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»Das wird nie geschehen«, sagte Han Fei-tzu.

»Einst habe ich gedacht, du könntest eines Tages der Gott von Weg sein. Nun sehe ich, daß du keineswegs der Beschützer dieser Welt, sondern ihr dunkelster Feind bist.«

Han Fei-tzu schlug die Hände vors Gesicht und verließ weinend den Raum. Solange sie die Stimme der Götter hörte, konnte er sie niemals überzeugen. Doch vielleicht würde sie auf ihn hören, wenn sie den Virus einsetzten, wenn die Götter verstummten. Vielleicht konnte er sie dann zur Vernunft zurückführen.

Sie saßen in dem Sternenschiff – es sah eher aus wie zwei Metallkuppeln, eine über die andere gelegt, mit einer Tür in der Seite. Janes Entwurf, sorgfältig ausgeführt von der Schwarmkönigin und ihren Arbeitern, sahen zahlreiche Instrumente auf der Außenseite des Schiffes vor. Doch selbst mit diesem Gewimmel von Sensoren erinnerte es an kein Sternenschiff, das je zuvor erbaut worden war. Es war viel zu klein, und es gab keinen sichtbaren Antrieb. Die einzige Energie, die dieses Schiff irgendwo hin tragen konnte, war die unsichtbare Aiua, die Ender mit sich an Bord brachte.

Sie saßen sich in einem Kreis gegenüber. Es befanden sich sechs Sessel an Bord, weil die Chance bestand, daß Janes Muster es ermöglichte, das Schiff immer wieder einzusetzen und somit mehr Passagiere von einer Welt zur anderen zu befördern. Sie hatten jeden zweiten Sessel besetzt, so daß sie ein Dreieck bildeten: Ender, Miro, Ela.

Alle Abschiedsworte waren gesprochen. Schwester und Brüder, andere Verwandte und viele Freunde waren gekommen. Das Fehlen einer Person war jedoch besonders schmerzlich. Novinha. Enders Frau, Miros und Elas Mutter. Sie wollte damit nichts zu tun haben. Das war das einzig echte Leid beim Abschied.

Der Rest bestand aus Furcht und Aufregung, Hoffnung und Unglaube. Vielleicht waren sie nur einen Augenblick vom Tod entfernt. Vielleicht waren sie nur einen Augenblick davon entfernt, die Reagenzgläser auf Elas Schoß mit den Viren zu füllen, die für zwei Welten die Erlösung bedeuten würden. Vielleicht waren sie die Pioniere einer neuen Art von Sternenflug, die die durch das M.D.-Gerät bedrohte Spezies retten würde.

Vielleicht waren sie auch einfach nur drei Narren, die auf einer Wiese vor dem Umzäunung der menschlichen Kolonie Lusitanias saßen, bis es so heiß und stickig in ihrem Raumschiff wurde, daß sie es verlassen mußten. Natürlich würde niemand lachen, der draußen wartete, doch in der ganzen Stadt würde es Gelächter geben, Gelächter der Verzweiflung. Es würde bedeuten, daß es keinen Ausweg gab, keine Freiheit, nur immer mehr Furcht, bis der Tod in einer seiner vielen möglichen Verkleidungen kam.

»Bist du bei uns, Jane?« fragte Ender.

Die Stimme in seinem Ohr klang gelassen. »Während ich dies tue, Ender, kann ich keinen Teil von mir erübrigen, um mich mit dir zu unterhalten.«

»Also wirst du bei uns, aber stumm sein«, sagte Ender. »Wie soll ich wissen, daß du noch da bist?«

Sie lachte leise in seinem Ohr. »Törichter Junge, Ender. Wenn du noch da bist, bin ich in dir. Und wenn ich nicht in dir bin, gibt es auch kein ›dort‹ mehr, in dem du sein kannst.«

Ender stellte sich vor, wie er in eine Billiarde zusammengesetzter Teile zerbrach und sich im Chaos verstreute. Das persönliche Überleben hing nicht nur davon ab, daß Jane das Muster des Schiffes zusammenhielt, sondern auch, daß er das Muster seines Körpers und Geistes zusammenhalten konnte. Doch er hatte keine Ahnung, ob sein Geist wirklich stark genug war, um dieses Muster aufrechtzuhalten, sobald er dort war, wo die Naturgesetze keine Geltung mehr hatten.

»Fertig?« fragte Jane.

»Sie fragt, ob wir bereit sind«, sagte Ender.

Miro nickte bereits. Ela senkte den Kopf. Nach einem Augenblick bekreuzigte sie sich, umfaßte dann fest das Gestell mit den Reagenzgläsern auf ihrem Schoß und nickte.

»Wenn wir gehen und zurückkommen, Ela«, sagte Ender, »war es kein Fehlschlag, obwohl du vielleicht nicht den Virus schaffen konntest, den du brauchst. Wenn das Schiff funktioniert, können wir jederzeit zurückkehren. Glaube nicht, daß alles davon abhängt, was du dir heute vorstellen kannst.«

Sie lächelte. »Ich werde nicht überrascht sein, wenn es einen Fehlschlag gibt, doch ich bin auch auf den Erfolgsfall vorbereitet. Mein Team steht bereit, Hunderte von Bakterien in die Welt freizugeben, wenn ich mit der Recolada zurückkomme und wir die Descolada ersetzen können. Es ist riskant, doch innerhalb von fünfzig Jahren wird diese Welt wieder eine sich selbst regulierende Gaialogie sein. Ich habe eine Vision von Rotwild und Vieh im hohen Gras Lusitanias und von Adlern im Himmel.« Dann sah sie wieder auf die Reagenzgläser auf ihrem Schoß. »Ich habe auch ein Gebet an die Mutter Gottes gesprochen, damit derselbe Heilige Geist, der Gott in ihrem Leib erschuf, zurückkehrt und Leben hier in diesen Gefäßen erschafft.«

»Amen«, sagte Ender. »Und wenn du jetzt bereit bist, Jane, können wir loslegen.«

Vor dem kleinen Sternenschiff warteten die anderen. Was erwarteten sie? Daß das Schiff anfangen würde zu qualmen und zu rütteln? Daß es einen Donnerschlag, einen Lichtblitz geben würde?

Das Schiff war da. Es war da und noch immer da, bewegte sich nicht, veränderte sich nicht. Und dann war es verschwunden.

Im Schiff fühlten sie nichts, als es geschah. Es gab kein Geräusch, keine Bewegung, die andeutete, daß sie vom Innen- in den Außen-Raum geglitten waren.

Doch sie wußten, in welchem Augenblick es geschah, denn plötzlich waren sie nicht mehr zu dritt, sondern zu sechst.

Ender stellte fest, daß er neben einem jungen Mann und einer jungen Frau saß. Aber er hatte keine Zeit, sie anzusehen, denn er konnte nur den jungen Mann anstarren, der in dem gerade noch leeren Sitz ihm gegenüber saß.

»Miro«, flüsterte er. Denn um ihn handelte es sich. Aber nicht um den Krüppel Miro, den mißgestalteten jungen Mann, der das Schiff mit ihm betreten hatte. Der saß noch immer auf dem zweiten Sessel links von Ender. Dieser Miro war der junge Mann, dem Ender zuerst begegnet war. Der Mann, dessen Stärke die Hoffnung seiner Familie, dessen Schönheit der Stolz von Ouandas Leben gewesen war, dessen Verstand und Herz Mitgefühl an den Pequeninos genommen und der sich geweigert hatte, sie ohne die Vorzüge zurückzulassen, die ihnen seiner Meinung zufolge die menschliche Kultur anbieten konnte. Miro, ganz und wiederhergestellt.

Woher war er gekommen?

»Ich hätte es wissen müssen«, sagte Ender. »Wir hätten daran denken müssen. Das Muster, das du von dir im Sinn hast, Miro – es ist nicht das, was du bist, sondern das, was du warst.«

Der neue, junge Miro hob die Hand und lächelte Ender an. »Ich habe daran gedacht«, sagte er, und seine Aussprache war klar und wunderschön. Die Worte rollten ganz leicht von seiner Zunge. »Ich habe darauf gehofft. Deshalb habe ich Jane auch gebeten, mich mitzunehmen. Und es erwies sich als wahr, Ender. Genau, wie ich es mir gewünscht habe.«

»Aber jetzt gibt es zwei von euch«, sagte Ela. Sie klang entsetzt.

»Nein«, sagte der neue Miro. »Nur mich. Nur das wahre Mich.«

»Aber der andere ist auch noch da«, sagte sie.

»Nicht mehr lange, glaube ich«, erwiderte Miro. »Diese alte Hülle ist jetzt leer.«

Und es stimmte. Der alte Miro sackte wie ein Toter in seinem Sitz zusammen. Ender kniete vor ihm nieder, drückte die Finger auf Miros Hals und fühlte nach dem Puls.

»Warum sollte sein Herz noch schlagen?« sagte Miro. »Ich bin der Ort, in dem sich Miros Aiua befindet.«

Als Ender den Finger von der Kehle des alten Miro nahm, löste sich die Haut. Ender schreckte zurück. Der Kopf fiel von den Schultern auf den Schoß der Leiche. Dann zerfiel er zu einer weißlichen Flüssigkeit. Ender sprang auf und wich zurück. Er trat jemandem auf den Fuß.