Vielleicht bin ich noch nicht rein genug. Oder vielleicht wissen sie, daß sich dein Herz wieder wenden und du wieder zu mir kommen wirst wie früher einmal, und ehrbar von den Göttern sprechen und mich lehren wirst, eine wahre Dienerin zu sein.«